Die letzten schönen Herbsttage kündigen sich an, schon liegt Laub auf den Straßen. Für Motorradfahrer neigt sich die Saison ihrem Ende entgegen. Bei Edgar Rieß stehen zwei Maschinen in der Garage. "Ich bin ein leidenschaftlicher Motorradfahrer", erzählt er. Fast zwei Jahrzehnte fuhr er auf der Autobahn Streife, ehrenamtlich fürs Bayerische Rote Kreuz (BRK). "Wir sind von der hessischen Landesgrenze bis zum Kreuz Biebelried gefahren, von Mai bis September jedes Wochenende."

Rieß hatte dafür gekämpft, dass in den 1980er Jahren auch in der Rhön eine Motorradstreife aufgebaut wurde. Von 1988 bis 2006 war er ihr Sprecher. Etwa 15.000 Kilometer und ungefähr 450 Einsätze und Hilfeleistungen pro Saison zählte er im Durchschnitt. Das reichte von der Absicherung der Unfallstelle bis hin zur Erstversorgung der Verletzten. "Das Gefühl, jemandem mit Sicherheit das Leben gerettet zu haben... das kann man schwer beschreiben. Es ist wie eine zufriedene und tiefe Dankbarkeit", erzählt Rieß und denkt dabei an einen Unfall an der Autobahnauffahrt Volkers, als er einem schwer verletzten Motorradfahrer geholfen hatte, der sich zwei offene Oberschenkelbrüche mit Schlagaderverletzung zugezogen hatte.

"Für mich haben Begriffe wie Offenheit, Aufrichtigkeit und vor allem Kameradschaft einen ganz hohen Stellenwert. Diese Grundsätze sind wesentliche Bestandteile des Roten Kreuzes", sagt Edgar Rieß. Seit 1955 gehört er dem BRK an, brachte sich von 1961 bis 2008 im Rettungsdienst und als Ausbilder ein. Von 1969 bis 2013 gehörte er dem Vorstand des Kreisverbandes Bad Kissingen an. Heute vermisse er diese Einstellung oft. "Ich habe den Eindruck, es geht auch beim Roten Kreuz nicht mehr so menschlich zu, wie man es eigentlich erwarten dürfte", sagt der 77-Jährige. Für viele sei es nur noch ein Job, das Materielle sei stark in den Vordergrund gerückt.


Frühe Investitionen in Kanalbau

Neben dem Ehrenamt beschäftigte sich Edgar Rieß mit seiner Heimatstadt. 41 Jahre arbeitet er in der Verwaltung. 1957 fing er als Auszubildender an, damals war Brückenau noch Kreisstadt. Er blieb bis 1998. Bereits von 1961 bis 1971 war er geschäftsleitender Beamter. Von 1971 bis 1992 arbeitete er als Kämmerer, von 1992 bis zu seinem Ruhestand erneut als geschäftsleitender Beamter. Wird er heute gefragt, was wesentliche Meilensteine für die Stadt waren, nennt er Punkte, die aus heutiger Sicht selbstverständlich scheinen. Die Kanalisation zum Beispiel.

"Bad Brückenau gehört zu den wenigen Städten unserer Größenordnung, die bereits in den 1950er Jahren für Abwasserbeseitigung Geld in die Hand genommen haben. Es war nicht selbstverständlich, dass jedes Gebäude einen Kanalanschluss hatte", sagt Rieß. Auch die Trinkwasserversorgung wurde ausgebaut. "Wir hatten früher häufig Wasserknappheit im Sommer", erinnert sich Rieß an die Zeit, bevor die drei Brunnen bei Römershag die Stadt mit Wasser versorgten.

Diese Investitionen seien eine Voraussetzung für die Erhebung der Stadt zum Bad gewesen. Am 8. April 1970 erhielt die Stadt den begehrten Titel, ein weiterer Meilenstein. "Das ist nicht nur eine Urkunde", sagt Rieß und erinnert daran, dass sich schon Bürgermeister Egid Trost während der Zeit des Nationalsozialismus daran versucht hatte. "Dahinter steckt ja viel, viel mehr. Das waren Leitz-Ordner an Schriftverkehr!"


Mit dem Fahrrad ins Staatsbad

Edgar Rieß redet lange über die Stadt, über das Spannungsfeld zwischen Kur und Industrie zum Beispiel. Er erinnert an Verhandlungen mit dem Staatsbad schon unter Bürgermeister Hans Rohrmüller (1986 bis 1998). Eine eigene Gesellschaft, so die Idee damals, hätte Stadt und Staatsbad aus einer Hand vermarktet. "Am Geld ist es gescheitert", erzählt Edgar Rieß.

"Zu meiner Zeit", sagt er und meint die 1950er. Da sei er jede Woche mit dem Fahrrad ins Staatsbad gefahren, um das gute Brückenauer Wasser zu holen. Zehn bis zwölf Flaschen, anfangs noch mit Kork verschlossen, lud er auf sein Rad. Sie waren mit Strohhüllen umwickelt, damit das Glas während der Fahrt nicht aneinanderschlug. "Es ist lebenswert, hier zu wohnen", sagt Edgar Rieß. Auch wenn er schon lange nicht mehr das Brückenauer Wasser mit dem Fahrrad holt.