Der Opa hat's vorgemacht: Egon Ramke spielte viele Jahre den Stadtpfarrer beim Heimatspiel "Die Schutzfrau von Münnerstadt". Claudia Kind kannte es gar nicht anders. "Er war mein Vorbild", sagt sie. Und so begann für sie eine Karriere, wie sie typischer für eine Heimatspielerin nicht sein könnte. "Ich bin als Kind auf dem Heuwagen mitgefahren, war Tanzmädchen, Schnitterin und Althäuserin", erinnert sie sich. Nach zehn Jahren, in denen sie in Frankfurt wohnte, kehrte Claudia Kind nach Münnerstadt zurück und stieg sofort wieder ins Heimatspiel ein. Sogar mit Verstärkung: Tochter Amanda war zuerst Tanzmädchen und ist jetzt an ihrer Seite in der Althäuser Gruppe. Und nun wird Claudia Kind eine der Hauptrollen übernehmen: Appolone, die Frau des Oberbürgermeisters. "Ich habe sie entdeckt", verkündet Anneliese Albert stolz.

Für viele Jahre

Die heutige Spielleiterin weiß schließlich, wovon sie spricht. Von 1995 bis 2012 stand sie selbst als Appolone auf der Bühne, abwechselnd mit Gabi Knoch. Brunhilde Halboth oder Maria Heuring - das sind Namen Heimatspielerinnen, die die Appolone über viele Jahre gespielt haben. Das hat Tradition. "Deshalb habe ich auch versucht, eine relativ Junge zu kriegen", sagt Anneliese Albert. Das ist ihr in vollem Umfang gelungen.

Allein durch ihre Erscheinung sei Claudia Kind wie geschaffen für die Rolle der Appolone. "Außerdem wusste ich ja, dass sie Moderatorin bei TV 1 war." Also fragte Anneliese Albert Claudia Kind, ob sie die Rolle übernehmen wolle. "Ja, schon, aber ich muss erst drüber schlafen", lautete die Antwort. Doch so einfach war es nicht. "Ich habe drei Nächte nicht geschlafen, und dann konnte ich es nicht abwarten, ja zu sagen", erinnert sich Claudia Kind. Das ist bereits drei Jahre her. Eins war klar: Wenn sie sich schon in die Rolle der Appolone vertieft, dann soll Claudia Kind auch zumindest bei einer der drei Aufführungen auf der Bühne stehen. Und weil Anneliese Albert entschieden hatte, sich in diesem Jahr nur noch auf die Spielleitung zu konzentrieren, war der Weg für Claudia Kind frei. "Man muss nur rechtzeitig aufhören, was manche Leute nicht können", meint Anneliese Albert.

Eine große Rolle

Seit Juni hat die neue Appolone intensiv den Text gelernt, teils mit Unterstützung von Tochter Amanda. Inzwischen sitzt er schon sehr gut. Appolone ist fast das ganze Stück über auf der Bühne, in der zweiten Hälfte sind viele Textpassagen. "Manchmal hat man einen Hänger", sagt Claudia Kind. "Hänger haben auch die Erfahrendsten", beschwichtigt Anneliese Albert. Und das Lampenfieber gehöre sowieso immer dazu. Also wird Claudia Kind am Sonntag ihre Premiere als Appolone auf der Bühne feiern.
Seinen ersten Auftritt als Michel Stapf hat Michael Albert bereits hinter sich. Seine Karriere beim Heimatspiel ähnelt der von Claudia Kind. Flüchtlingskind im Korbwagen, Stadtbub, Scholar und Stadtknecht waren seine ersten Stationen. Seit zwei Jahren spielt er im Wechsel mit Norbert Düring den Senator Deichmann. Und am letzten Sonntag war er erstmals als Michel Stapf zu sehen. Eigentlich gibt es zwei Darsteller für die Rolle, aber die seien beide außerhalb, erläutert Anneliese Albert. Vor allem auch für die Proben bräuchte es einen dritten Darsteller. Und quasi als Belohnung sollte Michael Albert bei der zweiten Aufführung auch einmal auf der Bühne stehen. Er hat Glück gehabt, denn das Heimatspiel eine Woche zuvor ist bekanntlich wegen des Regens ausgefallen. "Ich hätte mich schon geärgert, wenn ich die Rolle umsonst gelernt hätte", sagt Michael Albert. Da bekommt er vollste Unterstützung von Vater Eugen Albert, der im Wechsel mit Sohn Andreas als Sprecher der Althäuser beim Heimatspiel dabei ist. Er hatte vertretungsweise die Rollen beider Senatoren gelernt. "Und jedes Mal ist das Spiel ausgefallen", bedauert er noch heute.

Schwere Rüstung

"Ich habe das Gewicht der Rüstung unterschätzt", sagt Michael Albert rückblickend. "Die wiegt mindestens 25 Kilogramm." Drei bis vier Stunden sei man damit unterwegs. Nach einem Spurt vom Jörgentor her, sei ihm an der Bühne regelrecht die Luft ausgegangen. "Sonst war ich zufrieden."
Am kommenden Sonntag wird Michael Albert wieder als Senator Deichmann auf der Bühne stehen. Er freut sich schon darauf, wenn er möglicherweise seinen Bruder, Andreas Albert, verspotten kann. Der Senator wirft den Althäusern im Stück vor, dass sie nur Gerümpel bei sich führen würden. Und wenn es nicht der Bruder ist, dann spielt den Anführer der Vater. Dann muss er eben den verspotten. Und die Mutter schaut als Spielleiterin zu, ob er das Verspotten auch richtig gut macht. So ist es eben in Hematspieler-Familien. Auch wenn Anneliese Albert erst einmal froh ist, eine neue Appolone und einen neuen Michel Stapf zu haben - in den nächsten Jahren müssen dringend neue Spieler angelernt werden. Das betrifft neben der Rolle der Ottilia vor allem die großen Rollen, die ohnehin nur einfach besetzt sind. Baltzer Dietmar (Bruno Eckert), Casper von der Rhön (Rainer Kirch) und der Mönch von Bildhausen (Lindhorst Gehring) gehören dazu. Aber in den nunmehr 86 Jahren Heimatspielgeschichte hat sich immer wieder Nachwuchs gefunden. Claudia Kind und Michael Albert sind der beste Beweis.