Natürlich ist man mit großer Skepsis hingegangen. "Unsichtbare Sterne" hatte im TIP, dem Jugendtheater der Maßbacher. "In Sophie Reyers bewegender Innenschau begegnen wir den ,Wirklichkeiten" eines Mädchens mit Down-Syndrom" hieß es in der Ankündigung. Das weckte Befürchtungen vor gnadenlosem Gutmenschentheater, fürsorglicher Belagerung und grenzenlosem Verständnis.

Es hätte ja auch so kommen können. Aber es kam ganz anders. Dass diese Befürchtungen überhaupt nicht eintrafen, lag zum einen an dem Wörtchen Innenschau. Für Gutmenschen war da kein Raum. Und dann erwies sich der Text von Sophie Reyer, den Julia Kren, die Theaterpädagogin des Hauses, mit Jehanne Worch als Mädchen La inszeniert hatte, als außerordentlich sensibel und trotzdem informativ und überraschend spannend.

Man brauchte als Zuschauer und vor allem Zuhörer schon etwas Zeit, um in den Text hineinzufinden - ganz kann das ja ohnehin nicht gelingen. Denn La startet auf der sprachlichen und denkenden Ebene, die der Mensch ohne Down-Syndrom oder mit intaktem 23. Chromosom erst einmal finden muss. Es beginnt ja noch vertraut: "Ich bin La", sagt Jehanne Worch, "Ich lache, wenn ich Ma sehe. Wir haben einen ganz eigenen Takt. Wenn ich groß bin, will ich so sein wie sie und am Tag traurige Musik hören. Eine Musik, in der ein kleines bisschen Schönheit liegt. Ma sagt, dass es darauf ankommt. Auf dieses bisschen Schönheit, das den Tag zu einem frohen macht..." Aber dann driftet sie, Seifenblasen fangend, ab in ihre eigene Welt.

Konkretes muss man sich allmählich und geduldig zusammensuchen: dass sie weiß, dass sie anders ist als die meisten Kinder, dass sie ihre Mutter als einzige wirklich liebt, dass der Vater, offenbar Alkoholiker, eines Tages plötzlich verschwunden war, dass sie ihrem kleinen Bruder wohl eines Tages ein Auge ausgestochen hat und dann vorübergehend, wie er auch, in einem Heim war. Das Gegenteil von gut ist für La nicht schlecht, sondern rund, was sie über das Aussehen definiert: "Die Menschen mögen es nicht, wenn man rund ist. Ein rundes Gesicht ist nicht richtig", sagt sie.

Aber rund scheint auch ein Synonym für ruhig zu sein. Manches fügt sich zusammen. Vieles bleibt Bruchstück oder taucht unvermittelt wieder auf in dem assoziativen Gewirr. Fast wie in einem Musikstück ziehen sich durch dieses Gewirr die beiden Motive des "Rundseins" und des "Nichtrichtigseins", die in dem Moment zerbrechen, als La plötzlich die Erde von außen betrachtet und feststellt, dass sie rund ist. Und das kann ja eigentlich nicht falsch sein. Aber sie traut sich nicht: "Mit den Worten habe ich es nicht so."

Es werden zwei Scheren deutlich, die sich da öffnen. Zum einen begreift La mehr, als sie artikulieren kann - was sie vielleicht könnte, wenn sie in einer intakteren Familie stärker gefördert würde. Zum anderen weiß Jehanne Worch natürlich mehr als La. Denn ohne ein bisschen Außensicht funktioniert auch die Innensicht nicht als Bühnenereignis. Und die wird behutsam integriert, wie etwa Hinweise auf pränatale Diagnostik, die La sicher nicht begriffen hätte. Aber sie weiß, dass es bei ihrer Geburt erhebliche Bedenken gab, hat die in ihre Assoziationsketten integriert.
Julia Kren und Jehanne Worch schufen ein Mädchen La von hoher Glaubwürdigkeit. Zum einen machte die agogische Gestaltung der Rolle ganz deutlich, dass sie in einer ganz eigenen Welt mit ihrer eigenen Zeit lebt - auch die Pausen hatten hohe gestalterische Kraft, aber auch, wie gefährdet diese Welt von außen ist, wie groß die Gefahr von Las plötzlichem Abtauchen, wenn"s zu schwierig wird. Zudem zeigte Jehanne Worch sehr deutlich und mit großer Konzentration die emotionalen Schwankungen und die Probleme des Mädchens, seine Gedanken und Worte zusammenzubringen.
Das Hermetische machte aber auch die Bühne (Jörn Hagen) deutlich: völlig schwarz gehalten, nur mit ein paar kleinen Lichter(sternen)ketten und ein paar Spielrequisiten ausgestattet - und mit einem an der Decke aufgehängten schwankenden, ebenfalls schwarzen Podest, auf das sich La immer wieder zum Nachdenken legt - fest und dennoch schwankend. Und die Musik-, Geräusch- und Stimmeneinspielungen (Constantin Kren) sind verschwommen, in Las hermetischer Welt nur unklar vernehmbar.
Es war mutig, ein solches Stück zu schreiben und auf die Bühne zu bringen, denn es wird immer wieder Leute geben, die genau wissen, dass alles so gar nicht sein kann. Muss es auch nicht. Denn was "Unsichtbare Sterne" tatsächlich erreichte, war eine starke Sensibilisierung für das Thema. Und was will Theater mehr? Leider wurde das Stück nur zweimal gespielt.