Monster, Mäuse, marmorierte Muster. Bunte Stoffrollen in den Regalen, dazwischen Bücher und Ordner voller Papiervorlagen mit Schnittmustern. Auf dem Tisch vor der grünen Wand die Maschine, mit der Yvonne Schmitt ihre Leidenschaft auslebt. Vor drei Jahren und zwei Monaten hat die gelernte Industriemechanikerin ihre Liebe zum Nähen entdeckt. Aus Stoff und Garn gibt es wenig, das sie nicht schon geschneidert hat. Für die Kostümierung ihrer Kleinsten bastelt sie gerade gemeinsam mit einer Handvoll fleißiger Handarbeiterinnen aus Ebenhausen im Auftrag des Kindergartens. Mit den anderen Mamas würde sich Yvonne Schmitt am liebsten zusammen tun und einen Näh-Treff gründen. Für Erfahrene und Neugierige genauso wie Neulinge und Einsteiger. Das Ziel: generationenübergreifend in Gesellschaft voneinander und miteinander lernen. Handarbeit hoch halten - für die Initiatorin muss es nicht allein beim Nähen bleiben. Was bisher fehlt, ist ein Ort, an dem sich die Truppe zum Werkeln treffen kann.

Wissen weitertragen

"Es geht mir darum, mein schönes Hobby weiterzugeben", sagt Yvonne Schmitt. Als ihr Sohn gerade ein halbes Jahr alt war wurde sie infiziert. Ein Bild eines selbstgemachten Stramplers motivierte sie: "Das kann ich auch." Am gleichen Tag kramt sie die alte Familien-Nähmaschine hervor, besorgt sich Schnittmuster und ein Buch mit Anleitungen. Seither hängt sie an der Näh-Nadel. Das Handwerk hat sich die 32-Jährige selbst beigebracht. Yvonne Schmitt näht fast alles: "Mein Kind trägt nur noch gekaufte Socken." Ihre Näh-Fertigkeiten will sie mit anderen teilen - wie Miriam Schröck. "Es gibt lauter gute Gründe, warum man das können sollte", sagt die Mathe- und Chemie-Lehrerin.

Generationenübergreifend

"Meine Oma macht wahrscheinlich einen Luftsprung im Himmel, wenn sie wüsste, dass ich anfange zu nähen", sagt die 30-Jährige und lacht. Ihre Großmutter war Schneiderin. Die Maschine von anno dazumal läuft noch. Mit der und ihrer Mutter im Gepäck will Miriam Schröck bei Yvonne Schmitt lernen, wie man mit Nadel und Faden umgeht. Auch Claudia Bode will im Mutter-Tochter-Gespann antreten.

Flexibel und ungezwungen

"Ich will mich einarbeiten, weil meine Tochter sich dafür interessiert und ich es selbst nicht kann." Claudia Bode meint: "In Gesellschaft kommt man schneller zum Ziel." Eine vergleichbaren Runde suche man in der Umgebung vergebens. Eine Handarbeitsgruppe, die sich locker zusammenfindet: ungebunden und flexibel, ohne teure Kurs-Gebühren und Lehrplan. "In einer ungezwungenen Atmosphäre, in vertrauter Runde - da gibt es keine dummen Fragen", sagt Miriam Schröck. Was dabei rauskommt, muss nicht perfekt sein, meint Kerstin Anderson aus Ebenhausen. Gerade das macht die Handarbeit für die zweifache Mutter aus: "Jedes Teil ist einzigartig, ein Unikat. Da steckt Liebe drin. Das ist unbezahlbar." Genau wie Miriam Schröck juckt es auch ihr in den Fingern. Jeder soll in diesem neuen Forum für Ideen profitieren und im Kollektiv lernen können. "Es ist toll, Leute zu treffen, die etwas anderes können als man selber", sagt Kerstin Anderson. Dass Yvonne Schmitt einen Näh-Treff im Ort etablieren will, hält Miriam Schröck für beachtlich: "Es ist nicht selbstverständlich, dass jemand sein Wissen weitergibt - unentgeltlich." Die Näh-Fee will diese Begegnungen mit Nadel und Faden einfädeln, sich aber nicht zum Handarbeit-Häuptling erheben. "Ich lerne bestimmt auch noch etwas. Es gibt immer mehrere Wege zum Ziel", sagt Yvonne Schmitt. Miriam Schröck würde wie die anderen zehn Damen, die sich bisher zusammengefunden haben, am liebsten auf der Stelle loslegen: "Wir freuen uns drauf, anzufangen." Bevor sie ihre Spulen einlegen können, müssen sie allerdings eine Antwort darauf finden: Wo?

Absage von der Gemeinde

Ihre Hoffnung auf den Raum erster Wahl ist derweil verflogen. Mit dieser Reaktion aus dem Rathaus hätte die Truppe nicht gerechnet. Vor ein paar Wochen hatte Yvonne Schmitt bei der Oerlenbacher Gemeinde angeklopft, ihre Idee vorgestellt und erklärt, dass sie einen passenden Ort suchen. Ein Raum mit ein paar Steckdosen, Tischen, gutem Licht, einer Toilette in der Nähe, 40 Quadratmeter groß und am besten direkt in Ebenhausen. Miriam Schröck hatte nicht damit gerechnet, dass sie von der Gemeinde einen Korb kassieren: "Wir waren positiv gestimmt." Die Gemeinderäte empfahlen, sich über die Volkshochschule zu organisieren. Üblicherweise stelle die Gemeinde Privatleuten keine Räume. "Nachvollziehbar", meint Yvonne Schmitt. Trotzdem: schade. "Uns ohne Vorschläge und Unterstützung einfach so stehen zu lassen, finde ich aber auch nicht gut." Schließlich profitiere die Gemeinschaft des Dorfes. Für Kerstin Anderson keine Frage: "Das Nähen ist genauso ein Volksgut, das erhalten werden sollte." Besonders für die jüngere Generation. Häkeln, stricken, basteln: Yvonne Schmitt meint, dass sich der Treff einmal weiterentwickelt könnte - zu einem Handarbeitsverein etwa.

Wer bei dem Näh-Treff dabei sein will, braucht nicht gleich eine eigene Maschine, sagt Yvonne Schmitt. Wichtiger: "Geduld", meint die 32-Jährige und lacht. Außerdem ein paar alte Klamotten zum Üben und Wiederverwerten. Kerstin Anderson macht Anfängern Mut: "Wenn man Herzblut reinsteckt, dann wird´s immer was."