Einen eigenen Polizei-Dienstposten hatte Nüdlingen noch bis vor 55 Jahren. Dieser gehörte bis zur Schließung zur Landpolizei in Bayern. Schon vor der großen Umstrukturierung im Jahr 1962, als alle Landpolizeistationen aufgelöst und der Inspektion in Bad Kissingen zugeordnet wurden, fiel der Posten in Nüdlingen am 30. September 1957 einer Neugliederung zum Opfer. Er wurde, wie auch die Landpolizei-Posten in Poppenlauer, Kleinwenkheim und Poppenroth, wegen chronischer Unterbesetzung aufgelöst.

Vor dem Jahr 1919 waren Nüdlingen und Haard vom Gen darmerieposten Münnerstadt und Winkels vom Gendarmerie-Posten Bad Kissingen betreut worden. Da es der Sicherheitszustand nach dem ersten Weltkrieg erforderlich machte, fiel die Entscheidung, für Nüdlingen und Haard ein Gendarmerie-Einzelposten zu errichten - besetzt mit einer Person. "Dieser Einzelposten gehörte zu einem der bekanntesten Posten, denn fast jeder Postenchef wurde verprügelt", ist noch heute in der Chronik der Landpolizei nachzulesen. Winkels gehörte seinerzeit noch zum Gendarmerie-Posten Bad Kissingen. Später änderte sich das, und Winkels wurde auch von Nüdlingen aus betreut.

Für die Winkelser war die Polizeichronik voll des Lobes: "In Winkels ist der Menschenschlag ein wesentlich anderer. Diese Menschen leben mehr nach Ordnung und Gesetz und die Polizei hat in diesem Orte weniger zu tun." Mit den Nüdlingern und Haardern hätten es die Polizisten dagegen nicht so leicht gehabt: "Die einheimische Bevölkerung, insbesondere aber die von den Orten Nüdlingen und Haard genießt in der Umgebung keinen guten Schlag. Sie ist in ihrer Art ein ganz harter, derber und schwer zu behandelnder Menschenschlag", heißt es in der Chronik.

In Gefangenschaft

Gegen Ende des Zweiten Weltkriegs war der Nüdlinger Posten zunächst immer noch nur mit einer Person besetzt - mit Alfons Kampmann. Er wurde am 8. April 1945 auf dem Weg nach Münnerstadt von den Amerikanern gefangen genommen und mit anderen gefangenen Gendarmen nach Südfrankreich gebracht. Dort musste er bis zum September 1945 bleiben.

Mit dem Einmarsch der Amerikaner wurde auch der Gendarmerieposten in Nüdlingen aufgelöst. Als Kampmann zurückkehrte, gab es in Nüdlingen bereits eine neue Polizeistation. Damit war sein Posten neu besetzt. Wegen seiner Zugehörigkeit zur NSDAP wurde Kampmann schließlich aus dem Polizeidienst entlassen. Dies hat laut Chronik "eine schwere Demütigung und eine heikle wirtschaftliche Lage" für ihn bedeutet. Er musste aus der Dienstwohnung ausziehen. Deshalb gab es Auseinandersetzungen mit dem neuen Postenchef Fritz Niggemann, der seinen Dienst am 2. Januar 1946 antrat.

Einige Unregelmäßigkeiten

Er musste seinen Dienst nicht allein verrichten, sondern bekam weitere Wachtmänner zur Seite gestellt. Bereits 1948 wurde Niggemann auf eigenenWunsch entlassen. Er wollte damit wohl einer Entscheidung von offizieller Seite zuvorkommen. Er hatte sich "neben der Amtsunterschlagung eines sichergestellten Rundfunkapparates noch andere Unregelmäßigkeiten im und außer Dienst zu Schulden kommen lassen", heißt es in der Polizeichronik. Kaspar Kaufmann übernahm im Februar 1948 seinen Posten.

