Da konnten die BTCler den Bühnenvorhang in der Garitzer Turnhalle noch so blickdicht in die letzten Ritzen quetschen, damit nicht vorzeitig über das Bühnenbild das streng gehütete Geheimnis des Themas für die beiden Elferratssitzungen bekannt wurde. Aber es nützte nichts: Die Verräterinnen waren mal wieder die Speisekarten auf den langen Tischen. Nachdem da etwas stand von Protestanten-Spießbraten und anderen lutherischen Kulinaria, war klar, dass das Thema nur "Reformation" lauten konnte.

Spotte niemand, dass die Garitzer da - nein, nicht: mal wieder - zu spät gekommen seien, weil die große 500-Jahr-Feier letztes Jahr über die Bühne ging. Zum einen brauchten die Erzkatholiken oberhalb von Bad Kissingen erst einmal Zeit, um sich in das ihnen eigentlich fremde Thema einzuarbeiten. Zum anderen hat die Faschingssession ja schon im letzten Jahr am 11. November begonnen. Und der Magister Martin Luther ist extra noch auf den vorgezogenen 31. Oktober gegangen - das war damals ein Donnerstag - um nicht in den Wittenberger Fasching zu geraten und vielleicht als selbsternannter Büttenredner mit seinen 95 Thesen nicht ernst genommen zu werden.

Trotzdem gab es natürlich die Ahs und Ohs, als sich zu den Klängen des Rotkreuzorchesters der Vorhang öffnete. Denn Axel Dürrheimer und sein Team hatten einen fabelhaften Prospekt der Wartburg auf die Bühne gezaubert - wobei das trutzige Bauwerk nicht ganz der Realität entsprach. Denn der Palas am Westende war das Kissinger Rathaus. Und damit man auch gleich sehen konnte, wer dort regiert, prangte in goldenen Lettern im Wappen über der Einfahrt der Schriftzug "BTC".

Als der Elferrat mit grimmigen Gesichtern eher wie ein Inquisitionstribunal seine Plätze eingenommen hatte, gab es für Sitzungspräsident Christian Rüth keinen Grund mehr, mit dem diesjährigen Thema hinterm Berg zu halten: "Garitzer Reformation"! Man staunte etwas. Dass sogar die Garitzer so etwas für möglich und nötig halten, wo doch eigentlich alles schon perfekt war und ist. Aber die Frage klärt sich, der Nachsatz hatte nicht mehr auf den Prospekt gepasst: "Die Kissinger müssen dran glauben." Das kann man so und so sehen. Wer die Garitzer kennt, weiß, dass sie es eher etwas boshaft meinen.
Die Garitzer Elferratssitzungen sind ja in hohem Maße ritualisiert. Zum einen im organisatorischen Ablauf, was sich sehr bewährt, weil das Publikum weiß, worauf es sich freuen kann, und weil das eine verblüffende Pünktlichkeit ohne jeden Leerlauf ermöglicht - trotz 21 Nummern und einer Pause. Und wenn am Ende Michl Müller wie immer das Publikum in seine Lieder hineinzieht, wenn die "Garitzer Verklärung" beginnt, wenn das Publikum auf den Stühlen steht, dann ist das wie ein kollektives emotionales Ausschwimmen mit dem Gondoliere von Garitz, dann ist das wie bei der "Last Night oft the Proms", dann war das "wieder mal ein schöner Tag". Dann sind alle (Garitzer) glücklich.

Aber auch die Inhalte haben sich ritualisiert, wiederholen sich. Das liegt mitnichten, wie man meinen könnte, an einer Einfallslosigkeit der Garitzer Narren, sondern an der Politik, daran, dass seit gefühlten 20 Jahren immer dieselben kommunalpolitischen Problembären durch die Stadt getrieben werden: Fußgängerzone, Berliner Platz, Steigenberger, Kursterben, Leerstände und und und ... Neu dazugekommen ist eigentlich nur der Brunnen im Rosengarten, aber der ist auch nicht mehr ganz neu. Man kann den Vorwurf der Stagnation ein bisschen verstehen, auch wenn so manches in der Bütt etwas einfacher aussieht als in der realen politischen Umsetzung.

