Es war eine Operngala, wie sie sein sollte: mit einem bestens disponierten, nicht angenervten Weltstar an der Rampe, mit einem Orchester, das Sänger wirklich begleiten und dabei auch noch eigene Impulse setzen kann und dem das auch noch Spaß zu machen scheint, und mit einem Dirigenten, der den ganzen Laden wirklich zusammenhalten und leiten kann. Oder anders gesagt: mit dem Tenor Joseph Calleja aus Malta, dem Münchner Rundfunkorchester und dem spanischen Dirigenten Ramón Tebar. Und es war ein italienisch-französisches Programm, das nicht nur leicht zu Singendes und leicht Verdauliches vereinte - und vor allem: Es war nicht überfrachtet: Um 20.45 Uhr, also nach eindreiviertel Stunden, konnte die Strecke der Zugaben beginnen.
Joseph Calleja ist ein phantastischer lyrischer Tenor, der es sich leisten kann, ohne jeden Vorbehalt zu singen, der sich auf seine Intonation und auf ein Stimmgedächtnis hundertprozentig verlassen kann. Er ist ja auch ein enormer Blasebalg. Für die Zuhörer ist das nicht nur schön, weil man immer gerne einen Sänger hört, der richtig singt und ausgezeichnet artikuliert. Sondern weil man beobachten kann, wie sich auch eine derart offen ausgestellte Stimme dieses Kalibers im Laufe eines Konzerts verändert. Zu Beginn brauchte Calleja noch mehr Kraft, um seine Töne da hinzusetzen, wo er sie haben wollte - besonders auffällig bei Giuseppe Verdis "Celeste Aida", wo er das hohe "b" zum Schluss natürlich erreichte; aber er muste noch ein bisschen stemmen. Dieser Kraftaufwand wurde immer geringer, je weicher, elastischer und strahlender die Stimme wurde.
So wurde nicht nur der "Verdi-Block" zum puren Genuss, selbst der trostlose "Macbeth", aus dem Calleja Macduffs resignierte und doch kämpferische Arie "O figli miei ... Ah, la paterno mano" sang. Oder die abgrundtiefe Enttäuschung des Rodolfo ("Luisa Miller"), als er aus einem abgepressten Brief erfährt, dass ihn Luisa nie geliebt habe. Oder das dünne Eis, auf dem das Glück des Manrico in "Il trovatore" ruht. Natürlich durfte Enrico Carusos so gut in der Stimme liegende Lieblingsarie "E la solita storia" aus Francesco Cileas "L'Arlesiana" nicht fehlen.
Aber es zeigte sich auch, wie gut Calleja das französische Fach liegt, der französische Legatogesang ebenso wie die ungewöhnlich klare Artikulation, als er sich die abgrundtiefe Enttäuschung des Don José ("La fleur, que tu m'avais jetée" in Georges Bizets "Carmen" sang. Wie er Werthers Leidenschaft in Jules Massenets berühmtem Schlüsselwerk in "Pourquoi me réeveiller?" von der Seele sang. Oder wie er genüsslich und humorvoll in dem Lied von Klein-Zack in Jacques Offenbachs "Les contes d'Hoffmann" mit dem harten deutschen "ck" spielte.
Für manchen war freilich einer der großen Ohrwürmer der Höhepunkt des Abends - obwohl die Arie eigentlich nicht zu pfeifen ist, sich dafür aber umso fester im Hinterkopf festsetzt: "E lucevan le stelle" aus Giacomo Puccinis "Tosca". Nicht nur, weil das eine großartige, hochemotionale Musik ist. Und nicht nur, weil - und das zeigte sich mal wieder im direkten Vergleich - Puccini in der Charakterisierung seiner Personen in seiner Musik deutlich besser und näher dran war als Verdi. Sondern vor allem, weil Joseph Callja diese Nähe außerordentlich differenziert und ausdrucksstark sang. Und man bemerkte plötzlich, dass man erstmals nicht nur dem liebenden, sondern auch dem Revolutionär Cavaradossi glaubte.


Zum Duett aufgewertet

Man muss aber auch sagen, dass diese Arie zum Duett aufgewertet war. Sie wäre ein kleines bisschen wirkungsärmer gewesen, wenn der Klarinettist Martin Möhler seine Stimme im Hintergrund nicht so präsent und anrührend zugleich geblasen hätte. Der junge Rostocker ist zurzeit Akademist an der Dresdner Semperoper im zweiten Jahr. Die Münchner sollten ihn sich sichern.
Das Münchner Rundfunkorchester war Joseph Calleja der erwartet starke Partner, der mit Ramón Tebar kongeniale Stimmungshintergründe entwickelte, den 40-Jährigen aber auch auf seinem hohem Niveau forderte. Das Ergebnis waren ungemein dichte, plastische, hoch emotionale Szenarien.
Aber auch in den Ouvertüren nutzten die Müncher die Gelegenheit, sich von ihrer besten, engagierten, musikantischen Seite zu zeigen. Den Dauerbrenner der "Barcarolle" aus "Hoffmanns Erzählungen" hatte man ja eigentlich nie mehr hören wollen. Aber wenn sie so gespielt wird, wie es die Münchner taten, musste man halt doch wieder zuhören.
Joseph Calleja ließ sich nicht umständlich um Zugaben bitten. Er sang noch "Non ti scordar di me" von Ernesto de Curtis, "Mattinata" von Ruggierio Leoncavallo und "O sole mio" von Eduardo Di Capua. Als ihm damit die Zugaben ausgegangen waren, wiederholte er noch einmal die schönste Arie des Abends: "E lucevan le stelle". Hoffentlich geht er uns nicht zu schnell an Richard Wagner verloren. Immerhin hat er ja schon den Otello in der Pipeline.