Plötzlich ist alles schwarz. Für einige Minuten an diesem warmen Tag sieht Sven Mildenberg nichts mehr vom Sonnenschein. Die Wärme spürt er nur noch auf seiner Haut. "Ich hätte nicht gedacht, dass es so extrem ist", sagt er. Der Polizist trägt eine Augenbinde und lässt sich durch den Rosengarten führen. Unter seinen Füßen ertastet er Steine und Gras. Der Wind bläst feine Wassertropfen des Springbrunnens in das Gesicht des Vollzugsbeamten, der am Stuttgarter Flughafen arbeitet. Er tritt vorsichtig ins Unbekannte. "Es fühlt sich ein bisschen an wie Seegang." Nichts zu sehen ist für ihn ungewohnt, fremd, unangenehm. Sven Mildenberg schiebt die schwarze Augenbinde nach oben auf seine Stirn. Er erlöst sich von der Dunkelheit. Einige seiner Kollegen, für die er bei der Polizei einsteht, können das nicht.

Gefühlt blind

70 Vertreter der Schwerbehinderten, die bei der Bundespolizei angestellt sind, sollen bei ihrem Jahrestreffen in Bad Kissingen nachfühlen, wie es Menschen mit einer Sehbehinderung geht. "Man kann sich sonst gar nichts darunter vorstellen, nicht zu sehen", sagt Sven Mildenberg.

Kirsten Hüser-Nuß vom Bayerischen Blinden- und Sehbehindertenbund e.V. (BBSB) will dafür sorgen, dass sich das ändert. Sie hat Brillen dabei, die eine Einschränkung der Sehkraft simulieren. Grauer Star, Röhrenblick, zentraler Sehausfall, für die meisten der Teilnehmer ist der Blick durch die Brille ein Blick in eine andere Welt. "Ziel ist es, möglichst viele Leute zu sensibilisieren, damit sie erkennen wie es ist, mit der Behinderung zu leben", sagt Kirsten Hüser-Nuß. Die Sozialarbeiterin und Rehalehrerin trainiert Menschen mit Sehbehinderung und Betreuer, die mit ihnen zu tun haben. Sie geht an Schulen und in Firmen, "um die Probleme fühlbar zu machen". "Viele sagen oh Gott, zum Glück habe ich das nicht", erzählt sie. Für Sehende sei das Schlimmste der visuelle Ausfall.

Selbstbestimmt durch die Stadt

Ein Teilnehmer umgreift den Oberarm von Kirsten Hüser-Nuß. Sie geht einen Schritt voraus. Die "internationale Führtechnik". Die Schwerbehindertenvertreter spielen bei der Übung mit und wechseln einander ab, lassen sich darauf ein und vertrauen. Sven Mildenberg bekommt einen Eindruck davon wie es ist, auf die Unterstützung eines Mitmenschen angewiesen zu sein. Dabei sollte er sich so unabhängig wie möglich fühlen. "Das Wichtigste für einen Sehbehinderten ist das selbstbestimmte Führen", sagt Kirsten Hüser-Nuß.

Einmal im Jahr kommen die Schwerbehindertenvertreter der Bundespolizei aus ganz Deutschland zusammen. In Bad Kissingen steht heuer das Thema Barrierefreiheit auf dem Programm, sagt der Vorsitzende Bernhard Jaeckel. Bernhard Schlereth, Stadtrat und Bad Kissingens Behindertenbeauftragter, führte sie durch die Fußgängerzone. Seit einem Unfall vor 20 Jahren sitzt er im Rollstuhl. Er erklärte, wo die Stadt und die Geschäfte sich bereits Menschen mit Behinderung angepasst haben: Eingänge wurden abgeflacht und mit Rampen besser zugänglich gemacht, Straßenübergänge mit speziellen Belägen für Sehbehinderte angepasst. Für einen Rollstuhlfahrer bedeutet ein Bordstein ein Hindernis, für einen Sehbehinderten ist die Kante dagegen eine wichtige Orientierungshilfe, erklärt er. "Man versucht immer einen Kompromiss zu finden. Damit allen geholfen ist."

Bundespolizei Die Schwerbehindertenvertreter der Bundespolizei unterstützen ihre Kollegen bei sämtlichen Problemen, die im Zusammenhang mit ihrer Behinderung stehen. Vom Bürostuhl über Anträge bis zu angepassten Arbeitszeiten. Die Vertreter setzen sich außerdem dafür ein, dass die körperlich eingeschränkten Beamten "bestmöglichst eingesetzt werden". 1800 Menschen mit Schwerbehinderung sind in Deutschland bei der Polizei eingesetzt. 700 von ihnen als Polizeibeamte. Die meisten leiden unter Herz-Kreislaufbeschwerden, Diabetes und Erkrankungen des Bewegungsapparates. Seit einigen Jahren nehmen psychische Erkrankungen zu.

Selbstbestimmt
Der Bayerische Blinden- und Sehbehindertenbund e.V. (BBSB) ist die Selbsthilfeorganisation der 80 000 Blinden und Sehbehinderten in Bayern. Der Verein setzt sich zum Ziel, "blinden und sehbehinderten Menschen ein selbstbestimmtes Leben in der Gemeinschaft zu ermöglichen".