Schnell verbreitet sich der intensive Wacholdergeruch im Raum. Der Gartenbauverein Motten hat zu "Kräuterräuchern in Rauhnächten" eingeladen, so mancher Teilnehmer hatte die Befürchtung, "High" zu werden. Dabei wirkt Wacholder nur reinigend und keimtötend. Dann wäre die Luft in der Garage ja vorbereitet für Wohlriechendes: Petra Müller, bewandert in der Materie, legt nun Rosenweihrauch auf. Der betörende Duft fördert sowohl die Konzentration, als auch die Sinnlichkeit. "Ein bisschen Esoterik ist schon dabei," gibt die 62-Jährige zu bedenken.

Es begann vielleicht mit einem in die Glut gefallenen Wacholderbusch vor mehr als 10.000 Jahren. Die Höhlenmenschen, zunächst in dichten Dampf und beißende Luft gehüllt, genossen bald den aromatischen Duft, die Stimmung beruhigte sich. Im Laufe der Zeit stellte man fest, dass Husten gestillt und sogar Gicht gelindert wurde. Die Jagdbeute, für Tiere unerreichbar auf höhere Ebenen gelegt, wurde im Rauch haltbar.


Kräuter auf heißen Kohlen

Die Konservierung durch Rauch wird seitdem beibehalten. Fast vergessen, in letzter Zeit jedoch wieder in Mode, ist das Räuchern von Kräutern. Nicht nur Wacholder hat gesundheitliche Effekte. Auch auf den heutigen Wiesen wachsen noch Kräuter, die vielerlei Wirkungen haben. Der Gartenbauverein Motten hat das ganze Jahr über auf Kräuterwanderungen gesammelt und im Laufe des Jahres bereits so manche Verwendung für die Kräuter gefunden. Nachdem im Sommer Tinkturen und Kräuterbutter hergestellt worden waren, wurden nun - in den Rauhnächten - die Kräuter auf heiße Kohlen gelegt.

Die Rauhnächte sind zwölf Nächte zwischen dem ersten Weihnachtstag und dem Dreikönigstag. Sie sind geprägt von Wandel, Abschluss und Neubeginn. Vor dem Neubeginn ist jedoch die Besinnung und Reinigung nötig. Bei dem traditionellen Ausräuchern von Haus und Ställen wurden die Ecken von allen Räumen abgegangen und mit dem Rauch aus der Räucherschale erfüllt. Böse Geister und schlechte Energien sollen so vertrieben werden. Damit die Geister auch verschwinden können, muss nach der Ausräucherung gelüftet werden.


Nebenwirkungen beachten

Die gereinigte Raumluft kann nun mit verschiedenen Düften erfüllt werden. Ob die aufmunternde Tagetes, Kraft und Ausdauer schenkende Eichenrinde, oder darf es das aphrodisierende Rosmarin sein - Petra Müller entscheidet bei ihrer persönlichen Kräutermischung "aus dem Bauch heraus. Anfänger sollten sich allerdings an die Anweisung halten, mindestens die Nebenwirkungen beachten". Denn Kräuter können in der Tat den Räuchernden in Trance versetzen und sogar Schwangerschaftsabbrüche herbeiführen. Bereits die Schamanen nutzten die Wirkung so mancher Kräuter, um in andere Bewusstseinswelten zu gelangen. Vorsicht sollte geboten sein bei weißem Salbei, auch "Wahrsager-Salbei" genannt.

Die Rauhnächte sind Schicksalstage. Laut Überlieferung soll alles, was in der Zeit passiert und auch geträumt wird, schicksalsweisend sein. Jede der zwölf Rauhnächte steht für einen Monat des Folgejahres. So soll die Zukunft mitgestaltet und beeinflusst werden können. Die Reinigung des Hauses ist hier ein Punkt. Außerdem verließen die Bürger in den langen winterlichen Nächten ihre Häuser nicht mehr, zu groß war die Furcht vor Unterweltgöttern, den Perchten, die nach germanischer Mythologie in den langen Nächten durch die Lüfte zogen und auf der Suche nach frischen Seelen waren. Geräucherte Kräuter sollten Abhilfe schaffen.


Höhepunkt des Orakeljahres

So könne der Sonnentau-Weihrauch gemütsaufhellend wirken, die Thuja eine entspannte Atmosphäre schaffen und der Quendel Lebensmut schenken. Die Rauhnächte stellen auch den Höhepunkt des Orakeljahres dar. Für das Hervorbringen von Visionen war hier Schafgarbe hilfreich, Lavendel schaffte Klarheit und Mädesüß förderte Neuanfänge.

Die Rauhnächte sind auch begleitet von Gebeten und Wünschen für die Zukunft. Werden durch das Räuchern "die Sinne geöffnet, der Kontakt zu den Ahnen hergestellt und die Gebete zu den Göttern gefördert", muss jeder Wunsch mit dem altruistischen Spruch abgeschlossen werden: "Das wünsche ich mir zum Wohle aller."

Düfte gelangen direkt "zum limbischen System im Gehirn" und eröffnen einen "Zugang zu anderen Ebenen", erzählt Petra Müller, die scherzhaft mit einer "Kräuterhexenausbildung" betitelt wurde. So abwegig war das nicht. Die Mottenerin hat zwei Jahre lang eine Grundausbildung in der Rhöner Heilpflanzenschule in Poppenhausen absolviert und macht nun eine neunjährige Ausbildung zur Kräuterfrau. "Früher war das Kräuterbüschel, das an Mariä Himmelfahrt gesegnet wird, die Hausapotheke", weiß sie. Bei Bedarf wurde das entsprechende Kraut verwendet, der Rest in den Rauhnächten verbrannt. Ganz gezielt wurden beispielsweise Wetterpflanzen wie Johanniskraut oder Königskerze bei Unwettern über einer Kerze geräuchert, um Schaden von Haus und Hof fern zu halten. Aber auch für das moderne Leben hat Petra Müller schmunzelnd einen Tipp parat: "Wenn der Computer spinnt, soll man den Raum mit Salbei säubern. Wenn das nicht funktioniert, nehme man Eberraute - das beruhigt."


Kräuterräuchern

So geht Kräuterräuchern: Räuchersand in ein feuerfestes Gefäß geben. Mit einer Räucherzange die Räucherkohle halten, rundum anzünden. Wenn keine Funken mehr sprühen, die Räucherkohle mit der Mulde nach oben in den Räuchersand legen. Wenn die Kohle durchgeglimmt ist, wird das Rauchwerk aufgelegt. Der Geruch wird intensiver, wenn man die Kräuter vorher in einem Mörser zerkleinert.

Eine Kräutermischung kann auf einem Räuchersieb über einem Teelicht verwendet werden. Sollte die Mischung Harze enthalten, muss ein Stück Alufolie zwischen Sieb und Kräutermischung gelegt werden. Wenn die Harze beim Erwärmen flüssig werden, könnten sie das Sieb verkleben.
Achtung - eventuell die Rauchmelder vorher ausschalten.