"Auf dem Bau muss man sich als Frau schon durchboxen", sagt die Münner städterin. Und: "Wichtig ist, dass man selbstbewusst auftritt." Mit den insgesamt zwölf männlichen Beschäftigten, darunter vier Azubis, kommt Ulrike Lochner-Erhard gut klar. Der Umgangston auf der Baustelle sei manchmal zwar rau, aber auch da setzt sie sich nicht nur durch, sondern setzt auch eigene Akzente: "Frauen sind eben einfühlsamer, deshalb kümmere ich mich vor allem um die Bauherrinnen", sagt sie: "Ich möchte, dass sich auch die Frauen bei uns wohlfühlen." Das scheint zu klappen: "Wir werden oft weiterempfohlen", berichtet Ulrike Lochner-Erhard und freut sich über gute Mund-Propaganda.

Schon Großmutter war Chefin

Die Münnerstädterin ist nicht die erste Chefin in der Firmengeschichte: Nach dem frühen Tod von Großvater Franz Lochner führte dessen Frau Elisabeth den Betrieb zunächst weiter. In den 1960-er Jahren übernahm dann Urban Lochner. Als der 2000 aufhören wollte, stand der Betrieb am Scheideweg. "Ich habe mir damals gesagt, dass ich nicht irgendwo anders arbeiten möchte", berichtet Ulrike Lochner-Erhard: "Hier bin ich einfach flexibler", war die Selbstständigkeit besser mit der Kinder-Erziehung vereinbar. Bereut hat sie den Schritt auch nach 13 Jahren nicht, auch wenn es als Chefin oft anstrengend ist. Dass sie mittlerweile im Beirat der Maler- und Lackierer-Innung sitzt, zeigt, dass auch Kollegen ihre Leistung anerkennen.

Tradition seit fast 200 Jahren

Noch nicht ganz soweit wie Ulrike Lochner-Erhard ist Barbara Hesselbach aus Sulzthal. Die 26-jährige Bäckermeisterin wächst gerade in die Betriebsleitung hinein: "Ich hätte nichts dagegen, mit 65 zu übergeben", sagt Anton Hesselbach. Der 62-Jährige ist Obermeister der Bäcker-Innung und ebenfalls in sechster Generation Chef des Familienbetriebs: Seit 1815 ist die Bäckerei Hesselbach nachgewiesen.

Bislang waren immer Männer Herr in der Sulzthaler Backstube. "Bei mir war die Nachfolge damals klar", erinnert sich Anton Hesselbach an die Übernahme 1990: Er hat zwar eine Schwester, aber als einziger Sohn war der Berufsweg vorgezeichnet. Nach Lehrjahren in der Ferne kehrte er zurück - und fand mit seiner Frau Maria die ideale Partnerin: Sie stammt aus einer Bäcker-Familie. "Barbara hat 400 Jahre Bäcker-Gene in sich", sagt Anton Hesselbach und könnte sich die älteste der vier Töchter als Nachfolgerin gut vorstellen.

Auch für die 26-Jährige ist es der Traumberuf: "Ich habe schon als kleines Kind gesagt, dass ich Bäckerin werde." Und: "Es gibt immer mehr Frauen in der Backstube." In der Berufsschule waren acht von 25 Schülern weiblich, auf der Meisterschule immerhin vier von 23. Im Jahr 2010 legte Barbara Hesselbach die Meisterprüfung ab, insgesamt sechs Jahre sammelte sie Erfahrungen - von Eltingshausen bis ins Allgäu.

Nach und nach übernimmt die 26-Jährige Verantwortung. Beispiel: "Ich bin für den Einkauf in der Backstube zuständig." Zudem räumte sie das Lager um und führt neue Produkte wie den König-Ludwig-Weck ein. Trotzdem bleibt vor allem das aufwändig gebackene Nassgelaibte die traditionelle Spezialität im Laden in Sulzthal und in der Filiale in Wasserlosen.

Immer mehr Schreinerinnen

"Manchmal braucht man auch Ellenbogen", hat Barbara Hesselbach bereits erfahren. Selbst der Geselle, der seit 35 Jahren im Betrieb ist, lasse sich von der Junior-Chefin was sagen. "Wenn man was ändern will, muss man's einfach mal probieren." Trotzdem bleiben Fragezeichen für die Übernahme: "Da müsste ja auch ein Partner dazupassen", nennt Barbara Hesselbach ein Ausschluss-Kriterium.

"Wir haben im Handwerk jedes Jahr unsere Meisterinnen", freut sich Kreishandwerkermeister Werner Paltian über immer mehr Frauen im Handwerk. Aber: "Auf dem Bau sind Frauen natürlich noch Exotinnen", auch als Geschäftsführerinnen seien sie in vielen Branchen noch selten. In seinem Treppenbau-Betrieb hat Paltian bereits über 60 junge Leute ausgebildet, vor rund 20 Jahren waren die ersten Frauen darunter. "Wir haben aktuell auch zwei Mädchen bei insgesamt sechs Auszubildenden." Zudem sei Meisterin Anja Brux die Prüfungsvorsitzende der Schreinerinnung. "Früher war Schreiner ein körperlich anstrengender Beruf, heutzutage gibt es zum Glück viele Hilfen", erwartet Paltian einen weiter steigenden Frauen-Anteil.