Kay Blankenburg und Petr Kulhanek haben vieles gemeinsam. Beide sind Ober- bzw. Bürgermeister eines Heilbades, Blankenburg (SPD) in Bad Kissingen, Kulhanek in Karlsbad (Tschechien). Beide verbindet, dass sie ihre Städte auf die Liste des Weltkulturerbes bringen wollen. Die Städte, denen die beiden vorstehen, ähneln sich, ihre Heilbäder-Geschichte begann im 18. Jahrhundert, die Architektur der beiden Städte besticht durch herrliche, restaurierte Bauten, und das Heilwasser ist in beiden Städten das bestimmende Merkmal. Beide sind jetzt auf dem Weg zum Weltkulturerbe und beide sind dabei nicht allein.
Vor einem Jahr haben sich Blankenburg und Kulhanek kennengelernt und inzwischen verbindet sie eine persönliche Freundschaft. Unesco-Weltkulturerbe wollen beide Städte werden, aber so einfach ist das nicht. "Es im Alleingang zu versuchen, ist aussichtslos", so Kay Blankenburg. Deshalb kam für ihn die Meldung von Kulturreferent Peter Weidisch sehr zu pass, als er ihm erzählte, dass einige Bäder Europas einen gemeinsamen Versuch unternehmen wollen, mit ihrer Geschichte des Kurwesens und der vorhandenen Architektur insbesondere des 18. und 19. Jahrhunderts als Weltkulturerbe ("Great Spas of Europe" = große europäische Bä der) aufgenommen zu werden.

Kein leichtes Unterfangen


Es wäre vermessen, zu glauben, das wäre ein leichtes Unterfangen. So schnell wie Bamberg (seit 1993 Weltkulturerbe) erhält man heute den Titel nicht mehr. Freilich, erstrebenswert ist er allemal, für die Entwicklung einer Stadt gerade auf dem touristischen Sektor ein unbestreitbares Alleinstellungsmerkmal. Im Frühjahr 2012 ist Bad Kissingen in die Gruppe der Kurstädte-Bewerber um diesen europäischen Antrag, Weltkulturerbe zu werden, aufgenommen worden. In jeder einzelnen Stadt ist derzeit eine Evaluierung im Gange: Was hat die Stadt, das dafür spricht, Weltkulurerbe zu werden? Diese Frage wird gegenwärtig in einer Dokumentation für Bad Kissingen zusammmengetragen. Und dann beginnt der Weg durch den Verwaltungsdschungel zur Unesco.

So läuft der Antrag


In der Regel funktioniert die Aufnahme in die Liste der Weltkulturerbe so, dass der Bewerber auf eine nationale sogenannte "Tentativliste" gesetzt wird. Ihren Ausgangspunkt nimmt diese Liste in den Bundesländern, die Kultusministerien entscheiden über die Kandidaten.

Im Falle der gemeinsamen Bewerbung der elf europäischen Bäder geht man etwas anders vor: Bad Kissingen muss "nur" auf der deutschen Tentativliste genannt werden. Das reicht schon. Dem Vernehmen nach hat man dafür den Segen des bayerischen Ministerpräsidenten. Die darauf folgende Meldung an die Unesco erfolgt anschließend nicht über das deutsche "Kontingent", sondern über die europäische Sammelbewerbung, die von Tschechien eingebracht wird.

Das bedeutet: Über die Stadt Karlsbad wird der offizielle Antrag der elf Bäder an die Unesco gegeben. Mit Bad Kissingen. Hört sich kompliziert an, ist es auch. "Wir passen gut zusammen", meint Petr Kulhanek (41) aus Karlsbad und meint damit Bad Kissingen. Er hat die Kurstadt an der fränkischen Saale schon besucht und sehr ausgiebig besichtigt. "Das einzig wichtige ist für uns die Entwicklung unserer Städte und des Tourismus in unseren Städten." Die Evaulierung, die derzeit läuft, sollte gut sein, meint Kulhanek und gibt sich optimistisch, was die Bewerbungen von Karlsbad und Bad Kissingen betrifft. 2016 könnte eine Entscheidung der Unesco über den europäischen "Bäder-Antrag Weltkulturerbe" erfolgen.

