Es ist nun vier Jahre her, da gingen die Menschen im Landkreis Bad Kissingen gegen die Stromtrasse Südlink auf die Straße. Selbstgebaute Strommasten gingen in Flammen auf, Bürgerinitiativen reisten mit dem Bus nach München zum Wirtschaftsministerium, Horst Seehofer (CSU) - damals noch Ministerpräsident - sprach persönlich zu Demonstranten in Bad Brückenau. Kurz darauf handelte die große Koalition in Berlin ein Eckpunktepapier zur Energiewende aus. Seitdem steht fest: Die riesigen Gleichstromtrassen kommen unter die Erde.

Ebenfalls ausgehandelt wurde damals, den ohnehin stark belasteten Netzknotenpunkt um das inzwischen stillgelegte Kernkraftwerk Grafenrheinfeld/Bergrheinfeld zu entlasten. Südlink bündelt zwei Leitungen, eine davon wird bei Schweinfurt enden, die andere führt weiter nach Baden-Württemberg. Bei Oerlenbach verzweigt sich die Trasse. Wenn schon ein Teil des Südlinks hier ins Netz eingespeist wird, so soll die Region wenigstens von weiteren Netzausbauprojekten verschont bleiben, war der Hintergrund der Berliner Entscheidung im Sommer 2015. Nun aber wird alles anders.

Am Montag hat das Kabinett in München getagt und einen Konsens zur Energiepolitik verabredet. Ober- und Mittelfranken freuen sich: Der Bau einer 380-kV-Wechselstromtrasse entfällt. Die Leitung mit dem Namen P 44 hätte im ursprünglichen Verlauf von Altenfeld in Thüringen nach Bergrheinfeld führen sollen oder alternativ östlich von Nürnberg enden sollen. Eine andere, die P 43, wird aber gebaut - und zwar nicht in modifiziertem Verlauf in Hessen, sondern höchstwahrscheinlich mitten durch das Biosphärenreservat Rhön, um genauso wie Südlink bei Grafenrheinfeld zu enden.

Offener Brief an den Wirtschaftsminister

Wurde der Landkreis verkauft? "Wir sind das Opfer dieses Kompromisses, der da geschlossen wurde", sagt Landrat Thomas Bold (CSU). Er sei "zutiefst enttäuscht, weil es den Landkreis Bad Kissingen und die Rhön massiv belasten wird". Bold berichtet, dass der vorherige Wirtschaftsminister Franz Pschierer (CSU) zugesagt habe, dass sich massiv dafür eingesetzt werde, dass die P 43 nicht komme.

Mit einem offenen Brief wandte sich Bold am Mittwoch direkt an Pschierers Nachfolger, Wirtschaftsminister Hubert Aiwanger (Freie Wähler). "In den vergangenen Jahren ist es mühsam gelungen, die Akzeptanz für den Südlink dank der Umsetzung als Erdkabel zu steigern. Daneben wurden im Landkreis Bad Kissingen mit der Errichtung von 33 und der Genehmigung von weiteren 12 Windkraftanlagen ein beachtlicher Beitrag zur Energiewende geleistet", heißt es darin.

Die Zusage aus dem Eckpunktepapier, die Region zu entlasten, sei damit "endgültig verfehlt". Die Aussicht, dass die P 43 unter die Erde kommen könnte, nennt Bold "unverbindlich". Sie ändere nichts daran, dass doch wieder die Region um das ehemalige Kernkraftwerk - und damit wohl auch der Landkreis Bad Kissingen - vom Netzausbau betroffen sei. Bold stellt die Notwendigkeit der neuen Wechselstromleitung in Frage. Eine neutrale Stelle solle zunächst auf "eine für die Bevölkerung transparente Weise" berechnen, ob diese überhaupt gebraucht werde, steht im offenen Brief.

Bürgerinitiative findet kein Gehör

Markus Stockmann, Vorsitzender der Bürgerinitiative "Der Gegenstrom Elfershausen" formuliert es deutlicher. "Man hat wieder einmal das Gefühl, dass wir hier ein Bauernopfer dafür sein sollen, weil in anderen Regionen Bayerns mehr Wählerinnen und Wähler ihren Protest zeigen als in der Rhön", schreibt er in einer Mitteilung. Er kritisiert, dass bei dem seit vergangenem Jahr laufenden neuen Energiedialog in München kein Vertreter der Region eingeladen worden sei. "Auch werden Schreiben und Anfragen an den Minister seit Amtsantritt nicht beantwortet."

Die neue Leitung könnte durch den Altlandkreis Bad Brückenau führen. Der Mottener Bürgermeister Jochen Vogel (CSU), lange Vorsitzender des lokalen Bündnisses Rhönlink, sagte noch im März: "Ich gehe davon aus, dass man politisch darauf beharren wird, dass die P 43 hier nicht entlang verläuft." Er hat sich geirrt.