Das erste Kind verändert alles. Und natürlich ist man aufgeregt. Mann ist aufgeregt. Wenn dann die Partnerin noch sagt: Du, was hältst du eigentlich von einer Hausgeburt? - dann ist es mit der Ruhe erst mal vorbei. "Für mich war ganz selbstverständlich, dass unser Kind im Krankenhaus zur Welt kommt", erzählt Christoph Hartmann, der in der Marketing-Abteilung einer der Bad Brückenauer Kliniken arbeitet.

Und er hat ja auch recht: In Deutschland werden rund 98 Prozent der Kinder in Kliniken geboren, nur etwa 10.000 Hausgeburten gibt es pro Jahr. Diese Zahlen stammen von der Gesellschaft für Qualität in der außerklinischen Geburtshilfe. Eines dieser 10.000 Babys erblickte im Mai in Bad Brückenau das Licht der Welt: die kleine Helene.

Ein geringes Risiko bleibt
Geburtshelferin war Hebamme Karin Balke. "Ich bin die einzige Hebamme zwischen Gelnhausen und Bad Hersfeld, die noch zur Hausgeburt kommt", erzählt sie. Seit 28 Jahren ist es ihr Job, Kindern ins Leben zu helfen und den Eltern die ersten Handgriffe mit dem frisch geschlüpften Nachwuchs zu zeigen. Schon drei Monate vor der Geburt besuchte Balke Anne Kruse, Helenes Mutter. Sie sprach mit dem Paar auch über die medizinischen Risiken. Kommt es zu Komplikationen - was Balkes Erfahrung nach etwa bei jedem zehnten Kind passiert - muss die Mutter unter der Geburt ins Krankenhaus gebracht werden.

Anne Kruse entschied sich trotzdem für eine Hausgeburt. "Eine Geburt ist so ein intimer und persönlicher Moment", sagt sie, "da wollte ich auf keinen Fall Krankenhaus-Atmosphäre um mich haben." Die 37-Jährige ist von Beruf Klinikseelsorgerin. Sie weiß, wie es im laufenden Betrieb zugeht. "Mein erster Gedanke war, dass die nächste geburtshilfliche Abteilung 30 Kilometer entfernt ist", erzählt Hartmann. "Aber dann habe ich Annes Intuition vertraut." Du wirst schon wissen, was für dich und das Kind richtig ist, hat er zu seiner Partnerin gesagt. Damit war die Sache entschieden.

Die praktische Umsetzung war gar nicht so kompliziert, wie zunächst angenommen. "Fürs Bett haben wir eine Plastikunterlage gekauft", erzählt die Mutter. "So etwas gibt's ja nur für Senioren", lacht sie, aber das gehe ja auch. Dann besorgten sie noch Binden und einen großen Mülleimer, das war's. Sterile Geräte und Medikamente hatte Karin Balke im Gepäck. "Die gepackte Tasche stand natürlich schon bereit", erzählt der Vater. Glücklicherweise wurde sie aber nicht gebraucht.

Zu dritt ins Bett gegangen
"Man weiß als Vater genauso wenig, was auf einen zukommt", sagt Hartmann, "vielleicht noch weniger." Der 36-Jährige las das Buch "Crashkurs Baby", mehr nicht. Man(n) will sich ja auch nicht verrückt machen. Am 14. Mai war es soweit: Gegen 15 Uhr begannen die Wehen, um 20 Uhr stand die Hebamme auf der Matte. "Ich war wirklich sehr beschäftigt", erzählt die Mutter im Nachhinein. Aber dass die beiden da waren - die Hebamme und der Vater - bedeutete ihr viel. Um 23.30 Uhr hatte Kruse es geschafft, die kleine Tochter war da, kerngesund. "In dieser Nacht zu dritt schlafen zu gehen, war für mich ein unheimlich schöner Moment", erinnert sich ihr Partner. "Die Familie war von Anfang an komplett."

Seitdem ist im Hause Kruse/ Hartmann alles anders. "Die Familie steht jetzt völlig im Vordergrund. Der erste und letzte Gedanke gehört dem Kind", sagt der Vater. Und die Mutter entwickelt ungeahnte Fähigkeiten - etwa mit einer Hand Wäsche aufzuhängen. Insgesamt aber sei ein Kind mit weniger Einschränkungen verbunden, als sie vorher gedacht hatte. "Helene ist jetzt einfach überall dabei. Aber das ist keine Belastung, es ist wunderschön."
Nicht jede Mutter, nicht jedes Paar erlebt die Erfüllung ihres Kinderwunsches so positiv. "Viele Frauen sind verunsichert, weil sie noch nie mit Babys zu tun hatten", erzählt Balke. In ihrer Arbeit versucht sie, den Müttern mehr Selbstvertrauen in ihre eigenen Fähigkeiten zu geben.

Auch praktische Tipps wie die Nabelpflege oder die ersten Stillversuche begleitet die Hebamme. Und wenn das Kleine gar nicht mehr aufhört, zu schreien, und nichts mehr hilft, dann bleibt sie gelassen. "Diese Situation bleibt ja nicht monatelang", erklärt sie den Eltern. Es wird auch wieder anders. Die berufliche Situation hat sich für freiberufliche Hebammen wie Karin Balke in den vergangenen Jahren verändert. Zuletzt sorgte die drastische Erhöhung der Beitragssätze der Haftpflichtversicherung bundesweit für Proteste.

Kampf der Hebammen
Auch Karin Balke machte bei Demonstrationen mit und sammelte zusammen mit Kolleginnen in der Fuldaer Innenstadt Unterschriften. Sie liebt ihren Beruf, aber "als freiberufliche Hebamme muss man immer das wirtschaftliche Risiko tragen", erzählt sie. "Und man hat nie frei. Nie."

Denn Kinder kommen nicht nach Fahrplan auf die Welt. Und für Geburten gibt es auch keine Garantie, dass alles glatt läuft - weder zuhause noch in einem Krankenhaus. Anne Kruse und Christoph Hartmann haben ihre Entscheidung für eine Hausgeburt nicht bereut. Ganz im Gegenteil, ihnen ist wichtig, dass auch andere Eltern diese Erfahrung machen können. "Die Möglichkeit, ein Kind zuhause zur Welt bringen zu können, muss erhalten bleiben", sagt Hartmann, "sonst geht etwas verloren."

Für die Stadtverwaltung Bad Brückenau war die Geburt der kleinen Helene übrigens etwas ganz besonderes. Die letzte Hausgeburt im Zuständigkeitsbereich des Standesamtes gab es im Jahr 2011 in Motten, berichtet Standesamts-Leiter Hans Bauer, der die Geburtsurkunde für die kleine Helene ausfüllte. In Bad Brückenau hatte es 2008 die letzte Hausgeburt gegeben.