"Wir wollten sehen, wo wir stehen", so Kay Blankenburg zur Intention der Inforeise ins böhmische Bäderdreieck. Sein Fazit: "Wir haben sehr schöne Städte gesehen. Das hat sich sehr gut zueinander gefunden, es gibt sehr gute Beziehungen zu Petr Kulhanek, auch persönlich. Jeder hat was mitgenommen, was man auch bei uns machen könnte. In allen drei Bädern hat man Stärken in der traditionellen Kur und auch wir müssen uns wieder auf unsere Stärken besinnen: Das Heilwasser und das Salz."

"Wir sind auf Augenhöhe"


Und noch eine Erkenntnis hat der Oberbürgermeister mit nach Hause genommen: "Bad Kissingen muss sich nicht verstecken, wir sind ein gleichberechtigter Partner in der Gruppe, wir begegnen uns auf Augenhöhe."
In einer Sache stehen Blankenburg und Kulhanek aber nicht auf einer Augenhöhe: Was die Sterne der Hotels betrifft. Da ist Bad Kissingen beileibe nicht schlecht, fünf Sterne an einem Haus fehlen aber noch. In Karlsbad gibt es mehrere Fünf-Sterne-Häuser, allen voran das weltbekannte "Hotel Pupp". Und dort steppte auch an diesem Woche der Bär.

Was sagen die Stadträte?


Wenn die Stadträte unterwegs sind, bleiben Ergebnisse manchmal überschaubar. Nicht so am Freitag und Samstag, als Oberbürgermeister Kay Blankenburg (SPD) 16 Stadträte und weitere Begleitpersonen nach Franzensbad, Marienbad und Karlsbad führte.

Die Stadträtinnen und Stadträte wollten und sollten einen Eindruck darüber zu gewinnen, wie in diesen Bädern die Strukturen und Vermarktungswege aufgebaut sind, was man von ihnen vielleicht auch lernen kann. Erster Eindruck an zwei sonnenreichen Herbsttagen: "In Tschechien steppt der Bär." Da ist was los. Franzensbad ist noch beschaulich und sehr ruhig, Vergleiche mit Bad Bocklet kamen auf, wenngleich das kleinste tschechische Bad mit einer imposanten Architektur aufwarten kann. Gleiches sah man in Marienbad. In der vorletzten Oktoberwoche war die Stadt proppenvoll. "Jetzt in der Nachsaison", so Stadtführerin Sarka Jerabkova, "kommen sehr viele Menschen nach Marienbad. Die Häuser sind voll."

Ähnlich war es in Karlsbad. Der Stadt mit 55.000 Einwohnern und rund 2,0 Millionen Übernachtungen im Jahr sieht man an jeder Ecke an, wie gut es ihr geht. Ausgezeichnete Geschäfte (viele Juweliere) auf der zwei Kilometer langen Kurmeile mit imposanten Gebäuden und tollen Kuranlagen, sehr schöne Fußgängerzone, gehobene und gutbürgerliche Gastronomie an jeder Ecke. Kurgäste kamen früher zu 50 Prozent aus Deutschland. Der Anteil hat sich inzwischen auf rund 30 Prozent reduziert. Russen und andere Ostblockstaaten füllen diese Lücke.

Schnabeltassen überall


Die Trinkkur ist in allen drei tschechischen Bädern im Stadtbild prägend, mit den ortstypischen "Schnabeltassen" laufen die Menschen und Gäste durch die Fußgängerzone und schlürfen das Heilwasser. So etwas kennt man in Bad Kissingen nicht. Entsprechend das Resümee der Stadträte: "Weltkurerbe zu werden, das ist schon was", so Stadträtin Karin Reinshagen (SPD). "Meine Verwandten in Mexico schauen auf so was und gestalten ihre Reise gezielt zu solchen Sehenswürdigkeiten. Das wäre für die Stadt ein Alleinstellungsmerkmal".

Klaudia Schick (CSU) gab sich etwas zurückhaltend: "Man muss sehen, was dabei herauskommt", sagte sie zu den Bestrebungen der Stadt. "Ich habe aber keine Vorbehalte", ergänzte sie. Alexander Koller (DBK): "Wir können von Karlsbad viel lernen. Das ist schon beeindruckend." Auch er hält den Antrag, in die Liste der Weltkulturerbe aufgenommen zu werden, für eine lohnenswerte Aufgabe.