Wenn ein Musical Ensemble mit großem Besteck anreist, ein beachtliches Orchester, Solisten, Ballett und dazu noch Kulissen und eine hochmoderne Lichttechnik mitbringt, dann werden im Max Littmann Saal sogar die Stufenpodeste der Musiker beiseite geräumt, um Platz zu schaffen für eine große Bühne, mit schnell wechselnden Szenenbildern und für eine ausgefeilte Diashow.

Die nimmt den Besucher erst in das Foyer, dann in den Untergrund des Pariser Opernhauses mit, zeigt Szenen aus der Oper "Die Perlenfischer", spielt Melodien aus Gounods "Faust" ein, um im nächsten Augenblick aufzufordern, bei ausgelassenen Szenen im Ballsaal im Geiste mitzutanzen.

Unterstützt von einer beeindruckenden Farbigkeit, die jede Szene intensiv ausleuchtet, kommt das Auge kaum mit, wenn Traumwelten am See entstehen, die sich das Phantom in der Unterwelt der Alpträume und Mythen geschaffen hat. Auf der Bühne kann das naturgemäß nicht so grandios gezeigt werden, wenngleich bei dunkler Bühne erstaunlich schnell und geräuschlos umgeräumt wird. Es bleibt ein gewisser Zwiespalt. Die gezeigten Bilder im Hintergrund nehmen gefangen, lenken aber ein wenig ab von dem, was auf den Brettern gesungen, gespielt und getanzt wird. Erst allmählich löst sich das Publikum von den Bildern und endlich bekommt das Geschehen auf der Bühne Gewicht, werden die Balletteinlagen und die Lieder des Musicals erst zögerlich, später wohlwollend beklatscht.

Punktgenaue Farbigkeit

Ein nur zu zwei Dritteln gefüllter Max-Littmann-Saal fördert die Emotionen nicht gerade. Mit der punktgenauen Farbigkeit des Lichts kann die Tonanlage leider nicht mithalten. Die Akustik des Saales unterschätzend, sind die Mikros überlaut eingestellt, was den Stimmen der Hauptdarsteller nicht guttut.

Martin Sommerlatte als Phantom verfügt über ein beachtliches Stimmvolumen, in der Höhe wirkt der Tenor - so ausgesteuert - ein wenig metallisch. Schade, gerade den Schluss seiner Liebeserklärung, "Die Nacht wird Raum, der Raum wird Klang, das Dunkel lebt mit dem Gesang" hätte sonst etwas gefühlvoller geklungen. Auch Stefanie Wesser, routinierte Musicaldarstellerin, musste sich in der Höhe zurücknehmen, um nicht schrill zu klingen, dennoch gehört das Duett mit dem Phantom "Kann man singen ohne zu lieben" zu den eindrucksvollen Momenten der Aufführung. Durchgehend stimmlich und schauspielerisch überzeugend gestaltete Horst Wolff die kleinere Rolle des Sekretärs Rémy.

Die Besichtigung der unterirdischen Gewölbe der Pariser Oper inspirierten 1910 den Schriftsteller Gaston Leroux zu dem Roman "Le Fantôme de l'Opera", der mit der fesselnden Geschichte eines entstellten Mannes, der sein Gesicht hinter einer Maske verbirgt, einen Welterfolg landete.

Er lebt tief in den Gewölben des Opernhauses und treibt dort, unverstanden und voller Groll auf die Menschen sein Unwesen, bis er sich in die junge Opernsängerin Christine Daaé verliebt. Er wagt sich aus seinem Versteck, gibt dem jungen Mädchen Gesangsunterricht, wird ihr "Engel der Musik". Rücksichtslos sorgt er dafür, dass Christine die Hauptrolle in der Aufführung "Die Perlenfischer" singen darf, lässt den Kronleuchter auf das Publikum fallen und entführt im entstehenden Chaos Christine in seine Unterwelt, umgarnt das Mädchen, fordert Liebe. Die kann ihm das Mädchen letztlich doch nicht geben. Die Katastrophe nimmt ihren Lauf.

Ein Hauch von Hitchcock

Den Besuchern werden vor allem zwei Szenen in Erinnerung bleiben, weil sie außergewöhnlich bunt und atemlos spannend erlebt werden konnten. Der Vorteil eines großen Ensembles ist, dass Massenszenen mit vielen Darstellern eben authentisch wirken. Der Maskenball mit vielen fantasievollen Verkleidungen und spritzigem Ballett ist ein einziger Augenschmaus und wie der riesige Kronleuchter auf der Leinwand über der Opernszene schwebt, sich sanft bewegt, langsam zu schwingen anfängt, um drohend schaukelnd endlich nach unten in das Publikum zu krachen, das ist ein Hauch von Alfred Hitchcock im Regentenbau. Am Ende gibt es freundlichen Applaus von einem durchweg jüngeren Publikum.