Das Problem damit haben die Akteure, insbesondere die Büttenredner, die trotzdem originell bleiben müssen, die immer wieder den alten Wein in junge Schläuche umfüllen müssen, weil sie im Gegensatz zu Neujahrsansprachen ihre Reden nicht zweimal verkaufen können. Aber sie machen das absolut souverän; das zeichnet sie aus. Nico Sauer als "Bruder Barnabas" hat, nachdem er die Garitzer wegen 11,4 Prozent für die AfD bei der Wahl in den Senkel gestellt hat ("Fast jeder achte Garitzer! Schande über euer Haupt!") - zum Glück sind die Reiterswiesener mit 14 Prozent "noch größere Deppen" - eher ein Luxusproblem: Er muss bei seiner Tour d'horizon durch die Berliner und Münchner Politik nicht nach Themen suchen, sondern auswählen. Er kann den derzeitigen politischen Umgang nicht durch Überspitzung ad absurdum führen, denn das machen die Politiker selber. Und lachen kann man auch nicht über die Ergebnisse seiner Analysen, aber umso mehr über die pointierte und ziemlich respektlose Art, wie er sie in drastische Worte fasst.

Mitten in die Reformation eingetaucht war Thomas Rüth jr.: Als Ablassprediger Johannes Tetzel wusste er nicht nur, wie man die Geldströme in die eigene Tasche lenkt und wo nicht etwas zu holen ist - natürlich auch zugunsten der Stadt. Dabei machte er sich in der Geißelung des allgemeinen Finanzgebarens zum (historisch nicht ganz korrekten) Anwalt der kleinen Leute auf dem Land: Sein Ruf nach "Revolution", der gewalttätigen Schwester der Reformation, wurde zum steten Refrain der Volkes - oder Publikums.

Benedikt Rüth schlüpfte in die Rolle seines Kollegen, des Ganzjahresbüttenredners Donald J. Trump. Er wusste, dass er ihn nicht erreichen konnte, und beschränkte sich in seiner fränkisch-amerikanisch kaudergewelschten Rede - neben unerwartet vielen Hinweisen auf Missstände in der Stadt - klug auf einen Aspekt: auf die Empfehlung an seinen Freund "Blanky", mit seinem "city council" genauso rotzig und respektlos umzugehen wie er mit dem Congress und Senat. Und er hatte, nach dem Motto "Garitz first", einen echt guten Tipp: die Fußgängerzone einfach nach Garitz verlegen, denn unten in der Stadt gehe ohnehin alles kaputt.

Die Kummersänger des BTC, dieses Mal als Gospelkosaken verkleidet, hatten nicht nur ein wunderbar zähes Lied über eine nicht enden wollende Fahrt durch die endlos lange Ortsdurchfahrt von Reiterswiesen dabei, sondern sie machten sich auch lustig über die Kissinger Versuche, angesichts des Kursterbens vom bekanntesten Kurort Deutschlands zur bekanntesten Weinstadt zu mutieren. In diese Kerbe schlug auch, schon qua Amt, Steffi Wegmann als erste Kissinger Weinkönigin "Reb"becca I. vom Weinbergsweg. Sie amüsierte sich nicht nur über die Blüten, die das neue Vinothekengewerbe so treibt, sondern sie wunderte sich auch, dass ausgerechnet der größte Gesundheitsbetrieb der Stadt in das Geschäft mit dem schmackhaften Alkohol eingestiegen ist. Aber der Spruch ist nicht neu: Wer (gesundheitliche) Sorgen hat, hat auch Likör. Ziemlich viel der wein(er)lichen Häme! Dabei haben die Garitzer - aber vor allem die Kissinger - noch gar nicht ihren sträflichen Fehler bemerkt: Die Leberklinik an der Unteren Saline ist einfach vorschnell und viel zu früh abgerissen worden. Jetzt könnte man sie als Abschluss einer spektakulären Kissinger Vinothekenkur im Gesamtpaket wunderbar und gewinnbringend vermarkten. Das hätte doch auch für Heiligenfeld interessant sein können.

