In der Reihe "In der Rhön - für die Rhön" sprach Prof. Dr. Jörg Müller, stellvertretender Leiter des Nationalparks Bayerischer Wald und Professor für Tierökologie an der Universität Würzburg, über Urwälder als Lernorte für den Waldnaturschutz in Mitteleuropa. In seinem Vortrag führte er mit Beispielen aus Buchenurwäldern in der Ukraine, dem Iran und Georgien, aus Wildnisgebieten in der Mongolei und dem Nationalpark Bayerischer Wald eindrücklich vor Augen, dass Störungseinflüsse und dadurch entstehendes Totholz eine hohe biologische Vielfalt im Wald fördern.

Störungen sind Ereignisse, die regelmäßig oder unregelmäßig in geregelte Prozesse eingreifen und ganz unterschiedliche ökologische Auswirkungen haben können. Zu ihnen gehören im Wald beispielsweise Windwurf, Feuer, Überflutungen und Schneebruch, Dürren sowie Schädlingsbefall.
Die Auswirkungen solcher natürlicher Störungen werden in heimischen Wirtschaftswäldern meist möglichst umgehend durch die Forstwirtschaft wieder beseitigt. So kann Totholz - das Ergebnis dieser Störungseinflüsse - in der Regel nicht entstehen. Das Vorhandensein eines gewissen Anteils an Totholz in unterschiedlichsten Ausprägungen ist jedoch ein wesentlicher Faktor für das Vorkommen zahlloser seltener und bedrohter (eigentlich) heimischer Arten, wie Prof. Müller am Beispiel einiger bei uns seltener, in intakten Buchenurwäldern durchaus oft anzutreffender Totholzkäfern eindrucksvoll unter Beweis stellte.


Totholz ist nicht gleich Totholz

Müller stellte aber klar, dass Totholz keineswegs gleich Totholz sei: Während in heimischen Wirtschaftswäldern Totholz meist in Form von Baumstümpfen oder vermehrt liegengelassenen Ästen besteht, muss auch genügend "stehendes Totholz", beispielsweise in Form ganzer abgestorbener Bäume, vorhanden sein. Außerdem ist zum Beispiel wichtig, ob das Totholz sonnenbeschienen ist oder im Schatten großer Bäume liegt. Jede Art hat schließlich andere Ansprüche.


Intelligente Nutzung und überlegte Auswahl

Der Referent plädierte letztlich einerseits dafür, Wirtschaftswälder "intelligent zu nutzen", also neben der ökonomischen Bewirtschaftung auch verschiedene Formen von Totholz entstehen zu lassen, sowie andererseits insbesondere Flächen für neue Urwälder unbürokratischer auszuwählen. Flächen für zukünftige Urwälder sollen in erster Linie ein hohes Potenzial für Störungen bieten, damit sich dort möglichst bald wieder verschiedenste Formen von Totholz ansammeln können und die Wälder wilder und damit artenreicher werden.

Mit dem Vortrag von Prof. Müller gelang ein schöner Abschluss von zwei erfolgreichen Jahren der Vortragsreihe "In der Rhön - für die Rhön". Der mit knapp 50 Besuchern sehr gut besuchte Vortrag erfuhr viel positive Resonanz. Den ersten Vortrag im neuen Jahr wird Dr. Tobias Gerlach von der bayerischen Verwaltungsstelle des Unesco-Biosphärenreservates Rhön am Donnerstag, 1. Februar 2018, um 19 Uhr im Biosphärenzentrum "Haus der Schwarzen Berge" in Wildflecken-Oberbach halten. Dann wird es um die "Urwälder" des Unesco-Biosphärenreservates Rhön gehen. Gerlach wird unter dem Titel "Kernzonenforschung im Biosphärenreservat - vom Artenreichtum Rhöner Wälder" Ergebnisse des Kernzonenmonitorings der bayerischen Verwaltungsstelle vorstellen.