Kaum jemand vermutet die Anfänge der Fliegerei in Bischofsheim und auf dem Heidelstein. Eine Persönlichkeit wie Wilhelm Messerschmitt und die Erinnerungen an die ersten Flugpioniere in der Rhön werden zumeist mit der Wasserkuppe und Gersfeld in Verbindung gebracht. Und doch hat Bischofsheim einen nicht unerheblichen Anteil an der Fliegerpioniergeschichte, doch diese war im Laufe der Jahre und im Schatten der Wasserkuppe in Vergessenheit geraten.

Joachim Jenrich stieß bei seinen Recherchen für sein neues Buch "Der Heidelstein" auf diese vergessene Episode der Deutschen Fliegerei. Weil die Geschichte so interessant ist, hat er ihr ein ganzes Kapitel in seinem Buch gewidmet. "Wilhelm Messerschmitt, gilt als Pionier der Luftfahrt mit weltweiter Bedeutung. Seine erste Flugversuche unternahm er am Heidelstein. Seine erste Firma gründete er in Bischofsheim. Sein Kollege war der Flugzeugkonstrukteur Friedrich Harth."

Auf der Suche nach einem geeigneten Fluggelände kam Harth am 5. April 1914 auf den Heidelstein. Harth lebte und arbeitet als Regierungsbaumeister in Bamberg und hatte bislang dort seine Flugversuche unternommen. Auf dem Heidelstein errichtete er noch im gleichen Jahr eine Schutzhütte und baute mit Wilhelm Messerschmitt "den neuen Flugapparat "S-4" mit Holzrumpf, einer Kufe und voll flügelgesteuerten Tragflächen". Erste Flugversuche wurden am 1. August 1914 auf dem Heidelstein durchgeführt.

Der Ausbruch des Ersten Weltkrieges und die frühe Einberufung Harths verhinderten weitere Flugversuche. Während der Kriegsjahre blieben Harth und Messerschmitt aber über Feldpost in Kontakt. Hardt übermittelte dem jüngeren Messerschmitt, der aufgrund seines Alters als einziger Mitarbeiter Harths keinen Kriegsdienst leisten musste, Skizzen, Ratschläge, Anweisungen und Ideen bis hin zu Konstruktionsdetails für den neuen Flugapparat "S-5". Messerschmitt baute den Flugapparat und brachte ihn in die Rhön. "Am 30. August 1915 bringt ein von Ochsen gezogenes Fuhrwerk die S-5 vom Bahnhof Bischofsheim auf den Heidelstein", heißt es in Jenrichs Buch.

Hardt hatte Urlaub für die Flugversuche bekommen. Fünf Mal gelangen "bei Windstärke 10, trüben, böigem Wetter mit leichtem Regen" Flüge zwischen 80 und 120 Meter Weite. Weitere erfolgreiche Flüge folgten mit bis zu 300 Metern Weite und Startüberhöhungen von 20 Metern. "Bei einem Flug am 4. September bleibt der Segler mit den Spanndrähten an der Sense seines zuschauenden Bauern hängen, wodurch die S-5 zum Kippen kommt", zitiert Jenrich aus den Aufzeichnungen aus dem Jahr 1914.

Da die Schutzhütte auf dem Heidelstein mehrfach aufgebrochen, Werkzeug entwendet und weitere Schäden angerichtet worden waren, wurde die S-5 in der Scheune beim Gasthof Rhönhäuschen an der Straße zwischen Bischofsheim und Wüstensachsen untergestellt.

Für Joachim Jenrich ist es beachtlich, dass Hardt und Messerschmitt ihre Flugversuche auch während des Ersten Weltkriegs weiterführten. "Zu dieser Zeit war auf der Wasserkuppe nichts los. Die Darmstädter Pioniere der Wasserkuppe waren alle im Kriegseinsatz."

