Ebenhausen

Es ist eine Viertelstunde vor Mitternacht. Mitten in Ebenhausen an der Kirche ist es sehr ruhig, es ist die Nacht von Karfreitag auf Karsamstag. Doch dann tauchen einige junge Männer auf. Sie gehen zur Kirche. Einige haben Ratschenkästen dabei, die Stimmung ist locker und gelöst, trotz des strömenden Regens sind sie bester Laune. Es sind auch einige dabei, die zwar in Ebenhausen aufgewachsen sind, jetzt aber woanders wohnen. In dieser Nacht sind sie jedoch einträchtig in der Heimat vereint. Denn schließlich gilt es, eine uralte Tradition aufrechtzuerhalten. Heute Nacht wird man den "Judas" in seinem Versteck aufspüren und ihn versuchen, zu fangen.

Dieser Part ist heuer Philipp Brust und Andreas Breuter zugefallen. Gerade besprechen sie sich etwas abseits von der Gruppe, um auszubaldowern, wo sie sich am besten verstecken soll. Wenn die Glocke zwölf Uhr schlägt, geht es los, die beiden sind nicht mehr zu sehen. Der Rest der Gruppe, die mittlerweile auf rund 20 Personen gewachsen ist, macht sich langsam auf die Suche, sie verschwinden auf Schleichwegen, die nur die Einheimischen kennen. Dabei geht es mitten durch Gärten und Anwesen, was in dieser Nacht kein Problem darstellt: Denn die Einwohner von Ebenhausen kennen natürlich diesen uralten Brauch.

"Das Fangen von Judas ist eine alte Tradition. Wir sind froh, dass wir sie aufrechterhalten können", erklärt Bastian Lutz das geheimnisvolle nächtliche Geschehen. Eigentlich dürfen hier nur gebürtige Ebenhäuser mitmachen, in dieser Nacht hat man aber eine Ausnahme gemacht, denn die jungen Männer freuen sich, dass über diesen Brauch berichtet wird. Dabei ist der Ablauf seit vielen Jahrzehnten immer der gleiche: Um fünf vor zwölf begeben sich die beiden "Judasse" zum Kriegerdenkmal bei der Kirche, um zwölf Uhr laufen sie weg, um sich zu verstecken. Wenn der letzte Glockenschlag um Mitternacht verklungen ist, dann beginnt die Suche.

Heuer lassen sie den beiden Flüchtigen etwas mehr Zeit. Zunächst geht die Gruppe zur Unterkunft, alle erzählen, was sie über den Brauch wissen. Um kurz vor dreiviertel eins wird die Gruppe jedoch unruhig und begibt sich ins Freie. Waren die Teilnehmer vorher noch ausgelassen, so sind sie jetzt hochkonzentriert und lauschen in die Nacht hinein. Leider kann man wegen des starken Regens keinen Ruf vernehmen, und so begeben sie sich auf die Suche, ohne die typischen "Judas"-Rufe zu hören. "Damit man den Judas finden kann, muss dieser um 00.45 Uhr, um 1.30 Uhr und um 2 Uhr laut "Judas" rufen. Dann wird der Ruf alle Viertelstunde wiederholt", erklärt Lutz.

Wenn bis drei Uhr die beiden Judasse nicht gefunden sind, dann haben sie sozusagen gewonnen. Das Terrain, in dem sie sich verstecken dürfen, ist genau festgelegt, nämlich der Altort von Ebenhausen. "Früher gab es noch mehr Möglichkeiten: da konnte man sich frei durch die Scheunen bewegen. Da viele baufällig oder abgeschlossen sind, ist das heute leider nicht mehr möglich", weiß Andreas Greubel zu berichten. Dennoch sind die Möglichkeiten, sich vor den Häschern zu verbergen, fast grenzenlos: So hat sich ein Judas schon in der Kanalisation versteckt, auf einem Acker mit Erde bedeckt oder versucht, sich in einem Graben unsichtbar zu machen.