Nachdem die Landespolizei auch in Nüdlingen weiter aufgebaut werden sollte, wurden auch junge Beamte eingestellt. Diese hatten hart um das Vertrauen der Bevölkerung zu kämpfen. Sie mussten sich beschimpfen lassen. Es sollen Worte gefallen sein wie: "Ihr seid ja nur Nachtwächter, aber keine Polizei, bei der Polizei sind nur Lumpen." Lange hatten die Nachwuchskräfte mit dem Ruf zu kämpfen, den Niggemann hinterlassen hatte. Nach seinem Ausscheiden sei "allmählich eine Wendung eingetreten", schreibt der Chronist der Polizei.

Anfang des Jahres 1946 erhielt der Nüdlinger Polizeiposten zudem ein Leichtkraftrad. Dieses musste 1949 wieder an den Eigentümer zurückgegeben werden. Später gab es ein Dienstfahrrad, ein Jahr danach noch ein zweites. Als Waffen erhielten die Polizisten zunächst italienische Karabiner, später ersetzt durch amerikanische Karabiner. "Schwierigkeiten ergaben sich auch in der Beschaffung von Gesetzesbüchern für den Posten und für die Polizisten", steht in der Polizeichronik. Das erste Strafgesetzbuch war demnach ein kommentarloser Gesetzestextbuch in Loseblattform. Es dauerte noch zwei Jahre, bis es neuere Gesetzesbücher gab.

Vor Schlachtung erwischt

Nach dem Zweiten Weltkrieg hatte sich die Polizei mit Schwarz- und Tauschhandel sowie mit Schwarz-Schlachtungen auseinanderzusetzen. Die Polizeichronik berichtet von einer Begebenheit im Dezember 1948. Ein Bauer aus Haard hatte ohne Auftrag der Gemeinde Haard "angeblich für diese einen ziemlich schweren Bullen gekauft, um ihn der Gemeinde für Zuchtzwecke zuzuführen". Allerdings wurde der Bauer dann dabei erwischt, dass er den gekauften Bullen für sich behalten und schlachten wollte. "Der Bulle wurde beschlagnahmt und dem Ernährungsamt A Bad Kissingen übergeben." Damit habe der Bauer "seinen Bullen ohne Entschädigung" losgehabt.

"Rücksichtsloser Betrug"

Neben zwei Morden ist in der Polizeichronik auch von einem "rücksichtslosen Betrug" zu lesen, den ein 33 Jahre alter Mann begangen haben soll. Er hatte im Laufe des Jahres 1949 Stammhölzer für eine Fassfabrik in Kitzingen gekauft. Allerdings soll er das Holz, nachdem er es von seinen Opfern ausgehändigt bekam, nicht an die Fabrik geliefert haben. Stattdessen hat er es laut Polizeichronik "an andere Liebhaber weiterveräußert. Auf diese Art hat er etwa 30 Opfer um zirka 50 000 DM geschädigt." Vor dem Landgericht Schweinfurt sei der Mann im Frühjahr 1950 zu viereinhalb Jahren Zuchthaus mit anschließender Sicherheitsverwahrung von drei Jahren verurteilt worden. Zuvor hatte er schon einmal dreieinhalb Jahre Zuchthaus wegen Rückfallsbetrug verbüßt.

Im Jahr 1953 bilanzierten die Polizisten schließlich, dass ruhigere Zeiten einkehrten. "In den letzten drei Jahren trat in der Kriminalität in den Orten des Dienstbezirkes Nüdlingen eine merkliche Wendung zugunsten der Ruhe, Ordnung und Sicherheit ein. Die Hebung des Lebensstandards im allgemeinen half über die Notzeit der Nachkriegsjahre hinweg. Nach Abschluss des Jahres 1953 kann nahezu von einem normalen Handel und Wandel im Volke gesprochen werden", schrieb Kaufmann.

Diebstähle und Betrügereien seien im Verlauf von drei Jahren stark zurückgegangen - von acht bis zehn Fällen auf zwei bis drei. Allerdings: "Die erhebliche Zunahme des Verkehrs bringt nun aber wieder ein neues Arbeitsgebiet mit sich in Form der Verkehrsunfälle." red/lue