Nach dem verlorenen Krieg untersagten die Alliierten Deutschland den Motorflug sowie den Bau und den Besitz von Flugzeugen. Da der Segelflug mit diesem Verbot nicht belegt wurde, wandten sich viele Flugbegeisterte nach Kriegsende dem motorlosen Flug zu. Hardt und Messerschmitt flogen bereits 1919 wieder am Heidelstein. Auf der Wasserkuppe dagegen fing die Segelfliegerei nach dem Ersten Weltkrieg erst 1920 mit dem ersten Rhönwettbewerb wieder an.

Am13. September 1921 segelte Harth als erster Mensch länger als 20 Minuten. Nach 21 Minuten und 37 Sekunden verklemmte sich jedoch ein Steuerkabel, der Segler wurde manövierunfähig und stürzte aus etwa 70 Metern Höhe ab. Nach dem 10-Minuten-Flug von Orwille Wright im Oktober 1911 in Kitty Hawk war dies der zweite wirkliche Segelflug in der Geschichte der Luftfahrt und zugleich neuer Weltrekord, der aber aufgrund mangelnder Dokumentation nicht offiziell anerkannt wurde und dieser Flug fand auf dem Heidelstein statt.

Harth verletzte sich schwer beim Absturz und erholte sich nie wieder vollständig. Doch die Begeisterung für die Fliegerei verlor er nicht. 1921 gründen Friedrich Harth und Willy Messerschmitt ihre gemeinsame Firma in Bischofsheim und bauen im ehemaligen Gasthof "Zur Linde" ihre Flugapparate. Im Frühsommer 1922 trennen sich Harth und Messerschmitt wieder und ihre gemeinsame Firma endete. Messerschmitt konstruierte weiterhin in Bischofsheim und baute sich zudem im Fliegerlager auf der Wasserkuppe eine eigene Flugzeughalle.

Mit der Wiederzulassung motorisierter Flugzeuge baut Messerschmitt einen der ersten deutschen Motorsegler nach dem Ersten Weltkrieg, mit dem der Pilot aber während des Wettbewerbs auf der Wasserkuppe wegen kaputter Antriebswelle notlanden muss. Messerschmitt wandte sich daraufhin von der Rhön und auch dem motorlosen Segelflug ab und ging zurück nach Bamberg, wo er mithilfe seines Bruders Motorflugzeuge baut.

Kleine Sensation

Als eine "kleine Sensation" bezeichnete Bürgermeister Georg Seiffert die Rechercheergebnisse von Joachim Jenrich. Dieser hatte mit dem Stadtoberhaupt Kontakt aufgenommen, um von ihm zu erfahren ob die Bischofsheimer von frühen Episode der Luftfahrtgeschichte und die Einbettung ihre Stadtgeschichte Kenntnis haben und ob bekannt ist, wo sich das Gasthaus "Zur Linde" befinden haben könnte. Seiffert: "Ich habe keine Ahnung gehabt, dass Messerschmitt in Bischofsheim eine Firma hatte und welche Bedeutung der Heidelstein für die Flugentwicklung hat." Aber wo sich das Gasthaus befand, das weiß Seiffert. "Gegenüber vom Autohaus Weber, da war früher die Gastwirtschaft mit einer Kegelbahn." Er rief kurzerhand den heutigen Besitzer des Anwesens Detlef Stengler an. Dass Messerschmitt und Hardt Flugapparate in Bischofsheim und dazu noch auf dem Gelände seiner Familie bauten war auch ihm neu. Aber um so erfreuter war er, einen weiteren Baustein zur Familiengeschichte hinzu fügen zu können.

Jenrichs stieß bei seinen Recherchen im Archiv des Segelflugmuseum auf der Wasserkuppe auf diese Geschichte. Weitere Recherchen stellte er in Museen in Bamberg und München an. "Die Tagebücher und Briefe der damaligen Zeit sind nahezu vollständig erhalten."

Bürgermeister Seiffert möchte diesen neuen Einblick in Bischofsheims Geschichte gerne öffentlichkeitswirksam nutzen. Eine Tafel mit der Geschichte und der Bedeutung für die Luftfahrttechnik, könnte er sich vorstellen, möchte Details aber mit Tourismus-Referent Gerhard Nägler und den Stadträten besprechen. Jenrich sichert weitere Unterstützung zu, sollten weiterführende Recherchen anstehen.