Mary Lou Hardillo-Werning ist Vorsitzende von Babaylan Deutschland. Das sozialpolitische Netzwerk wurde im Jahr 1992 gegründet, um die Interessen in Europa lebender philippinischer Frauen zu vertreten. Die heute über 60-Jährige lernte ihren Mann, einen Deutschen, auf den Philippinen kennen. Die beiden heirateten 1982 in Osnabrück. In Deutschland studierte sie Ethnologie, Soziologie und Anglistik.

Frau Hardillo-Werning, warum kommen so viele Filipinas nach Europa? Es könnten doch auch Frauen aus Indien, Taiwan oder Vietnam einwandern.

Hardillo-Werning: Auf den Philippinen können die meisten Menschen Englisch sprechen. Das ist ein Grund. Ein anderer ist die Religion. Christliche Frauen gehen in christliche Länder. Da sind die kulturellen Unterschiede nicht so groß wie beispielsweise bei muslimischen Frauen. Der Hauptgrund ist aber ökonomisch bedingt. Es gibt wirtschaftliche Gründe - nicht nur für die einzelne Frau, sondern auch in Bezug auf die gesamte Familie.

Wie meinen Sie das?

Es gibt keine Sozialversicherung auf den Philippinen. Die Familie ist die Versicherung, auch wenn sich das momentan schon etwas ändert. Eine junge Frau arbeitet für sich und gleichzeitig auch für ihre Familie, die ihr die Ausbildung finanziert hat. Das ist eine Art Dankesschuld, die fest in unserer Kultur verankert ist. Und was die Rente angeht, so gibt es zwar einen geringen Betrag. Die Menschen haben aber Angst, dass die Regierung schon vorher das Geld ausgibt, so dass sie sich darauf kaum einer verlässt.

Warum entscheiden sich auch Frauen, die eine hervorragende Ausbildung haben, für eine Heirat nach Deutschland?

Weil sie mit ihrer Qualifikation auf den Philippinen immer noch viel weniger verdienen als beispielsweise als Aushilfe hier. Es ist leider so, dass gerade die hochqualifizierten Frauen - und auch Männer - ihre Heimat verlassen. Sie gehen vor allem nach Europa und in die USA. Die weniger qualifizierten arbeiten häufig als Dienstmädchen in Haushalten im Nahen Osten.

Auf diversen Internetseiten werden Filipinas als anschmiegsame, familiäre Partnerinnen gepriesen, die sich bereitwillig unterordnen. Stimmt dieses Bild?

Philippinische Frauen sind nett. Ich glaube, das liegt in unseren Genen. Man sagt, du schlägst sie und sie lächelt immer noch. Das ist aber nur eine Seite. Vor der Kolonialisierung war Gleichberechtigung zwischen Frauen und Männern Teil unserer Kultur. Der philippinische Schöpfungsmythos besagt, dass Frau und Mann beide aus einem Bambus entsprangen und nicht, wie in der christlichen Vorstellung, aus der Rippe des Mannes.

Was heißt das konkret?

Frauen konnten früher in der philippinischen Kultur Kinder haben, ohne verheiratet zu sein. Sie konnten auch die Rolle des Dorfvorstehers übernehmen, wenn dieser gestorben war. Bei uns ist es beispielsweise bis heute üblich, dass die Frau das Geld verwaltet. Meine Mutter hat immer gesagt: Versuche, diplomatisch zu sein, solange du das letzte Wort hast.

Wo finden philippinische Frauen Hilfe, wenn sie von ihren Männern nicht gut behandelt werden?

Es gibt viele, viele Frauen, die nichts sagen. Das ist in unserer Kultur eine Schande. Die Familien regeln das unter sich. Wir versuchen den Frauen in unseren Seminaren klarzumachen, dass nicht das Opfer sich schämen muss. Und wir vermitteln Kontakt zu anderen Frauen und auch zu Beratungsstellen und Frauenhäusern. Eine Frau sollte in der Lage sein, sich selbst zu ernähren und eigene Entscheidungen zu treffen. Daran arbeiten wir.

Das Gespräch führte Ulrike Müller.