"Die Bahn - der letzte Zug?" - dieser Frage will der evangelische Pfarrer Gerd Kirchner in dem Stück, das er wie immer selbst geschrieben hat, zusammen mit seinen Laiendarstellern nachgehen. Die Idee war dem Geistlichen nach einem Treffen mit einem Freund im Staatsbad bei seinem Fußmarsch zurück in die Stadt gekommen: "Auf meinem Weg habe ich mir in Gedanken vorgestellt, was auf und an der Trasse durch das Sinntal in der Vergangenheit wohl so alles passiert ist, welche Schicksale sich hier abgespielt haben".

Seine spontane Eingebung ließ Kirchner einfach keine Ruhe, er begann mit intensiven Recherchen. Hilfestellung leisteten ihm dabei in erster Linie der Hobby-Eisenbahner und Experte Jürgen Lieb sowie die Ur-Brückenauerin Else Prause. Während Lieb über ein umfangreiches Archiv mit zahllosen Texten, Fotos und Dokumenten verfügt, hat die 92-jährige Ehrenbürgerin der Stadt noch viele Ereignisse aus der Vergangenheit in persönlicher Erinnerung.


Wichtige Rolle des Zugverkehrs

Erst im Verlauf mehrerer Gespräche, so Kirchner, sei ihm deutlich geworden, welche Rolle der Zugverkehr einmal in der Region gespielt hat. "Bisher hatte ich geglaubt, es sei nur ein Schienenstrang gewesen, der von Punkt A nach Punkt B führte", erinnert sich der Pfarrer, der von den Fachleuten aber schnell eines Besseren belehrt wurde. So habe es allein 20 Weichen mit Abzweigungen zu den ehemaligen Firmen und Fabriken entlang der Trasse in der Rhön gegeben. Zu Zeiten des Zweiten Weltkrieges seien am Bad Brückenauer Bahnhof bis zu 60 Beschäftigte ihrer Arbeit nachgegangen. "Solche Geschichten gehören einfach zur Seele des hiesigen Landstrichs", schildert Kirchner die für ihn völlig neuen Eindrücke.

Er kann sich nach eigenem Bekunden sehr lebhaft vorstellen, welch imposantes Bild es gewesen sein muss, "als die Schönen und Reichen der Welt zur Kur nach Bad Brückenau kamen oder sich gekrönte Häupter ein Stelldichein gegeben haben - damals natürlich alles bei Anreise mit der Bahn". Teils belustigt, andererseits aber auch wieder sehr nachdenklich spricht der Pfarrer von den Dingen, die er bei der Konzeption seines Mysterienspiels erfahren hat. Dabei sei er leider nicht nur auf positive Aspekte gestoßen. Denn auch zu Zeiten militärischer Auseinandersetzungen habe die Bahnstrecke eine bedeutende Rolle gespielt. So sei beispielsweise Wildflecken nicht nur durch sein riesiges Munitionsdepot de facto "ein Logistikzentrum der Kriegsgeschichte" gewesen. Vergessen dürfe man darüber hinaus nicht, dass einige wichtige politische Entscheidungen, die die Bundesrepublik geprägt haben, seinerzeit im Staatsbad getroffen worden sind.


Ganz nah am allgemeinen Weltgeschehen

All diese Dinge sollen bei der Aufführung am Karsamstag, 31. März, um 20 Uhr in der Friedenskirche ihren Niederschlag finden. Dem evangelischen Geistlichen und seiner Schauspielertruppe geht es aber um noch viel mehr: "Wir wollen die allgemeine Beschleunigung des täglichen Lebens, die auch in der Nutzung der Eisenbahn ihren Ursprung hat, veranschaulichen." Denn aus stundenlangen Fußmärschen oder mehrtägigen Touren mit Pferd und Kutsche sei seinerzeit ganz plötzlich eine relativ kurze Reisedauer geworden. Vorher noch weit vom Schuss, habe sich die Rhöner Region praktisch über Nacht ganz nah am allgemeinen Weltgeschehen befunden.


Etwas Entschleunigung

Nach Kirchners Ansicht wäre es sehr schade, wenn all diese Dinge in Vergessenheit geraten würden. Denn auch er stellt regelmäßig fest, "dass es immer weniger engagierte Leute gibt, die bereit sind, diese Sequenzen der Geschichte, die sich praktisch vor unserer Haustür abgespielt haben, wie einen Schatz zu hüten". Dabei sei es gar nicht mangelnde Lust oder fehlender Wille des Einzelnen. "Viele Menschen haben einfach keine Zeit mehr übrig", weiß Kirchner. Die Gründe dafür präsentieren sich vielfältig. Die Welt sei näher zusammengerückt "und dreht sich auch immer schneller". Gerade deshalb würde etwas Entschleunigung jedem Individuum gut tun, schließt der Geistliche seine Ausführungen im Vorfeld des Mysterienspiels.