Sonntagmittag, 13.30 Uhr: Unter Sondersignal brausen die Einsatzfahrzeuge der Freiwilligen Feuerwehr Bad Brückenau den Hammelburger Berg hinauf. Einsatzkräfte des Roten Kreuzes folgen ihnen.
Schwerer Verkehrsunfall auf der Bundesstraße, ein Lkw und mehrere Pkw darin verwickelt, so die erste Einsatzlage für die technische Hilfeleistung. Am Unfallort dann ein heftiges Szenario: Unter einen Lkw-Anhänger hat sich ein schleudernder Pkw gebohrt, in diesen hinein ist ein weiteres Fahrzeug geprallt. Beim Versuch auszuweichen sind zwei weitere Fahrzeuge in verschiedene Richtungen geschleudert, eines davon brennt lichterloh, das andere liegt kopfüber im Graben.

Jeder Handgriff sitzt

Kommandant Michael Krug ist als Erster am Unfallort. Dieser ist im städtischen Gewerbegebiet Buchrasen nachgebildet, denn es handelt sich um die Jahreshauptübung der Freiwilligen Feuerwehr Bad Brückenau. Michael Krug verschafft sich im Laufschritt einen ersten Überblick und weist seine eintreffenden Helfer ein. Zügig kommt die Rettungskette ins Rollen. Auch wenn es für die zahlreichen neugierigen Passanten, in diesem Fall vorwiegend Angehörige und Feuerwehrler im Ruhestand, also alle fachkundig, aussieht wie ein planloser Ameisenhaufen: Jeder Handgriff sitzt, jeder Helfer kennt seine Aufgaben.
Leitender Notarzt Rainer Nelkenstock eilt mit Armin Stelzner von Verletztem zu Verletztem - insgesamt sind neun Personen betroffen - und legt die ersten Maßnahmen fest. Stelzner koordiniert anschließend über die Rettungsleitstelle das Heranführen weiterer Rettungskräfte, hier ganz realistisch Sanitäter der Bereitschaften Bad Kissingen und Oberthulba, und je nach Verletzungsgrad die Zuweisung zu verschiedenen Krankenhäusern im Umkreis. Planerisch wäre auch der Einsatz von Rettungshubschraubern notwendig gewesen.

Können und Improvisation

Parallel wird das brennende Fahrzeug gelöscht, die dort platzierte Puppe geborgen, eine umherirrende Verletzte im Wald gesucht und in den drei anderen Pkw die Bergung der eingeklemmten Insassen vorbereitet. Kniffelig dabei, dass ungesicherte Ladung auf dem Gepäckträgers des aufgefahrenen Pkw die Brust des Beifahrers durchbohrt hat. Der Fahrer wiederum kann erst danach geborgen werden, da er unter dem Lkw verklemmt liegt. Hier sind das richtige Werkzeug, perfektes Können an diesem und vor allem immer wieder Improvisation gefragt, um die Verletzten schonend, aber doch schnell zu bergen und zu versorgen.
Gut, dass das Ganze an diesem kühlen Sonntagmittag nur ein perfektes Übungsszenario war, denn die Einsatzkräfte durften hier ans Limit gehen und hätten im Ernstfall durch weitere Kräfte verstärkt werden müssen.
Ausgedacht hat sich die Übung Heinz Heinbuch, ein absoluter Könner im Inszenieren von Verkehrsunfällen. Er zeichnete auch auf Landkreisebene schon für zahlreiche vielschichtige und kniffelige Übungen verantwortlich und verabschiedete sich mit einer furiosen Jahresübung von seinen Kameraden. Altersbedingt scheidet er nämlich im Herbst aus dem aktiven Dienst.
"Bis heute Früh wusste keiner außer mir Bescheid, ich habe alleine die Fahrzeuge präpariert, die wir von der Firma Prokop und der Spedition Schüssler zur Verfügung gestellt bekommen haben. Erst bei der Präparation des Unfalls heute Früh haben dann zwei Mann aus meiner Gruppe geholfen", sagte der grinsende Heinbuch nach der Übung. Auch die acht freiwilligen Unfallopfer, vom Jugend-Rot-Kreuz perfekt geschminkt, um die verschiedenen Verletzungen möglichst echt darzustellen, wussten erst bei der Fahrt zum Buchrasen, was auf sie zukommt.
Florian Eder, 15 jähriger Jungfeuerwehrler und selbst schon motorisiert auf der Straße unterwegs: "Ich habe über eine Stunde kopfüber im Auto gelegen, es war feucht und kalt, aber ich werde in Zukunft mit anderen Augen am Straßenverkehr teilnehmen." Stefan Heil, gut geeignet durch seine Körpergröße, zwängt sich dabei jedes Mal in das verunfallte Fahrzeug, um von innen dem Verletzten beruhigend beizustehen und die Maßnahmen um ihn herum mit zu koordinieren: "Mir macht das nichts aus, mich immer wieder in die Lage der Verletzten zu begeben und so auch auf die präzise Arbeit meiner Kameraden angewiesen zu sein."
Dr. Rainer Nelkenstock sagte: "Wir müssen hier in Sekundenbruchteilen entscheiden, wem zuerst geholfen werden muss und wie, das kostet auch den Helfern jedes Mal unheimlich mentale Kraft. Normal wäre hier am Unfallort auch ein Notfallseelsorger mit anwesend, um nicht nur den Verletzten, Angehörigen und Passanten beizustehen, sondern hernach auch den Helfern." Er selbst als Leitender Notarzt vor Ort habe bei einem so großen Unfall nur organisatorische Aufgaben, "im Ernstfall wären hier weitere Notärzte erforderlich."

Dank an die Feuerwehr

Nelkenstock bedankte sich dann auch bei der Nachbesprechung am Feuerwehrhaus bei der Feuerwehr, dass sie immer so eng in die Übungen einbezogen werden und auch für die außergewöhnlichen Szenarien. Dazu Heinz Heinbuch: "Eine Einsatzübung ohne Rotes Kreuz wäre doch Quatsch, da könnten wir gleich am Feuerwehrplatz üben." Entsprechend feuerte er während der Übung auch seine Unfallopfer immer wieder an, verletzungsgerecht ordentlich zu schreien und zu stöhnen, was diesen auch mit viel Spaß gut gelang.
"Wie realistisch wir hier geübt haben" zeige nach Angaben des örtlicher SEG-Leiters Armin Stelzner die Tatsache, "dass ein Fahrzeug von uns in Hammelburg im Einsatz war und weitere zu einer Veranstaltung in Obersinn abgestellt waren, so dass wir wiederum Verstärkung aus Bad Kissingen und Oberthulba anfordern mussten. Das hat aber reibungslos geklappt."
Kommandant Michael Krug und Kreisbrandinspektor Marco Brust fanden trotz allgemeiner Zufriedenheit in ihrer Manöverkritik doch noch vereinzelte Ansatzpunkte, um die technische Hilfeleistung noch effektiver durchzuführen, stellt doch diese Feuerwehrarbeit in Bad Brückenau mit weit über 60 Prozent der Einsätze, viele davon an der Autobahn, mittlerweile den Schwerpunkt dar.