Während der Aktion dürfen die Judasse ihren Aufenthaltsort wechseln, einzige Voraussetzung ist, dass sie in regelmäßigen Abständen den Ruf "Judas" hören lassen. In dieser Nacht haben sie jedoch kein Glück. Sie werden gefangen, der eine um 1.30 und der andere um 1.45 Uhr. Zwar versuchen beide noch zu fliehen, doch am Ende werden sie doch abgeschlagen. "Wenn sie zweimal berührt worden sind, dann ist das Spiel vorbei. Derjenige, der den Judas abgeschlagen hat, darf seine Rolle im nächsten Jahr übernehmen", erklärt Lutz die Regeln.

Mitmachen dürfen alle jungen Männer des Dorfes ab 16 Jahren, die gebürtige Ebenhäuser sind. Damals war es so, dass nur die Junggesellen mitmachen durften, heute spielt das aber keine Rolle mehr. Überhaupt hat der Brauch sich ein wenig verändert.

"Früher war das alles noch um einiges brutaler", erinnert sich Bernhard Wahler. Da war es so, dass die Jüngsten den Judas machen mussten. Wurden sie gefangen, so kamen sie ins Backhaus, wurden dort über den Backstein gelegt und mit dem Gürtel geschlagen. "Eigentlich war das eher rituell. Wenn es aber untereinander Streitereien gab, dann hat der eine oder andere schon etwas fester zugeschlagen", so Wahler.

Das hat sich heute geändert, geschlagen wird nicht mehr. Andere Bräuche haben sich aber unverändert erhalten. So ziehen die jungen Männer, nachdem die Judasse erfolgreich gefangen wurden bzw. spätestens um drei Uhr, mit ihren Ratschenkästen durch das Dorf und singen die Strophe "Judas, Judas, was hast Du getan? Du hast den Herrn verraten, dafür wirst Du gebraten". Dieser Spruch mag in der heutigen Zeit etwas anachronistisch anmuten, er zeigt aber, dass der ganze Brauch eine lange Tradition haben muss. So entstand dieser Spruch wohl aus einer mittelalterlichen lateinischen Liedstrophe für die Karwoche, entnommen ist er dem "Laus tibi, Christe, qui pateris" ("Lob dir, Christus, der du leidest), welche im 14. Jahrhundert gedichtet wurde. Im Zusammenhang der damals beliebten Passionsspiele wurde die Textzeile "O du armer Judas" so populär, dass sie im 15. und 16. Jahrhundert ein wahrer Gassenhauer wurde.

Noch bis ins 17 . Jahrhundert hinein kannte man die Redewendung "einem den armen Judas singen". In den Bräuchen des Klapperns hat sich diese Textzeile teilweise erhalten. In vielen Gemeinden wird sie nicht mehr aktiv gesungen - vielleicht erschien sie dem einen oder anderen als zu brutal, so dass man sie irgendwann wegließ. Nicht nur in Ebenhausen, auch in Wittershausen gibt es die Zeile aber noch, um 11 Uhr singen dort die Klapperkinder: "Du elender Judas, was hast du getan. Den Heiland verraten, in der Hölle sollst Du braten, bei ewiger Qual und Pein". "In Ebenhausen wird die oben erwähnte Strophe nur nachts gesungen, sie hat sich aber bis heute erhalten", so Bastian Lutz. Nachdem man dann klappernd durchs Dorf gezogen ist, geht es weiter zum "Härberg" (Heuberg), wo ein großes Feuer entzündet und eine aus Stroh gefertigte Judaspuppe verbrannt wird. Hier klingt dann die ganze Aktion aus und man feiert noch bis in die frühen Morgenstunden gemeinsam.

Seit wann es diesen Brauch gibt, der zumindest in Franken einzigartig ist, weiß auch Bernhard Wahler nicht. "Sicher ist nur, dass es diese Tradition schon weit vor dem 2. Weltkrieg gab. Schriftliches gibt es dazu leider nichts. Nach dem Krieg gingen kaum noch junge Männer mit - viele waren ja in Gefangenschaft oder gefallen", sagt Wahler. Doch dann blühte der Brauch wieder auf. Und heute ist jeder stolz darauf, Teil dieser alten Tradition sein zu können. Den rund 20 Männern, die heuer dabei waren, merkte man den Spaß an, mit dem sie bei der Sache waren, Regen hin oder her. "Es ist einfach klasse, dass es die Tradition noch gibt", so Andreas Greubel.