Eifrig gewirbelt haben Lisa Berninger und ihr Team in den vergangenen Tagen. Sie haben das Bekleidungsangebot ihres erst im Juni eröffneten Rotkreuzladens am Steingraben der kalten Jahreszeit angepasst. Kurzärmlige T-Shirts und leichte Sommerkleidchen wurden im Lager verstaut, dicke Pullover, Jacken und Stiefel aus dem Fundus geholt.

"Wir sind mit Second-Hand-Bekleidung für Damen, Herren und Kinder für den Winter gut gerüstet", freut sich Thomas Schlott, stellvertretender Geschäftsführer des Rotkreuz-Kreisverbandes Bad Kissingen. Über 80 Rotkreuzläden gibt es schon in Bayern, in denen man gut erhaltene und gereinigte Gebrauchtkleidung, Haushaltswaren und Spielsachen bekommt. Die Kleiderkammern von früher "sind aus der Mode", sagt Schlott, auch Bedürftige hätten als Teil der Gesellschaft das Recht, in einer "richtigen Boutique" einzukaufen.
So stöbern im Bad Kissinger Rotkreuzladen Normalverdiener neben Bedürftigen, Rentner neben jungen Müttern. "Unser Kundenstamm geht quer durch alle Gesellschaftsschichten und Altersgruppen", hat Ladenleiterin Lisa Berninger in den fünf Monaten seit Eröffnung festgestellt.

Gepflegte Markenware

Jutta (63) ist mit der Familie hier. Sie hat schon manches gespendet und kennt die Qualität des Sortiments. "Hier finde ich gepflegte Markenware zu niedrigsten Preisen." Auch für die Enkelkinder hat sie hier schon eingekauft.
Hildtrud (56) schätzt ebenfalls die Qualität. Dass alles schon mal getragen wurde, ist ihr egal: "Ich bin kein Wegwerftyp." Im Gegenteil: Aus den mehrmals gereinigten Textilien seien garantiert alle Schadstoffe raus, sieht sie eher Vorteile und macht sich zwischen Regalen und Kleiderständern weiter auf die Suche. "Ich finde immer mal ein Schnäppchen." Gerd (60) sieht es sachlich: "Markenware wie vom Herrenausstatter. Der sieht man doch nicht an, wo sie gekauft wurde."

Gut frequentiert

Täglich kommen bis zu 40 Kunden in den Rotkreuzladen. Nur ein Drittel sei im Sinne des Gesetzes bedürftig. Diese können sich durch ihre Rotkreuzkarte, oder die Karte der Kissinger Tafel ausweisen und bekommen auf die ohnehin schon niedrigen Verkaufspreise noch einmal 50 Prozent. Kostet ein Markenhemd für Normalkunden also gerade mal vier Euro, eine Jeans fünf oder eine Winterjacke vielleicht zehn Euro, zahlen Hartz-IV-Empfänger, alleinstehende Mütter oder Rentner über 75 Jahren nur die Hälfte.

"Woanders kann ich gar nicht einkaufen", versichert Emilia (59) aus Kasachstan. Einige Jahre hatte sie durch Putzen Geld verdient. Jetzt muss sie monatlich mit einer Erwerbsminderungsrente von 523 Euro auskommen. Davon gehen allein 241 Euro für die Miete ab. Sie kann sich also nur den Rotkreuzladen leisten, ist aber von der Vielfalt des Angebots und dessen Qualität geradezu begeistert.

Gute Beratung gelobt

"Ich komme fast täglich hierher." Eben hat sie eine dicke Jacke aus Kaschmirwolle und feste Schuhe für den Winter gekauft. Monatlich gibt sie um die 25 Euro in ihrer Boutique am Steingraben aus. "Dafür kann ich mich hier komplett einkleiden." Besonders schätzt sie die gute und freundliche Beratung. Berührungsängste, den Rotkreuzladen zu betreten, hat sie nicht. Im Freundeskreis schwärmt sie sogar von ihren Einkäufen. "Aber manche trauen sich doch nicht hierher."

Für Ladenleiterin Lisa Berninger kann der Winter kommen. "Jacken haben wir genug, aber Pullover für Damen und Herren könnten wir noch gebrauchen", hofft sie auf kurzfristige Spenden. Nach Prüfung der Wareneingänge legt sie die Verkaufspreise fest. "Alle Einnahmen bleiben im Landkreis und kommen unseren Sozialprojekten zugute", betont Rotkreuz-Manager Schlott. Die Bedürftigkeit nehme überall spürbar zu - nicht nur materiell. Lisa Berninger ist deshalb nicht nur Verkäuferin, sondern im Gespräch mit den Kunden manchmal auch Seelentrösterin.