Bad Kissingen
Gesellschaft

Tote in der Obdachlosen-Szene in Bad Kissingen - Sozialpädagoge: "Manchmal ahne ich, wer der nächste ist"

2019 sind mindestens drei Menschen gestorben, bei zweien könnten Drogen die Ursache gewesen sein. Der Jüngste starb am Dienstag - mit 26 Jahren.
Das Bild ist aus Berlin, es hätte aber in jeder anderen Stadt geschossen werden können. In Bad Kissingen häufen sich gerade Todesfälle in der Obdachlosen-Szene. Paul Zirken

Auch in Bad Kissingen sterben Menschen still, leise, ohne großes Tamtam. Oft gibt es keine Todesanzeige von Hinterbliebenen, selten eine Polizeimeldung. Die Gruppe der Gäste auf der Beerdigung ist überschaubar, vermutlich kennt man sich untereinander. Diese Menschen werden häufig nicht alt.

Zwei Obdachlose im Dezember gestorben

Am 10. Dezember starb ein 30-Jähriger. Und am 17. Dezember 2019 erwischte es einen 26-Jährigen. "Es", das ist eine Mischung aus einer Überdosis schlechtem Leben, verpassten Chancen, Krankheit, Psyche, Suff und anderen Drogen. Und selbstverständlich kriegt in Bad Kissingen wie in jeder anderen Stadt jeder alles, wenn er es drauf anlegt.

Was schlussendlich den Tod der beiden jungen Männer ausgelöst hat, ist noch unklar - es gibt Hinweise auf eine Drogenvergiftung, sagt das Würzburger Polizeipräsidium. Ob sich die Bewahrheiten, müssen noch Untersuchungen zeigen. Zusammengebrochen war der 30-Jährige in der Obdachlosenunterkunft der Stadt Bad Kissingen, dort war er bei jemandem untergekrochen. Er starb in einer Klinik.

Christian Fenn arbeitet seit 21 Jahren mit Menschen mit Suchtproblemen

Einer, der diese Menschen alle kennt und schon viele beerdigt hat, ist Christian Fenn. Seit 21 Jahren ist er im Landkreis der Ansprechpartner für Menschen mit Suchtproblemen und deren Angehörigen. "Wer jetzt fragt: Wer hatte denn da Schuld, wer hat denn da seinen Job nicht richtig gemacht?, der stellt die falsche Frage", sagt Fenn. "Hier ist niemand Schuld. Weder die Stadt Bad Kissingen, noch die Politik, noch die Polizei oder andere Sicherheitsbehörden."

In Deutschland, sagt Fenn, basiert jede soziale Arbeit auf Freiwilligkeit. Fast niemand - es sei denn, es gibt einen gerichtlichen Beschluss - darf über einen anderen Menschen bestimmen. Fenn: "Ich darf auch nicht sagen: Du gehst jetzt nach Werneck und machst einen Entzug, selbst wenn ich es für wichtig halte, kann ich einen Menschen nicht zwingen - ich kann es nur anbieten." Und wenn sich jemand dazu entschließt, dann kann der sich auch dafür entscheiden, zwei Tage später auf eigenen Willen die Suchtstation zu verlassen und an der nächsten Ecke den Promilleverlust wieder aufzuholen und weiterzumachen, bis Herz, Leber, Darm versagen.

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Fenn rechnet zusammen, er kommt in diesem Jahr auf drei Tote, "vielleicht auch vier", deren Leben durch Alkohol und oder andere Drogen beendet wurde. In der Kriminalstatistik landen sie erst, wenn nachgewiesen ist, dass Heroin, Kokain oder ein anderer harter Stoff die Ursache für das letzte Pumpen des Herzens ist. Nicht verzeichnet werden die Leberkollapse, die heftig blutenden Magengeschwüre, die Herzstillstände, die Blutvergiftungen nach jahrelangem Missbrauch. Ein natürlicher Tod also, nach einem Leben, das alles andere als normal verlaufen ist. Die Würzburger Polizei hat Aktenzeichen zu diesen drei jüngsten Todesfällen, in zwei Fällen steht wie gesagt der Drogenverdacht im Raum, in einem Fall steht die "natürliche" Todesursache fest. Dabei handelt es sich um einen 52-Jährigen aus der Szene, der am 13. November 2019 starb.

Christian Fenn geht davon aus, dass noch mehr Menschen in Bad Kissingen so sterben werden. Diese drei, vier Fälle bewegen sich in seiner Zeitrechnung im für ihn nicht alarmierenden Bereich. "1999 hatten wir elf Tote - ich war viel mit Beerdigen beschäftigt."

"Der Nachwuchs dieser Szene wächst täglich und überall: in Schulen, in der Freizeit, auf Partys, im Alltag", sagt der Sozialpädagoge. Fenn ist in einer sehr bedauerlichen Art zum Profi geworden: "Manchmal ahne ich, wer der nächste ist." So wie vor zwei Monaten. Eine Frau, die er auch schon sehr lange kannte, war seit fünf Tagen nicht gesehen worden. Fenn alarmierte die Polizei, die deren Leiche in ihrer Wohnung fand.

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In der Szene, sagt Fenn, herrsche dann große Betroffenheit. "Da fallen Sätze wie: Scheiße, jetzt muss ich die Bremse ziehen, ich bin der nächste." Tatsächlich führte das jüngst bei einem Menschen zum Gang in die Entzugsabteilung eines Krankenhauses. Nur die Realität zeigt allzu oft, dass der Rückfall nicht lange auf sich warten lässt. "Und auch das muss man verstehen: Sucht bedeutet Kontrollverlust. Den Menschen geht es damit auch nicht gut."

Traurig? "Das ist das falsche Wort"

Trauert er um die Toten? Er denkt lange nach und sagt: "Wenn ein Notarzt zu einem Unfall kommt, muss er damit rechnen, dass etwas schiefgehen kann. In meinem Kopf existiert eine heimliche Liste, wer der nächste sein könnte, ich rechne einfach damit. Ich finde es auch schade, dass diese Menschen sterben und ich hätte es mir anders für sie gewünscht. Aber Trauer ist etwas anderes. Es gibt einfach Menschen, die arbeiten regelrecht darauf hin, dass es so kommt - und damit ist es eine Entscheidung dieses Menschen. Aber traurig? Das ist das falsche Wort."