Er hat sich noch ein Fahrrad gekauft. Ein E-Mountainbike, für viel Geld. Harald S. * ( * Name geändert) hat es beim Händler stehen lassen - und vergessen. Nach sieben Wochen in der Psychiatrie fällt es ihm wieder ein. Immer wieder fordert die Therapeutin ihn auf, sich Ziele im Leben zu setzen. Mit dem Rad einmal über die Alpen fahren, an diesem Traum hält er sich jetzt fest. Er möchte auch einen Tandem-Sprung mit dem Fallschirm machen. Und reisen.

Es ist still im Seminarraum 3 des Lernwerks Volkersberg. Sieben Leute sind zur Maiandacht gekommen, vier bleiben zum anschließenden Gespräch. "Niemand kann einen Menschen, der sich wirklich umbringen will, aufhalten. So viel Liebe kann niemand haben", sagt Johanna Schießl behutsam. Die Gemeindereferentin der Pfarreiengemeinschaft St. Georg-Maria Ehrenberg und Beate Schilling vom Volkersberg wollen das Thema ansprechen, über das viele lieber schweigen. Dabei haben sie konkrete Fälle aus der Region vor Augen.

Harald S. stammt nicht aus der Region. Aber er hat erlebt, wie Gedanken zu Zwängen werden. Er kennt die Seiten im Internet, auf denen sich Menschen, die genug vom Leben haben, austauschen. "Ich wollte nicht vor den Zug springen", sagt er. Das mache den Lokführern doch so zu schaffen. Sich im Wald aufhängen - auffällig in bunte Farben gekleidet oder im Anzug für einen würdevollen Abgang - erschien ihm zu unsicher zu sein. Schließlich wählt er einen Baum aus. Mit 200 Kilometern pro Stunde dürfte da nicht viel von ihm übrig bleiben.

Im Rahmen der Woche für das Leben thematisieren die beiden großen Kirchen Suizide - deshalb das Gesprächsangebot auf dem Volkersberg. Johanna Schießl ist wichtig, über die Gründe zu sprechen, die zur Selbsttötung führen können. Seelische Erkrankungen nennt sie genauso wie körperliche, "wenn es ein Mensch einfach nicht mehr aushält". Akut belastende Ereignisse wie ein Todesfall oder der Verlust des Arbeitsplatzes könnten ebenfalls Suizidgedanken auslösen. "Bei Männer ist häufig ein Grund, wenn die Frau geht", sagt Schießl.

Bei Harald S. war es so. Vier Jahre Rückenschmerzen, vier Jahre kaum Schlaf. "Das macht dich fertig." Seinen Freunden sagt er nichts. "Du hast doch einen an der Klatsche, geh mal zum Arzt", habe seine Frau ihm an den Kopf geworfen, erzählt der 46-jährige Kraftfahrer. Dass er Depressionen hat, gesteht er sich nicht ein, obwohl er seit Monaten den Drang verspürt, sein Leben zu beenden. Als seine Frau sich von ihm trennt, greift er zum Autoschlüssel. Vorher aber muss er seiner Schwiegermutter noch eben helfen.

Johanna Schießl weiß, dass viele Geschichten nicht gut ausgehen. Für viele Angehörige passiere ein Suizid aus heiterem Himmel. Deshalb plädiert sie dafür, Mitmenschen gegenüber aufmerksam zu sein. Wenn jemand sich zurückziehe und gewohnte Interessen aufgebe, könne das ein Warnzeichen sein. Wenn Menschen Wertvolles verschenken oder sich indirekt verabschieden, auch. "Ich glaube, dass sich diese Menschen wünschen, dass jemand reagiert", sagt sie. Sie sagt aber auch, dass in der Endphase niemand den Entschlossenen mehr erreicht - selbst Ärzte nicht.

Und noch etwas spricht Schießl an. Es sei furchtbar, wenn Angehörige das Gefühl haben, dass die Menschen sie auf dem Friedhof meiden. "Seien Sie achtsam und schauen Sie nicht weg", gibt sie den Teilnehmern der Gesprächsrunde deshalb mit. "Fragen Sie nach!" - auch dann, wenn der Suizid schon länger zurück liegt. Und sie ermutigt dazu, konkret nach Selbsttötungsabsichten zu fragen, wenn sich der Eindruck aufdrängt, der andere könnte betroffen sein.

Nach Monaten der Therapie vertraut Harald S. seine Geschichte einem guten Freund an. Den besten Schauspieler, habe der ihn genannt. "Das hat ja auch gestimmt. Ich wollte nicht, dass es jemand merkt. Ich war total misstrauisch", erzählt er. Manchmal überkommt ihn das tiefe Gefühl der Sinnlosigkeit auch jetzt noch. Was er dann macht? "In der Psychiatrie haben sie gesagt, man soll immer 48 Stunden warten, bis man es durchzieht", sagt er. Er hört auf den Rat der Therapeutin.

Hilfe für Betroffene und Angehörige

Informationen gibt es bei der Deutschen Gesellschaft für Suizidprävention oder der Stiftung Deutsche Depressionshilfe. Im Landkreis Bad Kissingen können sich Betroffene an folgende Anlaufstellen wenden: Sozialpsychiatrischer Dienst des Diakonischen Werkes, Tel.: 0971/ 66497; KontaktPunkt Bad Kissingen, Tel.: 0971/ 66683; Ehe-, Familien- und Lebensberatung der Diözese Würzburg, Tel.: 0971/ 3051.

Selbsthilfe Angehörige finden beim Verein "AGUS - Angehörige um Suizid" Hilfe. Im Internet gibt es eine Übersicht über Selbsthilfegruppen in ganz Deutschland. Auch die Robert Enke Stiftung ist ein Ansprechpartner.

Telefonseelsorge Folgende Telefonnummern sind jederzeit erreichbar. Katholisch, Tel.: 0800/ 1110222; Evangelisch, Tel.: 0800/ 1110111. Der Anruf ist kostenfrei.