Die Jüdischen Kulturtage Bad Kissingen, veranstaltet von der Stadt und dem Landkreis Bad Kissingen mit zahlreichen Kooperationspartnern, haben sich seit ihrer Einführung 2002 zu einem wichtigen und weit über die Region hinausstrahlenden Schwerpunkt im Veranstaltungsprogramm der Stadt und des Landkreises entwickelt. Anlass für die Etablierung war die 100-Jahr-Feier der neuen Synagoge an der Maxstraße, die am 16. Juni 1902 unter großer Anteilnahme der Bevölkerung, nicht nur der jüdischen Gemeinde eingeweiht worden war.

Aus kleinen, aber ambitionierten Anfängen hat sich jetzt, in der siebenten Auflage, eine über das ganze Jahr reichende Veranstaltungsreihe mit über 50 Vorträgen, Führungen, Konzerten, Lesungen, Ausstellung und anderem mehr entwickelt.

Stadt und Landkreis sehen sich da in der Pflicht: "Die Region Bad Kissingen war bis ins Dritte Reich stark jüdisch geprägt", sagte Oberbürgermeister Kay Blankenburg (SPD) bei der Vorstellung des Programms. Das jüdische Leben sei "ein integraler Bestandteil des öffentlichen Lebens gewesen und ein wichtiger Teil der Geschichte, der nicht immer nur dann thematisiert werden dürfe, wenn Religions- und Meinungsfreiheit bedroht werden." Landrat Thomas Bold (CSU) betonte den kollektiven Aspekt der Kulturtage: "Mir ist es wichtig, dass sich seit 18 Jahren eine große und wichtige Tradition in Stadt und Landkreis gebildet hat, das Bewusstsein für das Geschehene und die gemeinsame Verpflichtung daraus zu bewahren." Er verwies auf das, was in dieser Hinsicht bereits geschehen ist, betonte dabei auch die Bedeutung der Partnerschaft mit dem Landkreis Tamar in Israel. "Durchaus positiv ist die Vermittlung des ,jüdische Lebens', welches in Form von Tradition, Religion und Geschichte in den kommenden Veranstaltungen vermittelt wird, aufrecht zu erhalten. Denn gerade in der heutigen Zeit, wenn antisemitische Parolen lauter werden oder Tragödien wie in Halle geschehen, ist es wichtig das Bewusstsein zu schärfen und nicht wegzusehen."

25 Synagogen und jüdische Beträume gab es bis zum 9. November 1938 allein im Gebiet des heutigen Landkreises Bad Kissingen, von denen die meisten allerdings nicht mehr erhalten sind. Es sei, so Bold, "die Verpflichtung unter guten Demokraten, diesen Teil der Geschichte nicht auszublenden." Kulturreferent Peter Weidisch würdigte die "beachtliche Quantität und Qualität" der Veranstaltungsreihe: "Da brauchen wir uns nicht zu verstecken. Hochrangige Konzerte, Lesungen, Theateraufführungen und Vorträge sollen den überragenden Beitrag jüdischer Künstler, Politiker und Wissenschaftler zur deutschen und europäischen Kultur und Gesellschaft hervorheben."

Wie prägend das jüdische Leben bis 1933 in der Region tatsächlich war, zeigt der Umstand, dass sich die Veranstaltungen keineswegs auf Bad Kissingen konzentrieren, sondern dass alle Gemeinden im Landkreis mitmachen, in denen der jüdische Glaube auch wirklich gelebt wurde. Dieses Mal sind es neben Bad Kissingen als Schwer- und Mittelpunkt Münnerstadt, Hammelburg, Bad Bocklet, Maßbach, Bad Brückenau, Kleinbardorf, Westheim, Steinach und Pfaffenhausen.

Neues Online-Gedenkbuch

Eigentlich haben die Jüdischen Kulturtage 2020 bereits im letzten Jahre begonnen: mit einem Vortrag von Prof. Hans-Jürgen Schrader (Genf) über den Dichter Paul Celan am 25. November im Sparkassen-Pavillon. Der offizielle Start ist am Donnerstag, 23. Januar, um 18 Uhr im Rossini-Saal. Dort wird ein Online-Gedenkbuch freigeschaltet, das Rudolf Walter in langjährigen Recherchen erarbeitet hat. Es widmet sich dem Schicksal der Kissinger Juden während der NS-Zeit, deren Entrechtung, Vertreibung, Deportation und Ermordung und es rekonstruiert Lebensläufe und Schicksale. (Am 29. April gibt es zu diesem Thema auch einen Vortrag.) Letzter Termin des Jahres ist am 1. Oktober 2020: Der Germanist Dieter Borchmeyer (München) kommt zu einer Lesung in das Jack-Steinberger-Gymnasium. Thema: "Was ist deutsch? Die Suche einer Nation nach sich selbst".

Viele Vorträge

Dazwischen gibt es eine ganze Reihe von hochinteressanten Vorträgen auch über Themen, die ein wenig im Schatten der Beachtung sind wie etwa über 28 Camps in Franken, in denen rund 16 000 jüdische Menschen auf eine Ausreisemöglichkeit nach Palästina warteten, über die Darstellung des Juden Jesus in der bildenden Kunst, einen Vortrag über neue Erkenntnisse über Synagogen im Landkreis Bad Kissingen oder über den 1919 ermordeten bayerischen Ministerpräsidenten Kurt Eisner. Es gibt Führungen durch die jüdischen Friedhöfe von Bad Kissingen, Kleinbardorf, Maßbach, Steinach und Pfaffenhausen und einiges an weiterer Spurensuche. Ein wichtiger Aspekt ist natürlich die Musik, die in vielen Konzerten zu hören ist - sei es bei den Klezmer-Ensembles "Mesinke" oder "Schmitts Katze", sei es in Liederabenden mit Werken jüdischer Komponisten oder bei "Verbotene Musik" mit dem Quatuor Arnaga aus Frankreich.

Oder "Rocking Blues & Boogie Woogie" in Bismarck Basement mit Hubert Hofherr und Abi Wallenstein (sein Urgroßvater war übrigens Kantor in Bad Kissingen). Es gibt Filmvorführungen, einen Tanzabend, einen Stadtspaziergang auf jüdischen Spuren durch Bad Kissingen und vieles mehr. Die nächsten Jüdischen Kulturtage finden übrigens bereits in zwei Jahren statt. Da kann die Veranstaltungsreihe ihren 20. Geburtstag feiern.

Programm Zu den Jüdischen Kulturtagen 2020 ist ein 28-seitiger Flyer mit sämtlichen Terminen, Referenten, Regularien und Themenerläuterungen erschienen. Er liegt im Rathaus, in der Tourist-Information im Arkadenbau und weiteren öffentlichen Einrichtungen sowie bei den Kooperationspartnern aus.

Im Internet ist das ausführliche Programm zu finden unter: www.badkissingen.de/juedische-kulturtage/