Ältere Kissinger erinnern sich noch an das renommierte Hotel Büdel an der Prinzregentenstraße gegenüber dem Kurhausbad. Doch seit fast 50 Jahren ist dieses Familienhotel schon Geschichte. Nur noch der nördliche Gebäudeteil mit seinem Erker blieb erhalten. Genau in diesem Haus begann vor 150 Jahren die Geschichte des bekannten Hotels.

Im Jahr 1869 kam der aus Frammersbach (Main-Spessart) stammende 27-jährige Bäcker und Weinwirt Georg Büdel (1842-1894) nach Bad Kissingen und mietete in der - erst Jahrzehnte später so genannten - Prinzregentenstraße ein kleines Weinlokal an der Ecke Schafsgasse. Damals war dieses nur eingeschossige Häuschen das erste einer Reihe von drei Häusern, die mit der Villa Göbel an der heutigen Martin-Luther-Straße abschloss. 1885 heiratete er Magdalena Engelhard (1845-1906), die Tochter des wohlhabenden Kohlenhändlers, der auf der anderen Straßenseite zwei prächtige Villen besaß. Dank der wahrscheinlich großzügigen Mitgift kaufte Georg Büdel zunächst das von ihm gemietete Häuschen, erweiterte das Anwesen zunächst um das Nachbarhaus und kaufte schließlich noch die Villa Göbel, stockte das Gesamtensemble in mehreren Bauabschnitten bis zu vier Geschossen auf und formte so in mehreren Schritten sein Hotel. Das frühere Weinlokal wurde in den 1890er Jahren zu einem großen Speiserestaurant ausgebaut, die darüber liegenden Etagen mit Gästezimmer bekamen ihren schmückenden Erker.

Nach dem Tod des Hotelgründers (1894) führte Sohn Alfred Büdel (1869-1925) das Hotel mit Mutter Magdalena weiter. Nach der Hochzeit (1896) mit Babette Neugebauer (1873-1936) investierte Alfred erneut in die Modernisierung des Hotels, ließ eine Zentralheizung einbauen und versorgte alle Gästezimmer mit fließend Wasser. Die wachsenden Ansprüche der Gäste erforderten solche Modernisierungen, die Alfred Büdel nach dem Tod seiner Mutter als Alleinerbe fortsetzte. Er machte sein Haus zu einem der angesagtesten Hotels der Stadt, in dem namhafte Gäste logierten.

So bedankte sich im Mai 1908 der bekannte Elektro-Ingenieur Oskar von Miller (1855-1934),Gründer des Deutschen Museums in München, für "die gastfreundliche Aufnahme" und schenkte ihm ein Gästebuch, in das er sich selbst als Erster mit Foto und Gedicht eintrug: "Dies Buch will ich den Büdels schenken, damit der Gäste sie gedenken, die an die Hausfrau und den Herrn sich immer auch erinnern gern."

Auch 1910 waren wieder bauliche Modernisierungen erforderlich, um die Position als Spitzenhotel zu wahren. So findet sich in der Deutschen Kolonialzeitung, in der Büdel häufig für sein Haus warb, die Meldung: "Das bekannte Hotel Büdel hat vor Beginn der Saison verschiedene bauliche Veränderungen vorgenommen, so unter anderen ein modernes Vestibül, Lift und elektrisch Licht eingebaut. Das Hotel ist mit 100 neuen Betten ausgestattet."

Einer jener Gäste, die diesen Komfort zu schätzen wussten, war Staatssekretär Alfred von Kiderlen-Wächter (1852-1912), seit 1910 Leiter des Auswärtigen Amtes der Reichsregierung. Der Diplomat war schon seit 1903 mehrmals in Bad Kissingen zur Sommerfrische gekommen und betrieb in seiner neuen Amtsfunktion in der Kurstadt deutsche Politik. So traf Kiderlen-Wächter im Juni 1911 hier den französischen Botschafter Jules Cambon (1845-1935) zu Verhandlungen, deren Scheitern mit der Entsendung des Kanonenbottes "Panther" im Juli zur zweiten Marokko-Krise führte.

Dieses Treffen beschreibt zwei Jahre später Chefredakteur Wilhelm Georg in der Zeitschrift "Nord und Süd", damals Gast im Hotel Büdel: "Am anderen Morgen traf ich beide zufällig in der Salinenpromenade. Cambon sah ich schon von weitem gestikulieren. Kiderlen war ruhig - ein wandelndes Erzbild. Mittags kam der Staatssekretär zu mir ins Hotel. [....] Im Lesezimmer des Hotel Büdel entwarf ich dann das Telegramm, das der Staatssekretär durchsah, kurz redigierte und das zum ersten Male der Öffentlichkeit Kunde davon gab, daß in Kissingen eine Begegnung der beiden Staatsmänner stattgefunden habe." Noch heute erinnert eine handbeschriebene Visitenkarte im Büdel-Familienarchiv an diesen Staatsmann: "Herrn Stadtrath Büdel sendet A. von Kiderlen Wächter, Staatssekretär des Auswärtigen Amts, herzlichen Dank für freundlichen Glückwunsch und beste Grüße [....]."

Für die Saison 1913 präsentierte sich das Hotel Büdel in der Werbung als "altrenommiertes Haus, moderner Komfort, zwei Minuten von Kurgarten, Quellen und Bädern (das Kurhausbad gegenüber gab es erst ab 1928, Anm. d. Red.)." Doch schon ein Jahr später wurden die drei Männer des Hauses - Hotelier Alfred Büdel und seine Sohne Otto und Willy - zum Militär eingezogen. Doch kaum war Alfred 1918 nach Ende des ersten Weltkriegs wieder daheim, wurde das Hotel erneut modernisiert: Im Keller wurde eine eigene Wäscherei eingebaut und auf die Etagen und in manche Zimmer die ersten Bäder.

