Als Helmut Romeis 1928 in Unterleichtersbach auf die Welt kam, war Max Schmeling Europameister im Halbschwergewicht, das Penicillin wurde erfunden und zum ersten Mal telefonierten Menschen aus den USA und Deutschland miteinander. Am 18. Dezember des vergangenen Jahres feierte der ehemalige Forstarbeiter seinen 90. Geburtstag. So berühmt geworden wie Schmeling ist er nicht, aber in der Region ist er zu einer Größe im Katastrophenschutz geworden.

Mit 15 in den Krieg

Der zivile Bevölkerungsschutz wurde Dreh- und Angelpunkt seines Leben. "Der Grund dafür waren seine Erlebnisse als Jugendlicher", sagt Sohn Roland. Er leiht seinem Vater die Stimme, denn seit einem Krankenhausaufenthalt hat sich die Verfassung seines Vaters verschlechtert. Das Lebenswerk seines Vaters kennt er gut, in den vergangenen Jahren hatten die beiden viel Zeit, um Erinnerungen auszutauschen. "Mit 15 wurde mein Vater noch in den Krieg eingezogen", weiß Roland Romeis. Seine erste Station war das Wehrertüchtigungslager in Werberg im Truppenübungsplatz in Wildflecken. Dort unterrichteten verwundete Soldaten, die nicht mehr an der Front eingesetzt werden konnten, ihn und die Jugendlichen unter anderem im Umgang mit Waffen. Noch halbe Kinder, erzogen zum Kanonenfutter.

Fronteinsatz

"Im September 1944 ging es dann die Front",erzählt Roland Romeis. Die Westfront zog sich im Herbst 1944 bereits durch Deutschland. "Mein Vater kam nach Mainz", sagt Romeis. "Dort hat er mit seinen Kameraden Schützengräben und Luftschutzgräben ausheben müssen." Für diese Schufterei zog die Wehrmacht außerdem polnische und russische Kriegsgefangene heran, die in Baracken hausen mussten. Helmut Romeis hatte großes Gück. Vielleicht rettete ihm ein sehr weitsichtiger und mutiger Militärarzt das Leben. Roland Romeis zitiert den Arzt aus den Erzählungen seines Vaters: "Er war sehr jung und schmächtig. Der Arzt hatte eingesehen, dass der Krieg verloren war und der Junge an der Heimatfront besser aufgehoben war. "

Roland Romeis weiter: "Eigentlich sollte er 1944 an seinem Geburtstag wieder in Unterleichtersbach sein." An der Heimatfront sollte Romeis im Staatsbad in Bad Brückenau Dienst leisten. "Dort war ein Lazarett untergebracht."

Schicksalstag

Doch es kam anders: "Als er seinen Marschbefehl in die Heimat hatte, war mein Vater am Bahnhof von Mainz stationiert." Die Ereignisse der nächsten Stunden sollten das Leben von Helmut Romeis für immer verändern. Die 8. US-Luftflotte hatte sich das Bahnhofsgebiet als Angriffsziel am 18. Dezember 1944 auserkoren. 157 schwere Bomber vom Typ B-17 bombardierten das Areal für etwa eine Stunde in mehreren Wellen. Dabei warfen sie 430 Tonnen Sprengbomben auf den Bahnhof. Die Zerstörung war immens. Helmut Romeis blieb unverletzt, aber die Folge für den Sechzehnjährigen war: Seine Heimkehr verspätete sich, denn Offiziere zogen ihn zu den Aufräumarbeiten heran. Das Kriegsende erlebte er in seiner Heimat.

Weg in den Luftschutz

Seine Erlebnisse ließen Romeis allerdings nicht los. Als der damalige Landrat des Altlandkreises Bad Brückenau, Richard Hänlein, sich in den 50er Jahren daran machte, den zivilen Bevölkerungsschutz aufzustellen, stand Romeis parat. "Mein Vater hat beim Aufbau mitgeholfen. Besonders im Luftschutz war er wegen seiner Kriegserlebnisse stark engagiert", sagt Roland Romeis. 1961 besuchte er die Luftschutzschule in Wolfratshausen. "Als Gruppenführer hatte er dann eine Position mit Verantwortung", sagt sein Sohn. Stand zunächst der Luftschutz für ihn im Vordergrund, änderte sich das bald durch den aufkommenden Kalten Krieg und die damit verbundene nukleare Bedrohung. "Es wurde zum Beispiel geübt, wie die Bewohner zu evakuieren sind, wenn die Russen angegriffen hätten", erinnert Roland Romeis an die Zeit, als auf der einen Seite der Warschauer Pakt und auf der anderen Seite die Nato im Wettrüsten überboten.

Aber auch für zivile Notfälle wollte der Katastrophenschutz vorbereitet sein. "In den schwarzen Bergen gab es eine mehrtägige Übung, in der simuliert wurde, was zu tun wäre, wenn sich ein Unfall im Kernkraftwerk Grafenrheinfeld ereignet hätte." Zu einer Atomkatastrophe kam es zum Glück nie - mit der deutschen Einheit erlebte der zivile Bevölkerungsschutz 1989 dennoch einen Großeinsatz. Tausende von Menschen in der Grenzregion mussten auf dem Weg nach Westen aufgefangen und versorgt worden.

Aktiv war Helmut Romeis zu diesem Zeitpunkt allerdings nicht mehr - er genoss seine Rente beim Radfahren. Körperlich ist das nun leider nicht mehr möglich. Sein Sohn hat viele Dinge übernommen, die seinem Vater ein Leben zuhause in Ruhe gewährleisten: Er ist Sprachrohr und rechte Hand. Wie sehr Helmut Romeis aber der Blick in die Vergangenheit berührte, zeigte sein Gesicht beim Durchblättern des Albums - es leuchtet.