Heimat, das sind für Anna Wichary und ihre Familie zwei Orte. Bad Brückenau und Chorzów. Die knapp 110.000 Einwohner zählende Industriestadt im Süden Polens hieß früher Königshütte - wegen der Erzeugung von Roheisen und Stahl. Seit elf Jahren leben die Wicharys im beschaulichen Kurstädtchen an der Sinn. Ihre oberschlesische Tradition haben sie behalten - auch wenn die drei Töchter Deutsch sprechen, als wären sie hier geboren.

231 Polen leben in Bad Brückenau - 150 Männer und 81 Frauen. Viele arbeiten hier, oben im Gewerbegebiet Schildeck beim Abersfelder oder einem Subunternehmer zum Beispiel. Wicharys Mann Piotr kam 1998 zum ersten Mal und blieb zwei Jahre. 2003 klappte es noch einmal mit einer Arbeitsstelle in Deutschland. Zur Geburt der dritten Tochter bekam er drei Wochen Urlaub. "Das war schwierig für mich, allein mit drei Kindern", erinnert sich Anna Wichary. Zehn Jahre, vier Jahre und fünf Monate waren die Mädchen damals alt. Die mittlere, Klaudia, sitzt mit am Tisch und greift zu den oberschlesischen Hefeplätzchen. Ihre Großtante Regina Marcis nennt sie Irka-Plätzchen, nach ihrer Mutter. "Sie hat immer welche davon zuhause, immer!"


Deutsch und polnisch gleichermaßen

2007 entschied sich die Familie für den Umzug nach Deutschland. Als Oberschlesier galten sie in ihrer Heimat ohnehin schon als deutsch, "und das war nicht gerade positiv gemeint", erzählt Marcis von den Jahrzehnten nach dem Krieg. Wenn ihre Eltern nicht wollten, dass die Kinder mithören, hätten sie immer deutsch gesprochen. Sie selbst lernte die Sprache aber erst hier richtig. "Selbstverständlich sind wir Deutsche. Und selbstverständlich sind wir Polen, weil wir dort geboren wurden", schildert sie. Und auch für die 17-jährige Klaudia ist klar, sie ist "beides. Ich kann mich nicht für eine Seite entscheiden. In Polen lebt ja noch meine ganze Familie."

Das polnische Leben, es fällt kaum auf in der Stadt. Aber es existiert. Zweimal im Monat wird eine polnische Messe in der Schlosskirche in Römershag gelesen. Und im Dezember veranstaltet die polnische katholische Mission in Würzburg immer ein Treffen im Pfarrheim.


Geteilte Meinungen zur Politik

In diesen Tagen, da lässt sich ein Thema kaum aussparen: der nationalistische und EU-kritische Kurs der polnischen Regierung. Früher hätten sich die Deutschen nie für polnische Politik interessiert, bemerkt Marcis. "Es gibt zwei Gruppen in Polen, und das wird auch in der Familie spürbar", beschreibt Wichary, dass die polnische Gesellschaft in sich selbst zerrissen ist. "Ich kann nur für mich sprechen", sagt Marcis, "meiner Meinung nach wird viel Falsches im Fernsehen gezeigt, wenn es um die polnische Regierung geht".

Dass es seit zwei Jahren mehr Arbeitsplätze gebe und die Regierung ein Kindergeld eingeführt habe, erfahre man in deutschen Medien nicht, kritisiert sie. Sie findet es angebracht, dass sich das Land gegen die Übermacht anderer europäischer Länder wehrt. Anna Wichary hält dagegen. Ihre älteste Tochter studiert in Würzburg - dank BAföG. "Das ist eine große Hilfe für junge Leute. In Polen gibt es das nicht", sagt sie.


Nach altem oberschlesischem Rezept: Hefeplätzchen mit Pflaumenmus

Zutaten Für den Teig: ein Kilo Mehl, drei Würfel frische Hefe, 500 Gramm Margarine, zwölf Esslöffel Milch, zwei Esslöffel Zucker, zwei Eier. Für die Füllung: ein bis zwei Gläser Pflaumenmus (nicht Marmelade!); Puderzucker für den Zuckerguss

Zubereitung Das Mehl in eine Schüssel geben und eine Mulde formen. Geraspelte Hefe und Zucker in die Mulde hineingeben. Milch etwas anwärmen und darüber träufeln. Die Schüssel mit einem Tuch abdecken und etwa eine Stunde stehen lassen, bis die Hefe hochkommt. Nun die Margarine hinzugeben, fest kneten und eine Kugel formen. Die Kugel anschließend in einen Topf mit kaltem Wasser legen. Nach ungefähr 15 bis 20 Minuten, wenn der Teig Risse bekommt, wird er weiter verarbeitet. Zurück in der Backschüssel werden die beiden Eier mit der Masse verbunden, dann wird der Teig ausgerollt und kleine Quadrate herausgeschnitten. Ein Klecks Pflaumenmus darauf geben und die Ecken zusammenfalten.

Backen Bei Ober- und Unterhitze werden die Hefeplätzchen bei 250 Grad gebacken, bis sich der Teig bräunt. Nach dem Abkühlen lassen sie sich mit Puderzucker dekorieren. Guten Appetit!