Es ist ganz sicher ein Kraftakt. Denn allein die Baumaterialien und Geräte in die rund 30 Meter hoch gelegene Türmerstube zu schleppen, war für Stefan Lochner und Sohn Simon kein leichtes Unterfangen. Inzwischen haben sie zwar einen Seilzug in Betrieb, aber der kann auch nur auf einem Teil des Turmes eingesetzt werden. Es wird eben gearbeitet wie im Mittelalter. Die Materialien passen genau dazu.

Die groß eingemeißelte Jahreszahl 1570 zeigt den Besuchern, dass die Türmerstube in diesem Jahr fertig gestellt wurde. "Damals war es ein einziger großer Raum mit einer Säule in der Mitte, die Raumaufteilung ist erst im 18. Jahrhundert erfolgt", sagt der Restaurator. In letzter Zeit haben die verschiedenen Putze und Anstriche vermehrt Schaden genommen. Stefan Lochner weiß auch warum: Die lückenhafte Decke der Türmerstube hat für extreme Temperaturschwankungen gesorgt. Diese herrschen schon immer in der unisolierten Dachstube darüber. Durch die Löcher drangen extreme Kälte und extreme Hitze auch in die Türmerstube vor.

Lehmwickel eingesteckt

Deshalb widmet sich der Restaurator erst einmal diesen Löchern. Früher wurde Stakenholz mit einer Mischung aus Lehm und Langstroh umwickelt, erläutert er. "Dann wurden die Lehmwickel eingeschoben." Das Ganze war sehr aufwändig und es dauert sehr lang, bis die Wickel trocken waren.

Ohne auf die ursprünglichen Materialien zu verzichten, gibt es heute eine etwas unkompliziertere Art, die Decken auszufüllen. Dazu werden Vierkanthölzer verwendet und fertige Stroh-Lehmsteine mit einer entsprechenden Nut. Das Problem dabei: Die Steine sind nicht gerade handelsüblich. Stefan Lochner verbaut Steine, die er von der Ostseeküste geordert hat.

Während dieses Baumaterial einen sehr langen Weg hatte, verhält es sich beim Lehm ganz anders. Der Restaurator hat übrig gebliebene Lehmziegel aus dem Heimatspielhaus aufs Obere Tor geschleppt. In Wasser aufgelöst und mit Mainsand angereichert, ergeben die alten Lehmziegel frischen Putz.

Der wird allerdings nur dort eingesetzt, wo der noch vorhandene Putz Schaden nehmen würde, wenn man die Lücken nicht ausfüllt. Ansonsten bleib alles wie es ist. Der Putz ist in all den Jahren an vielen Stellen schwarz geworden. Auch das wird bleiben, schließlich brannte hier früher ein offenes Feuer. Im ehemaligen Schlafzimmer des Türmers finden sich Rollenmuster, an einer anderen Wand ist der gekämmte Lehm sichtbar. Alles wird so bleiben. Auch die Inschriften und Graffiti , die manche Besucher des Turmes zurück gelassen haben. Im Stockwerk über der Türmerstube hat der Restaurator Inschriften aus dem 17. und 18.Jahrhundert gefunden.
An manchen Stellen wird Stefan Lochner so genannte Befundfenster einbauen, die Einblicke in die Baustruktur geben.

Was Stefan Lochner in der Türmerstube tut, ist keine Restaurierung, sondern eine Sicherung, eine Konservierung des heutigen Zustands. Und das macht er gern. Sicher hat er in seinem Berufsleben schon an weitaus bedeutsamen Projekten gearbeitet, wie beispielsweise die Würzburger Residenz. Aber als Münnerstädter die Türmerstube des Oberen Tores sichern zu dürfen, ist trotzdem etwas Besonderes. "Ich habe den Auftrag wirklich gerne übernommen", sagt er.

"Mit Abschluss der Arbeiten ist der Turm komplett durchsaniert", freut sich der Vorsitzende der Vereins "Freunde des Oberen Tores", Wolfram Graeber. Wegen der Arbeiten wird das Tor zum Stadtfest an diesem Wochenende zwar nicht besichtigt werden können, dafür soll es aber noch in diesem Jahr fertig und damit begehbar sein. Die Türmerstube soll auch noch ein wenig eingerichtet werden, damit die Besucher sehen, wie (bescheiden) der Türmer hier einst gelebt hat. Das werden aber die einzigen Einrichtungsgegenstände bleiben. Ansonsten wird der mehr als 37 Meter hohe Turm ausschließlich Einblicke in die Baugeschichte gewähren.

Steinmetz-Zeichen

Und da gibt es in der Türmerstube ganz besonders viel zu entdecken. Schon bei einer Bestandsaufnahme vor einigen Jahren sind Stefan Lochner die vielen Steinmetz-Zeichen aufgefallen. Jedes Fenster hat mehrere davon. "Danach sind die Steinmetzte bezahlt worden", sagt er. Ein ganz besonders großes Zeichen in der starken Mittelsäule stammt vom damaligen Steinmetzmeister. Das gleiche findet sich im Bad Neustädter Hohntor und in der Münnerstädter Kelterhalle. Der Meister scheint in den Jahren zwischen 1560 und 1580 in der Gegend sehr aktiv gewesen zu sein.