Heinz Wiegand setzt sich. "Ab zehn Jahren musste man ein Pimpf sein", erzählt der 85-Jährige. "Nur die Kinder von Kommunisten, KZlern und Juden durften nicht dabei sein", erinnert er sich an die Organisation des Deutschen Jungvolks (zehn bis 14 Jahre) in der Zeit des Nationalsozialismus. Mehr als 70 Jahre ist das nun schon her. Doch Wiegand kann nicht vergessen, was er damals als Pimpf erlebt hat. Nur wenige Monate vor seinem Tod im Februar dieses Jahres kommt er auf die Redaktion der Saale-Zeitung zu, um seine Geschichte zu erzählen.

170 Bomben auf einen Schlag

Am Pfingstmontag, es war der 28. Mai 1944, unternahm das Jungvolk einen Ausflug auf die Wasserkuppe. Wiegand lebte damals in der Thüringischen Rhön. Aus der Umgebung, so erzählt Wiegand, strömten die einzelnen Gruppen zusammen. Die Jungen zelteten, kochten Erbsensuppe und starteten mit den Segelfliegern. "Es war wunderschön", sagt Wiegand, "und dann kamen die Jabos."

Mit Jabos meint Wiegand die Jagdbomber. "Ab dem 12. Mai 1944 flogen die Amerikaner die Hydrierwerke in Mitteldeutschland gezielt an, weil diese zur synthetischen Benzinherstellung aus Braunkohle wichtig waren", berichtet Günter Sagan. In seinem Buch "Die Bevölkerung hatte Verluste" (Parzeller Verlag) beschreibt er den Luftkrieg im Raum Fulda von September 1939 bis März 1945. Wurden die Bomber ihre tödliche Fracht nicht los, flogen sie so genannte Gelegenheitsziele an.

Die Wasserkuppe war so ein Gelegenheitsziel, denn in der Reichssegelfliegerschule wurde damals der Fliegernachwuchs geschult. "Um 15.16 Uhr warfen 17 Maschinen der 1. US-Bomber Division 170 Sprengbomben aus 6888 Meter Höhe ab, die eigentlich für die Junkers-Flugzeugwerke in Dessau bestimmt waren", berichtet Sagan. "Die Bomben fielen mitten unter die Ausflügler und Zeltenden."Der Pfingstmontag 1944 sei ein frühsommerlicher Tag gewesen, der viele Leute nach draußen lockte.

Für Trauer war kein Platz

"Das war ein unwahrscheinlicher Feuerstoß", erinnert sich Heinz Wiegand. Er sieht die "Hermann-Göring-Halle", in der viele Segelflugzeuge stehen, brennen. Trümmerteile treffen ein paar Pimpfe aus Geisa. "Drei waren sofort tot, einer ist am nächsten Tag gestorben", sagt Wiegand. Die Jungen sind total verstört, machen sich vor Angst in die Hosen. Verschämt waschen sie ihre Kleidung aus. "Ich habe die Fuldaquelle noch nie so verschissen gesehen wie an diesem Tag."

Die vier Kameraden werden in ihrem Heimatort beerdigt. "Das ganze Jungvolk aus dem Kreis Bad Salzungen ist da hingefahren, um ihnen die letzte Ehre zu erweisen", erzählt Wiegand. Bis heute sollen vier schlichte Holzkreuze auf dem Friedhof in der kleinen Stadt im Wartburgkreis stehen. Wiegand hat sie nach der Wende noch einmal aufgesucht, um zu sehen, ob sie noch da sind. Hat irgendjemand den Jungen geholfen, ihre Erfahrungen zu verarbeiten? "Ach was", sagt der alte Mann. "Die waren unter der Erde und damit war der Fall erledigt."

Aufarbeitung der Geschichte

Der Angriff auf die Wasserkuppe, bei dem 13 Menschen starben und 50 verletzt wurden, markiert den Beginn der Bombardierung des Fuldaer Raumes. Es sollten weitere Angriffe folgen, die Teile der Stadt in Schutt und Asche legten. Für die Reichssegelfliegerschule war der Tag ein Einschnitt, denn die Flugzeughalle, ein Teil der Flugschule und das berühmte Fenster der Ehrenhalle im Lilienthal-Haus wurden zerstört. Letzteres konnte erst im Jahr 1978 ersetzt werden, berichtet Claudia Stengele, Archivarin im Deutschen Segelflugmuseum.

Die Gesellschaft zur Förderung des Segelflugs (GFS) hat Ende des vergangenen Jahres bei der Unesco einen Antrag gestellt, um den Segelflug auf der Wasserkuppe in das immaterielle Kulturerbe aufzunehmen. Der Antrag wurde mit der Bitte um Nachbesserung zurückgegeben, weil die Rolle der Reichssegelfliegerschule den Fachleuten nicht ausreichend genug beschrieben war. Im Auftrag der GFS erstellte ein Historiker der Universität Marburg hierzu ein Gutachten. Das Archiv des Deutschen Segelflugmuseums Wasserkuppe unterstützte diese Arbeit.