Als ich um 8 Uhr morgens das Seniorenheim Sinntal betrete, hat der Frühdienst schon etwa 60 Bewohner gewaschen, angezogen und zum Frühstück gebracht. Respekt. Die privat geführte Einrichtung leistet vor allem Schwer- und Schwerstpflege. Viele Bewohner sitzen im Rollstuhl, und das ist schon meine erste Hürde. Wo war noch mal die Feststellbremse? Beim Rangieren hab' ich so manches Mal gerade noch die Kurve gekratzt.

Nach zwei Stunden das erste Mal sitzen. Endlich. Aber das Glück dauert nicht lange. "Auf, meine Damen", sagt Betreuer Markus Weller, "langsam in die Knie gehen und dann auf die Zehenspitzen". Na toll, Fitness im Seniorenheim. Wer hätte das gedacht? Die Damen - und ein einzelner Herr - mühen sich redlich. Eine Frau hängt am Tropf und macht trotzdem das Training mit. Eine andere hat ihren Urin-Beute einfach neben den Stuhl gestellt. Erfinderisch muss man eben sein.

Berge von Medikamenten

Unten, auf der gelben Station, sitzt Marianne Brückel auch, und zwar am Computer. Hier leben viele Menschen, die an Demenz erkrankt sind. Fünf Minuten Bett beziehen, 15 bis 20 Minuten Morgentoilette, eine halbe Stunde Medikamente ausgeben. "Wenn ich danach gehe, was ich bezahlt bekomme..." Die Pflegedienstleiterin beendet ihren Satz nicht. Menschliche Nähe lässt sich nicht in Minuten dosieren. "Man glaubt gar nicht, wie sehr die Kräfte im Pflegebereich mehr erbringen, als sie müssten", sagt Geschäftsführer Udo Brückel.

Apropos Medikamente. Sorgfältig sortiere ich Pillen in bunte Becher. Rot gibt's mittags, blau am Abend und die Medikamente in den grünen Bechern werden nachts ausgegeben. Hammer, was da alles zusammenkommt. Ich frage mich, wie hoch der Pillenberg wäre, den alle Bewohner des Heimes pro Jahr schlucken. Und dann frage ich mich, was für ein Gebirgsmassiv alle Senioren in allen Heimen Deutschlands pro Jahr wegputzen...

Drei Schritte zum wasserdichten Höschen

"Schwester!", schallte es durch den Raum. Brückel eilt zu einem Mann, wir gehen in sein Zimmer und dort setzt sie ihn auf einen Toilettenstuhl. Später lerne ich die drei Schritte zum wasserdichten Höschen: Erst drehen, damit die Netzhose , die an eine abgeschnittene Strumpfhoser erinnert, in Form kommt. Dann auf links drehen, damit die Naht nicht drückt. Schließlich muss noch die Vorlage positioniert werden, die die Flüssigkeit aufsaugt, die Haut aber gleichzeitig atmen lässt. Klingt logisch. Ist aber ganz schön intim.

Überhaupt berührt ganz vieles den persönlichen Bereich. "Die Seele kommt oft zu kurz", sagt Markus Weller. "Menschen haben ein Bedürfnis nach Begleitung, nach religiösem Leben, auch nach Berührung." Im Untergeschoss des Hauses gibt es deshalb auch eine Kapelle. Und den Abschiedsraum. Schluck. Natürlich hat jedes Heim einen Raum, in dem die Verstorbenen aufgebahrt werden. Für den Leichenschauer, für die Angehörigen. Für die Angestellten. "Natürlich verabschieden wir uns von den Menschen", sagt Brückel. "Wir gehen auch zur Beisetzung, das ist doch klar." So klar war mir das nicht.

"Wir sind Dienstleister. Wir sind Seelsorger. Und für demenziell erkrankten Menschen sind wir die Familie", bringt Weller einen Beruf auf den Punkt, den ich mir irgendwie anders vorgestellt hatte. Um ehrlich zu sein, ich hatte mir den Job ziemlich anstrengend und ganz schön langweilig vorgestellt. Anstrengend ist er, keine Frage. Aber von Langeweile keine Spur!