Pünktlich um 8.44 Uhr kehrt am Dienstag ein Stück Vergangenheit auf den Bad Kissinger Bahnhof zurück. Ein zweiteiliger Schienenbus hält auf Gleis 1, ein paar Eisenbahnfreunde klettern aus dem Zug, machen Fotos, bevor der Schienenbus um 9.03 Uhr laut knatternd und pünktlich wie die Eisenbahn Bad Kissingen wieder verlässt. Der Bahnhof der Kurstadt war Zwischenstation einer Sonderfahrt.



An den Flanken der beiden Fahrzeuge steht nicht wie früher "DB" für Deutsche Bundesbahn, sondern "DDM". Der Schienenbus gehört dem Deutschen Dampflokmuseum in Neuenmarkt-Wirsberg. Mit im Zug ist Vorsitzender Stefan Strauch. "Wir machen einen Viertagesausflug", sagt Strauch, der den historischen Triebwagen bis hinauf nach Norddeich-Mole bringen wird.

Attraktive Saaletalbahn
Warum über Bad Kissingen? "Wenn wir nach Norden fahren, nehmen wir immer diese Strecke", erwidert Strauch. Statt von Schweinfurt über Würzburg und Gemünden weiter in den hohen Norden zu fahren, wählen die Museumsbahner lieber die Strecke nach Bad Kissingen und von dort die Saaletalbahn nach Gemünden. Das hat für Strauch und die gut 35 Fahrgäste etwas mit der schönen Landschaft entlang der Fränkischen Saale zu tun. Aber auch damit, dass es auf der Saaletalbahn noch historische Eisenbahn-Infrastruktur gibt: Handbediente Schranken, Flügelsignale und Telegrafenmasten.

"Der Triebwagen stammt aus den 1960er Jahren, aber er ist noch voll fit", versichert Stefan Strauch. Er wird regelmäßig untersucht, ist unter anderem mit der neuesten Kommunikationstechnik nachgerüstet.


Einst Alltag auf den Schienen
Bis Mitte der 1980er-Jahre gehörten die "roten Brummer", wie die Schienenbusse gerne genannt wurden, noch zum Alltag auf den Schienen rund um Bad Kissingen. Stationiert waren die Triebwagen erst in Gemünden, ab 1972 - mit Auflösung dieser Dienststelle - in Aschaffenburg. Lokführer aus der Einsatzstellen Gemünden und Schweinfurt fuhren mit den Schienenbussen unter anderem nach Bad Kissingen, nach Schweinfurt, nach Mellrichstadt und auf der Sinntalbahn von Jossa nach Bad Brückenau. Auf letzterer Strecke noch bis zur Stilllegung des Personenverkehrs 1988.

Ab 1952 gebaut, sollten die Schienenbusse den Betrieb auf Nebenstrecken rentabler machen. Sie waren wesentlich einfacher zu warten als die damals noch vorherrschenden Dampfloks. Und sie brauchten nur einen Mann zur Bedienung und keinen heizer mehr, ein Heizer war nicht mehr nötig.In etlichen hundert Exemplaren gebaut, gehörten die Schienenbusse bald zum Alltag auf den bundesdeutschen Gleisen.


Knatterkisten
Obwohl viele Schienenbusse mit Luftfederung ausgerüstet waren, standen sie nicht unbedingt für Komfort. Vor allem im Sommer heizten sich die Schienenbusse gewaltig auf, gab es doch nur kleine Ausstellfensterchen zur Belüftung. Und im Motorwagen war der Antrieb deutlich vernehmbar. Wie laut die Schienenbusse knatterten, mag die Tatsache verdeutlichen, dass man nachts und bei richtigem Wind noch fast bis Hausen hören konnte, wenn die roten Brummer knatternd die starke Steigung bei Arnshausen erklommen.

Andererseits ermöglichten es die kippbaren Lehnen der Sitzbänke, immer in Fahrtrichtung zu sitzen. Und gerade für eisenbahnbegeisterte Buben war es das einzige Fahrzeug, das es gestattete, dem Lokführer bei seiner Arbeit über die Schulter zu blicken.


Lebendiges Museum
Nur einige wenige Schienenbusse schafften es im Planbetrieb bei der Deutschen Bahn noch in das neue Jahrtausend. Heute existieren noch ein paar wenige Exemplare bei privaten Eisenbahnunternehmen, zahlreiche Schienebusse haben aber bei Museumsbahnen überlebt.

Wer heute noch einmal eine Fahrt in der Knatterkiste erleben möchte, muss gar nicht weit fahren. Zwischen Volkach und Seligenstadt schickt die Mainschleifenbahn zwischen 1. Mai und Ende Oktober sonn- und feiertags einen Schienenbus auf die nostalgische Reise. Wer mehr wissen will, braucht nur www.mainschleifenbahn.de zu klicken.