Das Essen beginnt mit einem Gebet. Auf Tagalog spricht Esther Wahler ein paar Worte. Es folgt ein einhelliges Amen, Kreuzzeichen. Guten Appetit! Es gibt Frühlingsrollen, selbstgemachte, mit Fleisch und vegetarisch. Dazu zwei landestypische Gerichte und dreimal Nachtisch, mindestens. "Masarap!", sagen die Frauen. Das heißt "köstlich".

"Ich konnte kein Wort Deutsch, als ich hierher kam", sagt eine der Frauen. Heute wäre das wohl nicht mehr möglich. Die Behörden setzen hohe Hürden für eine Heirat nach Deutschland. Dennoch leben in fast jeder Kleinstadt asiatische Frauen deutscher Männer. Manche verschlägt es aufs Dorf. In Sterbfritz, zum Beispiel, Schwarzenfels oder Weichersbach leben auch Filipinas, erzählen sie. Frau kennt sich.

"Er konnte kein Englisch, ich kein Deutsch"

Esther, die gebetet hatte, ist 74 Jahre alt, vor zwei Jahren ist sie Witwe geworden. Seit 1994 ist sie in Deutschland, sechs Jahre später folgte ihr ihre Schwester Edna. Die beiden stammen aus einer Familie mit acht Kindern aus dem Umland von Manila, der Hauptstadt. Sie haben Näherin gelernt. Irgendwann kam ein Tourist, er hatte Fotos von deutschen Männern dabei. Er schickte Geld, sie bereitete alles für die Hochzeit vor. "Unsere erste Begegnung war auf dem Flughafen", erinnert sich Ester. "Er konnte kein Englisch, ich kein Deutsch."

Andere schrieben erst Briefe. Elvira Greger - "Greger, wie Max Greger", betont sie, als sie ihren Namen sagt - arbeitete als Kriminologin. Auf den Philippinen ein nicht ganz ungefährlicher Job, sagt sie. 1990 heiratete sie nach Bad Brückenau. Ihr Mann ist Fernfahrer, bevor ihre Tochter zur Welt kam, nahm er sie oft mit. "Ich habe viel in Europa gesehen", erinnert sie sich. "Das war schön."

Greger ist es auch, die deutliche Worte zu den finanziellen Ansprüchen der Verwandten in der Heimat findet. "Ich habe meinen Landsleuten immer gesagt: Wir haben auch eine Familie hier." Und dann geht es um Frauen, die heimlich Geld für ihre Familie abzweigen. Um Männer, die ihren Frauen 20 Euro in die Hand drücken und erwarten, dass sie damit eine Woche über die Runden kommen. Um fehlende Zärtlichkeit - "manche Männer wollen nur eine Haushälterin" - und um Gleichberechtigung. "Mein Mann und ich sprechen miteinander. Das ist eine neue Generation", sagt Rosalina Broda. Sie ist 35 Jahre alt und erst seit zwei Jahren in Deutschland.

Familie im Kurstift gefunden

Auf den Philippinen studierte sie Psychologie und Philosophie, arbeitete als Lehrerin für Ethik auf der Insel Cebu. Ihre Tante vermittelte den Kontakt in die Rhön, zwei Jahre schrieb das Paar auf Facebook, telefonierte am Ende jeden Tag. "Mein Mann hat mich gefragt, ob er auf die Philippinen kommen soll", erzählt Broda in sehr gutem Deutsch. "Doch er hat dort keine Jobmöglichkeit."

Eine eigene Familie im Ausland oder ein Beruf in der Heimat - die junge Frau zog die private der beruflichen Perspektive vor. "Das ist Liebe. Das war bei mir auch so", verteidigt sie die Kriminologin. Und, etwas vehementer: "Die Leute wissen nichts über unser Leben auf den Philippinen!" In Deutschland arbeitet Broda als Aushilfe. Ihre Augen leuchten. "Im Kurstift habe ich eine Familie gefunden, in einer kleinen Küche!"

Ganz am Rande sitzt einer, der eigentlich auch viel zum Thema zu sagen hätte: Günther, der Mann von Edna Nikolai. Erst nach mehrmaliger Aufforderung durch die Frauen erzählt er, wie er seine Frau 1999 in Volkers kennenlernte. Edna war zu Besuch bei Verwandten. Ein Jahr später heirateten sie, die Heimat seiner Frau hat er nie gesehen. "Sie ist alles, was ich habe", sagt er mit wässrigen Augen.

Den Abschluss macht Eis aus Avocado. Das gemeinsame Essen ist Teil der Kultur - genauso, wie alles und jeden mit dem Smartphone festzuhalten. Die digitale Nähe macht vieles einfacher. Die Heimat aber ersetzt es nicht. Was Heimat bedeutet, sagt Ester Wahler in zwei Worten. Die 74-jährige Witwe geht nächstes Jahr zurück auf die Philippinen - "nach Hause".

8 philippinische Staatsangehörige leben in Bad Brückenau - sechs Frauen und zwei Männer.

82 Prozent der rund 19 000 Filipinos in Deutschland sind Frauen (Quelle: Statistisches Bundesamt; Stand: Dezember 2009).

Ein Interview mit Mary Lou Hardillo-Werning zur Situation philippinischer Migrantinnen lesen Sie hier.