"Ich wundere mich immer", sagt Ernst Zwirlein, "wie schnell die Kirche gebaut worden ist. Am 25. April wurde der Grundstein gelegt, und am 12. Dezember ist die Kirche schon eingeweiht worden. Das ist kaum vorstellbar." Zwirlein spricht von der Winkelser Sankt-Bonifatius-Kirche, errichtet unter schwierigen Umständen im Jahr 1937. Er ist seit 1989 Mesner, kennt die Kirche aber viel länger, hat fast deren gesamte Geschichte mit erlebt. Als Junge war er schon Ministrant hier.
Zwirleins Mutter hat mit gebaut an der Kirche. "Ich habe sie immer gefragt: Wie habt ihr die schweren Bruchsteine so hoch hinauf gebracht?" Und die Mutter hat geantwortet: "Auf Tragen." Lange stand eine solche Holztrage, ähnlich einer leicht gekrümmten Bahre, bei Zwirleins noch herum. "Was die Leute geleistet haben", sagt Ernst Zwirlein, "ist enorm. Heute haben wir Gerüste. Damals standen da ein paar Kiefernstangen, an denen Laufböden befestigt waren."
Die Winkelser Kirche ist ein Gemeinschaftswerk vieler gewesen. Bereits 1880 gab es Pläne, für die Winkelser Katholiken eine eigene Kirche zu bauen. Johann Metz vermachte 1894 seinen ganzen Besitz und seine Grundstücke dem Kirchenbaufonds, dessen angesammeltes Vermögen von 30 000 Mark aber nach dem ersten Weltkrieg der Inflation zum Opfer fiel. 1935 wurde der Plan wieder aufgegriffen: Bürger der Gemeinde Winkels, die nach wie vor zur Bad Kissinger Pfarrei gehörte, gründeten am 14. Juli auf Initiative des Stadtpfarrers Albert Susann und des für Winkels berufenen Kaplans Pater Franz Denner M.S.C. den "Kirchbauverein Winkels".
Was folgt, ist heute kaum vorstellbar. Pater Dennner und Pfarrer Susann legen den Standort für die neue Kirche fest. Johann Zwirlein, Maria Schuler und die Brauerei Wahler stiften den Grund für den Kirchenbau, wo am 1. Dezember 1936 der erste Spatenstich getan wird. Bürgermeister Hermann Albert, - obwohl (wie Edi Hahn in der Winkelser Chronik "725 Jahre Dorfgeschichte" schreibt) "Nazibürgermeister", dessen Förderung des Kirchenbaus "viel Mut verlangte"- stellt für die Bausteine seinen Steinbruch kostenlos zur Verfügung, die Gemeinde das Bauholz. Die Winkelser Männer brechen die Steine selber, doch auch die Reiterswiesener, die ebenfalls von den Herz-Jesu-Missionaren seelsorgerlich betreut werden, helfen: Aus dem Reiterswiesener Steinruch schaffen sie Material nach Winkels. "Nüdlinger Landwirte haben mit ihren Fuhrwerken geholfen", weiß Zwirlein.
Während die Männer im Steinbruch Dienst tun, bauen die Frauen des Dorfes die Kirche mit auf. Der Plan für das schlichte Bauwerk, das Bodenständiges und neoromanische Formen vereint, stammt vom Würzburger Architekten Eugen Altenhöfer. Nicht alles geht glatt: Die Pläne verschwinden zwischendurch auf seltsame Weise und tauchen plötzlich wieder auf: Der Grundstein wird aufgebrochen und die darin befindliche Kassette mit der Urkunde wird gestohlen, wie Gemeindemitglied Edgar Kast berichtet. Die Mauern der Kirche sind außen aus glatt geschlagenen Bruchsteinen gemacht, innen sind sie gemauert. Die Steine hat Ziegeleibesitzer Karl Wagner gestiftet. "Obwohl er evangelisch war", sagt Zwirlein. Ein Dach mit mächtigem Balkenwerk liegt auf den Wänden auf. Vier Glocken werden gestiftet und kommen am 4. Oktober 1937 in Winkels an; die Gebrüder Ulrich aus Apolda haben sie gegossen. Eine von ihnen läutet hier noch heute; die drei anderen haben ein kurzes Leben: Zu Kriegsbeginn müssen sie abgeliefert werden; 1954 wurden sie ersetzt.
Am 12. Dezember 1937 weihte der Würzburger Bischof Dr. Matthias Ehrenfried die neue Kirche dem Heilgen Bonifatius. Winkels hat nun eine eigene Kirche. "Am 23. Dezember wurde ein Schulkamerad von mir, Erich Hauck, als erster hier getauft", erzählt Mesner Zwirlein. Wie die Kirche damals ausgestattet war, weiß er nicht. Aber wie sie später aussah, daran erinnert er sich. "Es gab einen Hochaltar", sagt er, "und eine Kommunionbank." Auch zwei Seitenaltäre waren vorhanden. Zwirlein bedauert, dass sie bei einer Renovierung Anfang der 1970er Jahre weg kamen: "Dass man es nicht mehr braucht, da sag‘ ich nichts gegen. Aber dass man es weggeworfen hat, das ist schade." Geblieben sind die Figuren des Hochaltars und die Marien- und Josefsfigur. Ansonsten hat fast alles die Zeiten überdauert: Die Bänke, die von den beiden Winkelser Schreinereien Albert gebaut wurden, sind noch da. Einige alte Gewänder, die zeigen, dass man bei der Erstausstattung nicht wählerisch sein konnte. Und die gebrauchte Orgel, die nach dem Krieg aus der Stadtpfarrkirche, wo sie als Interimsinstrument diente, kam. "Vorher war hier nur ein Harmonium", erinnert Zwirlein sich.
Manches kam neu hinzu: Die Heiligenfiguren des Patrons St. Bonifatius und der Heiligen Lioba beispielsweise wurden um 1990 herum gestiftet. Insgesamt hat die Kirche mit dem charakteristischen Sterngewölbe im Altarraum die 75 Jahre gut überdauert. Und sie ist heute ein echtes Winkelser Wahrzeichen.