Auch die Aktionsgruppe des BTC hatte sich auf das Glatteis der Theologie begeben und zwei spannende Situationen entwickelt: zum einen kam Martin Luther - natürlich über den Kreisverkehr - nach Garitz zu Besuch: eine Begegnung von zwei Welten, die eigentlich überhaupt nicht zusammenpassten. Die Garitzer kompensierten das durch eine großzügige, folgenreiche Bewirtung. Beim zweiten Teil stand Weiß Ferdls "Münchner im Himmel" Pate, der authentischste Sketch über das ewige Leben im Paradies mit seinem ewigen Halleluja-Singen. Immerhin kommt ein Garitzer in den Himmel. Und obwohl ihm Petrus sein loses Maul zuklebt, schafft er es, das Paradies in eine Disco zu verwandeln, in der sogar Engel und Teufel miteinander tanzen. Eine Konfliktsituation, die sich auch die Showtanzgruppe des BTC in einer lebhaften und akrobatischen Choreographie zu eigen machte. Überhaupt, aber das war nicht überraschend, begeisterten die Minigarde, die Jugendgarde und die BTC-Garde mit Tänzen, die das Publikum begeisterten, weil sie mit Freude getanzt waren, weil sie technisch und choreographisch durchaus anspruchsvoll waren, natürlich nach Alter gestaffelt, aber immer locker blieben, nie in die Nähe des Angestrengten gerieten.
Und natürlich hatte wieder Michl Müller das letzte Wort - als "Göritzer Dreggsagg" schon deshalb überzeugend, weil er als Schornsteinfeger auf die Bühne kam. Aber nicht eigentlich als Schlotfeger, sondern als genervter, urlaubsreifer Glücksbringer im Dauerstress. Er räsonierte über seine Verfolgung durch Glückssucher, über die Frage, ob man im Fasching eine frische Unterhose anziehen soll ("Vor dem Tod auf jeden Fall"), über Glücksschlösser am Schweizerhaussteg und landet bei Markus Söder: "Ein Franke wird Ministerpräsident! Da muss die Not wirklich groß sein." Und über Botox und Globuli ("Ich glaube selber nicht dran, aber den Kindern hilft"s) kommt er plötzlich zu Helene Fischer und sing mit ihrer bekannten Gestik ein Urlaubslied: Die Nacht am Lago Maggiore ist genauso dunkel wie daheim.
Und dann eben der lange, gemeinsam Abspann.

Wer dieses Mal Orden bekommen hat
GaritzNatürlich durften sie auch dieses Mal nicht fehlen. Die närrischen Orden. André Köstner, der Vertreter des Fastnachtverbandes Franken (FVF), hatte wieder einige mitgebracht.
Der FVF-Sessionsorden ging an Franziska Foth, Theresa Voll und Christina Hedrich. Alle drei tanzen seit 2006 in der Garde und sind Helferinnen beim Auf- und Abbau.
Den Verdienstorden des FVF erhielten Matthias Peschel (Mitglied seit 1988, Elferrat seit 1999 und Chef des Podestaufbaus), Andreas Kaiser (Mitglied seit 2002, Beleuchtungschef seit 2004, Vorstandsmitglied seit 2007 und Schriftführer seit 2015) und Matin Friederich (Mitglied seit 2001, BTC-Kummersänger seit 2002).
Den "Till von Franken", die höchste Auszeichnung des FVF, heftete André Köstner Nicolas Sauer ans Revers. Er trat 1997 dem Verein bei, ist seit 2007 Büttenredner und seit 2011 Vorsitzender des BTC. ta