Den Film zeigt Polizeihauptkommissar Rolf Matthes am liebsten. Denn er ist nicht gestellt, sondern von einer echten Überwachungskamera aufgenommen: Da sitzen in einem Restaurant in Mannheim fünf Staatsanwälte rund um einen Tisch. Und keiner von ihnen merkt, dass ein Mann sich ständig an einen anderen der benachbarten Tische setzt und ihnen von hinten die Brieftaschen und Geldbeutel aus den Jacken klaut, die über den Stuhllehnen hängen.
Schadenfreude ist möglich, aber nicht angebracht: "Es sind schon viele Leute beklaut worden, die restlos davon überzeugt waren, dass ihnen das nie passieren könnte", sagt der Taschendiebfahnder der Bundespolizei in Oerlenbach. Er ist in den Burkardus Wohnpark gekommen, um den Senioren Tipps zu geben, wie sie sich gegen Diebstähle schützen können. Und er beschönigt oder verharmlost nichts: "Wenn Sie erst mal als Opfer ausgeguckt sind, haben Sie keine Chance." Die Taschendiebe sind heute professioneller denn je, sie sind international in Banden organisiert, können blitzschnell den Tatort wechseln, auch über Grenzen hinaus. Die meisten Trickdiebe kommen aus Südosteuropa und Südamerika nach Deutschland, wo sie sich die lukrativsten Gewinne versprechen. 26,5 Millionen Euro haben sie 2011 ergaunert, und wenn unter 2012 der Schlussstrich gezogen ist, steht nach Matthes' Einschätzung mindestens eine 28 vor dem Komma.

Keine Insel der Seligen

Der Kissinger Bahnhof ist im Gegensatz zu den großstädtischen Hauptbahnhöfen kein Brennpunkt des Geschehens. Dafür ist er zu überschaubar und zu wenig frequentiert. Aber Polizeikommissar Lothar Manger von der Kissinger Inspektion bestätigt, dass die Kurstadt keine Insel der Seligen ist. Die Zahlen des letzten Jahres sind noch nicht zugänglich: "Aber wir hatten allein im vierten Quartal 2012 neben dem üblichen Geschäft auch ein paar spektakuläre Fälle: etwa die angeblich taubstumme Bande aus Bulgarien, die für ein Hilfswerk in ihrer Heimat sammelte und unter dem Schutz von vorgehaltenen Listen den Passanten in die Taschen griffen. Manger: "Die haben wir nicht geschnappt." Oder die dreiste 70-Jährige, die in einem Supermarkt mit einem Kleinkind im Einkaufswagen schäkerte und seiner Mutter den Geldbeutel aus der abgelegten Handtasche fingerte. Am häufigsten waren mal wieder die Fälle, in denen ein Trickdieb das Verkaufspersonal ablenkte und ein anderer in die Kasse griff.

Einiger Schutz ist möglich

Rolf Matthes gab Auskunft über die größten Gefahrenstellen: überall dort, wo größere Menschenansammlungen sind, in denen die Diebe eine große Auswahl haben und leicht untertauchen können, wie auf Märkten oder in Einkaufszentren. Oder beim Einsteigen in Zügen: "Da kommen die Taschen den Dieben entgegen." Und er gab den Senioren Tipps, wie sie sich schützen können: Taschen mit dem Verschluss zum Körper tragen, zu unbekannten Personen lieber ein bisschen auf Distanz gehen und Körperkontakte vermeiden, immer nur den tatsächlichen Geldbedarf bei sich tragen, gestohlene Geldkarten sofort sperren lassen. Man sollte sich nicht immer bereitwillig helfen lassen - vor allem dann, wenn es gar nicht nötig ist, man sollte beim Eintippen von PIN-Nummern und Kontodaten sich nicht auf die Hand schauen lassen. Und wenn der Enkel wirklich plötzlich Geld braucht, sollte ihm das persönlich einen Anruf wert sein.

Sich nicht attraktiv machen

Und Hans-Peter Kreutzberg, der Sprecher des Seniorenbeirats, der den Nachmittag organisiert hatte, gab seinen Senioren noch einen Gedanken mit auf dem Heimweg: "Viele Senioren heben unsinnig viel Geld bei ihrer Bank ab. Da machen sie sich zu höchst attraktiven Opfern."