Alle sind da. Männer, Frauen, Kinder. Sitzplätze sind rar, viele müssen stehen. Das ist kein Problem, es befeuert die Atmosphäre eher noch. Kaum klingen die ersten Töne durch den schmucklosen Gemeinschaftssaal im zweiten Stock der Bad Kissinger Asylnotunterkunft, wird überall getrommelt, getanzt und gesungen. Die Menschen wirken offen. Sie geben sich gelöst und befreit. Es ist, als würde der Vorhang des "Eingesperrtseins" aufgezogen und eine Bühne zur Normalität öffnet sich.


Liebenswertes Chaos

Ja, es ist wohl so: Musik verbindet, und die Flüchtlinge genießen den Abend als syrisch-afghanisch-ukrainisches Gemeinschaftserlebnis. Sie feiern jeden einzelnen Beitrag und damit auch ihre deutschen Gastgeber.

Dennis Dennehy hatte eigentlich Musiker unter den Flüchtlingen für seine Folkabende im Rhön Adler in Hausen gesucht. Er hat den Wunsch der Bewohner, doch ein Treffen in der Unterkunft zu versuchen, aufgenommen und einen Volltreffer in Sachen Integration gelandet.

Schon beim ersten irischen Song ist alle Zurückhaltung wie weggeblasen und spätestens beim "Trompetenecho", von Jürgen Bauer gespielt, wird mitgeklatscht und getrommelt.

"Das entwickelt sich hier dynamisch", flachst Dennehy, der selbst irisch-englische Wurzeln hat. Natürlich läuft alles nicht so gesetzt ab, wie sonst im Rhön Adler gewohnt. Viele Kinder sind dabei. Sie tanzen mit den Männern bis spät in den Abend. Die Frauen sitzen zusammen, sind fröhlich, feiern mit, bleiben aber doch im Hintergrund.
Jubelstürme allenthalben, als ein kleiner Junge ein Smartphone vor das Mikro hält und der ganze Saal einen bekannten syrischen Hit mitsingt. Jede kleine Pause zwischen den einzelnen Musikbeiträgen wird genutzt, um zu vertrauten Trommelklängen zu tanzen und zu singen. Die Begeisterung kennt kaum Grenzen, wenn sich einer der Flüchtlinge vor das Mikrophon traut.


Holzfäller mit schmalen Händen

Yousef Junid ist Mitte 20. Ein schmaler, junger Mann mit großen dunklen Augen. Er wirkt auf den ersten Blick ernst und irgendwie zerbrechlich. Aber schon sein kleiner Zopf, mit dem er die schwarzen Haare bändigt, deutet an, dass es eine andere Seite von Yousef geben muss. Die zeigt er, wenn er die Oud, seine orientalische Laute, auf den Knien hält und Lieder aus seiner Heimat spielt. Da wird er zum fröhlichen Musiker, der mit feingliedrigen Händen fremdländische Klänge zaubert und seine Landsleute zu stürmischem Jubel mitreißt. Der Bootsflüchtling aus Syrien kam über Griechenland, Mazedonien, Serbien und Ungarn nach Österreich. Dort war sein Geld aufgebraucht, aber er fand zwei Monate Arbeit als Waldarbeiter in einer Holzfällertruppe.

Jason Cook, Dennehy´s musikalischer Freund, moderiert den Abend in englischer Sprache. Vielleicht verstehen nicht alle, was er sagt, aber Musik ist eben international. Cook meistert das liebenswerte Chaos hervorragend. Auch Dennehy läuft zu großer Form auf, bindet die Frauen mit ein. Einige ergreifen tatsächlich sein Mikrophon, um einen Refrain mitzusingen, den der smarte Mohannad aus Syrien vorträgt und mit seiner Gitarre begleitet.
Susan Abdulrhaman ist Dolmetscherin, Mädchen für Alles und guter Geist der Notunterkunft, die in der ehemaligen Wäschefabrik in der Röntgenstraße untergebracht ist. Sie weiß, was es heißt, in der Fremde zu leben. Sie hat es selbst erlebt und ist überzeugt "dass Musik die Sprache der Integration spricht".


Hermann Hesse mit Übersetzer

Abdulrhaman hat mit dafür gesorgt, dass das Konzert in der Unterkunft stattfinden konnte. Mit dem Folkabend haben die deutschen Gastgeber den Menschen der Unterkunft ein Stück unserer Kultur vermittelt. Das Duo "Schwarzer Adler" mit Gitarre und Querflöte trug dazu bei, genauso wie die Lieder von Benno auf der Mundharmonika. Senior Wolfgang Mäurer traute sich, ein Gedicht vorzutragen: Die "Stufen" von Hermann Hesse hat er ausgewählt. "Und jedem Anfang wohnt ein Zauber inne, der uns beschützt und der uns hilft, zu leben". Flüchtling Chalid übersetzte den Klassiker für die Asylsuchenden. Dafür gab es Riesenbeifall.

Als der Abend zu Ende geht, kommen Mohannad und Yousef und erbitten den Notizblock von dem Journalisten, der für diese Zeitung über den Folkabend berichtet: "It makes us happy" und "thank you Germany", haben sie ihm auf das Papier geschrieben.