Zwangsräumungen hatte Helmut Behnecke-Eppler schon einige. Nervenkitzel gehört aber immer noch dazu. Es ist der kurze Moment nach dem Klingeln, in dem er noch nicht weiß, was auf ihn zukommt. Spannung und Aufregung liegen in der Luft. Manche öffnen die Tür freiwillig, andere warten, bis die Tür mit Gewalt aufgebrochen wird. Wiederum andere haben die Wohnung bereits mit Sack und Pack verlassen, bis auf den Müll. Für den Gerichtsvollzieher ist das trauriger Berufsalltag. Aber auch Routine. Die Ereignisse in Karlsruhe gehen ihm dennoch nicht aus dem Kopf.

"Das ist ein ganzer Gefühlscocktail, der durch mich rauscht", so der 53-Jährige. Was er fühlt, sind Trauer, Hilflosigkeit, Verständnislosigkeit - und Angst. Dabei möchte er die eigentlich gar nicht haben: "Angst ist ein schlechter Begleiter." Meistens ist sie gar nicht nötig, immerhin kennt er 90 Prozent seiner Schuldner bereits seit längerer Zeit. "Das Problem sind aber die neu zugezogenen Unbekannten", erklärt er.

Schlaflose Nächte


In den 14 Jahren, in denen Behnecke-Eppler inzwischen als Gerichtsvollzieher arbeitet, wurde er bisher dreimal bedroht. Und das heftig. Aussagen eines Schuldners wie "Wenn du mich nicht in Ruhe lässt, zünde ich dein Haus an" sorgten bei ihm lange für schlaflose Nächte. Das kleinste Geräusch machte ihn nervös, ließ ihn aufschrecken. Stattdessen "tigerte" er aus Sorge um seine Frau und Kinder regelmäßig ums Haus. "Ich hätte Strafanzeige stellen können. Aber wozu? Da wäre er noch wütender geworden."

"Ich hau' dich tot!"


Ein anderes Mal saß ein Schuldner bei ihm im Büro, der plötzlich aggressiv wurde und versuchte, Behnecke-Eppler körperlich anzugreifen. Der Gerichtsvollzieher rief die Polizei. Bis die aber kam, war der Angreifer bereits über alle Berge.

Manchmal kommt es gar nicht erst zu einem Gespräch mit den Schuldnern. Sie drohen ihm schon an der Klingel. "Heute ist ein schöner Tag zum Sterben", hieß es einmal. "Wenn du nicht sofort weggehst, hau' ich dich tot", schrie ein anderer. Der Gerichtsvollzieher machte auf dem Absatz kehrt. "Das Flucht-Gen muss man eigentlich überwinden, in diesen Fällen blieb mir aber nichts anderes übrig."

Behnecke-Eppler nutzt deshalb Schulungen der Justizverwaltung. Trainiert werden Konfliktbewältigung, Kommunikationsformen und Selbstverteidigung. Zu seinem Schutz darf er technische Mittel einsetzen. Welche das sind, möchte er nicht verraten. Bisher hat er sie "zum Glück" noch nicht einsetzen müssen. Aber er fühlt sich sicherer. "Weil ich weiß, dass ich damit nicht hilflos bin." Die Aggressivität vieler Schuldner möchte er im Gespräch entschärfen. Mit Verständnis und Geduld. "Nur das gesprochene Wort ist das, was wirklich wichtig ist."
Außerdem sind nicht alle so. "Die Masse der betroffenen Menschen ist normal. Sie haben halt Schulden wegen irgendeiner Misere." Behnecke-Eppler hatte auch schon positive Erlebnisse: "Es ist selten, aber dann ein echtes Highlight."

In ein paar Tagen stehen dem Gerichtsvollzieher gleich zwei Räumungen bevor. "Das ist schon ein komisches Gefühl", gibt er zu. Ob ihn der Vorfall in Karlsruhe vorsichtiger werden lässt, kann er noch nicht einschätzen. "Man weiß halt nicht, wer der Nächste ist", sagt er leise und nachdenklich.