Wollten Intendant Reinhardt Friese und sein Theater Hof mit Bertolt Brechts "Dreigroschenoper" den altväterlichen Klassenkampf auf die nordbayerischen Bühnen und zum Theaterring bringen? Mitnichten! Das Hofer Inszenierungsteam beruft sich auf Brechts Definition von Theater zu Beginn seines kleinen "Kleinen Organons für das Theater" (1948): "Theater besteht darin, dass lebende Abbildungen von überlieferten oder erdachten Geschehnissen zwischen Menschen hergestellt werden und zwar zur Unterhaltung." Und es trat auch den Beweis an, dass eine Modernisierung à la "Macheath ist Chef eines arabischen Clans ... in der Berliner Innenstadt" für ihn unsinnig wäre, denn "Brecht hat ein Modell geschrieben, das keine Präzisierung in das Heute braucht. Der Zuschauer leistet den Blick über die Schulter und erkennt das Heute im Gestern." (Friese)

Brechts Gesellschaftskritik immer noch aktuell

Beides hat in Bad Kissingen ausgezeichnet funktioniert: Das Publikum im komplett ausverkauften Haus amüsierte sich bestens und erkannte trotzdem durchaus, wie viel an Brechts Gesellschaftskritik noch nicht wirklich überholt ist. "Erst kommt das Fressen, dann kommt die Moral!" - Alle im Stück leben nach dieser Maxime des Überlebens, der Behauptung des eigenen Vorteils um jeden Preis, auch wenn der Mensch im Kampf gegen den Konkurrenten dabei skrupellos "vergessen kann, dass er ein Mensch doch ist".

Regisseur Friese und sein Dramaturg Thomas Schindler haben für ihre Bühnenfassung Brechts Text und Varianten gründlich durchforstet, der musikalische Leiter Willi Haselbek hat Lucys Arie "Eifersucht" in Brechts Erstentwurf entdeckt und als Parodie auf klassische Opernarien für die Jazzband arrangiert. Beim Schluss hängte man das Finale des "Dreigroschenfilms" (1930) an den eigentlichen Schlusschoral an, und das Publikum sprach die berühmten letzten Zeilen leise mit: "Und man siehet die im Lichte, die im Dunkeln sieht man nicht."

Musikalisch genial

Es stimmte mal wieder alles bei dieser Aufführung; die Hofer befriedigten sowohl die Erwartungen der Brechtianer an die Integrität des Textes, und Annette Mahlendorf sorgte für eine Bühne ohne unnötigen Ballast. Den Anspruch des Publikums auf witzige und spannende Unterhaltung erfüllten die anzüglichen bis absolut ironischen Dialoge, Songs und die mitreißend gespielte Musik. Friese weiß: "Ohne die Musik von Kurt Weill würde das Stück heute wahrscheinlich nicht mehr gespielt werden." Und die Band aus "Hofer Symphonikern und weiteren KollegInnen" unter der Stabführung von Michael Falk machte klar, was das musikalisch Geniale an dieser "Bettleroper" ist: eine absolut raffinierte Collage von Parodien aus der klassischen Musik: spätromantische Gefühlsarien, wilde Eifersuchtsduette, Zitate aus der Vorklassik der "Beggar's Opera" des Johann Christoph Pepusch, die Choralparodie à la Bach am Schluss, Ensemblechöre á la Mozart zu den drei Finalen, aber auch Tango, Jazz-Tunes aus den 1920ern, ein Soundtrack zum Text, der immer wieder kommentiert und kontrastiert und so die Wirkung der Brechtschen Texte verstärkt. Das alles kam unter Falks Dirigat wunderbar präzise und überaus engagiert von der Hinterbühne, und es gab so manchen Lacher auch für die Musik.

Wie kommt es zu diesem Wunder "in Bayern ganz oben", das der Theaterring in der nun abgeschlossenen Spielzeit dreimal (Rigoletto, Käthchen, Dreigroschenoper) genießen konnte? Es gibt da ein Leitungsteam mit Augenmaß und Fantasie und natürlich das nicht mehr sehr häufige Privileg, ein Dreispartenhaus zu haben. Aus Schauspiel, Oper/Musical und Ballett konnte der Chef des Hauses seine Akteure zusammenstellen, die Huren von Turnbridge und Mackies Ganoven aus dem Ballett rekrutieren, was beide Gruppen sehr realistisch auch als Multi-Kulti-Sprecher erledigten und eine höchst professionelle Tanzeinlage von Mackie und den Huren erlaubte. Er konnte mit Dominique Bals einen Mackie besetzen, der sowohl im Schauspiel, als auch im Musical versiert ist und auf seinen lyrischen Bariton auch eine hochtenorige Kopfstimme setzen und wunderbar differenziert die vielen Schattierungen des elegant-schmierig-hinterhältigen Mackie spielen konnte. Marina Schmitz, eigentlich nur Schauspielerin, erstaunte als Polly Peachum mit einem gesangstechnisch absolut sauberen Zugriff auf ihren Part und gab sehr überzeugend das naive junge Ding, das sich von Mackie begeistert benutzen lässt. Bei ihr wie bei Anja Stange als Celia Peachum, die die Schnapslady und Brautmutter genüsslich ausspielte, hätten sich vor allem die hinteren Sitzreihen allerdings die offenbar in Hof verwendeten Headsets gewünscht, da blieb viel Text auf der Strecke.

Stimmlich und schauspielerisch absolut überzeugend gab Volker Ringe den Bettlerchef Jonathan Peachum; Volker Ringe spielte mit großem mimischem Einsatz den gefühlsduselnd-feigen Polizeichef Tiger-Brown, Birgit Reutter mit kräftiger Stimme und viel Bühnenpräsenz seine Tochter und Mackies Geliebte Lucy. Mit genauer Personenregie formte Friese aus seinem vielschichtigen Ensemble den überaus interessanten zwielichtigen Kosmos dieses Geniestreichs von Brecht und Weill. Das Theaterringpublikum war am Ende absolut begeistert; es gab Szenenapplaus und viele Bravos für alle und die Hauptdarsteller.

Dank am Ende des 34. Theaterrings

Ganz zum Schluss rief der Leiter des Stadtmarketings der Stadt Bad Kissingen und seit 2018 als Betreuer des Theaterrings fungierende Thomas Lutz zum Ende "seiner" ersten Spielzeit seine Mitarbeiterinnen, die Vorsitzenden des im Herbst gegründeten "Fördervereins Theaterring" und die Intendantin des Theaterrings, Gerhild Ahnert, zu Dank und Blumen auf die Bühne. Dem Publikum kündigte er für den 35. Theaterring 2019/20 an, dass es für zwei Jahre 20 Prozent Preisnachlass für Neu-Abonnenten und die Alt-Abonnenten gibt, die sie geworben haben. Auf ein Neues! Das Programm des 35. Theaterrings 2019/20 wurde während der Veranstaltung schon verteilt.