Nachdem Alfred Büdel 1925 gestorben war, übernahm sein 28-jähriger Sohn Otto Büdel (1897-1958) den Hotelbetrieb gemeinsam mit Ehefrau Franziska Mayer aus Heidelberg. Die beiden Töchter Magdalena (1928) und Liselotte (1931) wurden geboren. Doch die nächsten Jahre wurden für das junge Ehepaar nicht die besten - Weltwirtschaftskrise (1929), Zusammenbruch des deutschen Bankensystems (1931), Machtergreifung der Nazis (1933). Hotelier Otto Büdel war seit einigen Jahren für die Bayerische Volkspartei Mitglied im Bad Kissinger Stadtrat. Vom 28. bis 30. Juni 1933 wurde er gemeinsam mit seinen Fraktionskollegen von den Nazis in "Schutzhaft" genommen. Prompt bekam Oberbürgermeister Max Pollwein (1885-1944) einen Brief vom 29. Juni, in dem Büdel und seine zwei Fraktionskollegen erklärten, dass sie "mit Rücksicht auf die gegenwärtigen Zeitverhältnisse" aus dem Gremium austreten.

Sechs Jahre später zu Beginn des Zweiten Weltkriegs (1939) wurde das Hotel als erstes Haus in Bad Kissingen für sechs Monate von der Wehrmacht beschlagnahmt. Sechs Generäle wurden einquartiert, "die den Russlandfeldzug ausgearbeitet haben", erzählte der Hotelier später im Familienkreis. "Wir durften nur nach Vorzeigen unserer Ausweise an den vor dem Hotel wachenden Militärposten vorbei, um unser eigenes Haus zu betreten", erinnert sich Tochter Liselotte Flaßhoff (86), die damals ein achtjähriges Schulmädchen war. Kein anderer Zivilist durfte ins Haus.

Nachdem die Generäle fort waren, konnten nur für kurze Zeit wieder Hotelgäste empfangen werden, denn schon Ende 1940 wurde das Hotel erneut von der Wehrmacht beschlagnahmt - diesmal als Lazarett. Nach Ende des Krieges quartierte 1945 die amerikanische Verwaltung Flüchtlinge im Haus ein. Als 1947 das Hotel an Otto Büdel zurückgegeben wurde, "war das Haus total heruntergekommen, total verwanzt und das gesamte Inventar gestohlen. Eine Entschädigung gab es nicht." Otto und Franziska Büdel mussten wieder von vorn anfangen, alles renovieren, das Hotel mit neuer Einrichtung ausstatten und den Betrieb wieder aufbauen.

Schon 1951 wurde das Haus im Baedeker-Reiseführer wieder empfohlen: "Hotel Büdel, 75 Betten ab 5,50 DM, Pension ab 13,50 DM." Ein Jahr später stieg die 27-jährige Tochter Liselotte, ab 1957 verheiratet mit dem Zahnarzt Hans-Joachim Flaßhoff, in den elterlichen Hotelbetrieb ein. Sie hatte die Heidelberger Hotelfachschule besucht und in Hamburg und Düsseldorf volontiert. In den Fünfzigen war das Hotel Büdel wie vor dem Krieg ein beliebter Treffpunkt für die wichtigsten Vereine und Organisationen der Stadt.

Im Juli 1958 starb Hotelier Otto Büdel. Dessen Witwe Franziska und Tochter Liselotte gaben den Hotelbetrieb in seiner früheren Form auf, schlossen stattdessen ab Oktober 1959 für die nächsten zehn Jahre einen Belegungsvertrag mit der LVA Oberbayern. Die Leitung des Hauses blieb weiterhin in den Händen der Familie. Vertragsbedingt waren Umbaumaßnahmen notwendig: Der nördliche Gebäudeteil wurde aufgegeben, ersatzweise mussten in Mittel- und Südteil eine neue Küche und ein Speisesaal eingebaut werden. Der freigewordene Nordteil, das einstige Stammhaus des Hotels Büdel aus den Gründungsjahren, wurde an die Volksbank, später die Commerzbank vergeben. In den Obergeschossen begannen zwei Labore ihre Arbeit, die heute als L & S AG in Bad Bocklet und Laboklin in Bad Kissingen weltweit tätig sind.

Als die LVA Oberbayern nach zehn Jahren den Pachtvertrag nicht verlängerte, sondern mit der Klinik Regina ihre eigene Einrichtung in der Kurstadt besaß, sahen sich Mutter Franziska Büdel und Tochter Liselotte Flaßhoff nach hundertjährigem Bestehen des Familienhotels gezwungen, das einst renommierte Haus nach vier Generationen aufzugeben. Flaßhoff: "Es war veraltet und verbraucht. Es war nicht mehr empfehlenswert, das Haus ein weiteres Mal zu sanieren." Mutter und Tochter entschieden sich für den Abriss des LVA-Bettenhauses. Dort wurde Anfang der Siebziger Jahre das heutige Wohn- und Geschäftshaus errichtet. Nur der Nordflügel des einstigen Hotels mit seinem markanten Erker zeugt vom Glanz des Familienhotels. Auf dem Kapellenfriedhof erinnert ein großer Grabstein an die drei Hoteliers Georg, Alfred und Otto Büdel sowie ihre Angehörigen.