In ihrer Zeit als geistliche Begleiterin im Haus Volkersberg hat sie "immer wieder Reibungspunkte erlebt", die ihren Ursprung in den kulturellen Unterschieden haben. Eine Frau will einem Mann zur Begrüßung nicht die Hand geben, ein Flüchtling erscheint trotz Zusage nicht zu einem Treffen, das erscheint in der deutschen Kultur unpassend. Verwirrt reagieren allerdings die Flüchtlinge, wenn man sie darauf anspricht. Unverständnis auf beiden Seiten.
"Wie gehen zwei Menschen miteinander um, die komisch sind?" Sie müssen miteinander reden. Auf dem Volkersberg trafen sich am Wochenende acht Menschen, die in ihrer Arbeit und ihrem Leben immer wieder an Grenzen gelangen, weil sie ihr Gegenüber als "komisch" empfinden. Tatsächlich ist niemand komisch, aber eben anders und anders ist im Prinzip jeder. "Jeder Mensch ist für sich eine eigene Kultur", bringt es Chaminda Perera, Trainer der Jugendbildungsstätte Unterfranken, auf den Punkt. Regeln und Grenzen bedeuten in jeder Kultur etwas anderes, das Bild der eigenen Kultur bringt jeder mit, es beeinflusst jedes Verhalten. Damit anzuecken, kratzt am Selbstwertgefühl, dieses wird somit "ständig in Frage gestellt". Daher entschied sich Beate Ritter-Schilling für den Seminarnamen "...eine Frage der Ehre".
Die Gruppe aus Flüchtlingen und Ehrenamtlichen brachte viele Punkte zusammen, die zwischen ihnen anders sind: die Stellung der Frau, Gesetze, Kunst, Musik, aber auch tiefer gehende Unterschiede wie Religion, Normen und Werte. Einem Eisberg gleich, bleibt dies den Blicken verborgen. Nur die Spitze des Eisbergs, also äußere Unterschiede wie Kleidung, Schmuck, Feiern von Festen oder auch die Form der Begrüßung, ist sichtbar.

Initiatorin Beate Ritter-Schilling hatte Mitstreiterin Brigitte Schlee-Söder, Koordinatorin für Integrationsdienste im Landkreis Bad Kissingen, mit ins Boot geholt. Beide luden aus ihren Wirkungsbereichen Flüchtlinge aus Syrien, Äthiopien und dem Iran ein. Grundvoraussetzung waren gute Deutschkenntnisse, ohne die ein offener Austausch nicht möglich wäre. "Wir sind pioniermäßig unterwegs," so Ritter-Schilling. Sie hofft aber, dass sowohl Geflüchtete als auch Ehrenamtliche in ihrem Alltag als "Multiplikatoren" wirken und die Erkenntnisse weitertragen.

Auf dem Volkersberg zeigten alle Teilnehmer eine große Offenheit und Bereitschaft, sich einzubringen. Die oft erlebten Missverständnisse mal anschauen, offen ansprechen und in einem angeleiteten Austausch ergründen, waren Weg und Ziel. Ammar aus Syrien empfindet es mehr als befremdlich, wenn ein Deutscher, mit dem er zusammen ein Firmenpraktikum absolviert hat, zusammen gearbeitet und gegessen hat, wortlos an ihm vorübergeht, wenn er ihn auf der Straße trifft. Andere Seminarteilnehmer verstehen nicht, wie man seine Eltern in einem Altersheim leben lassen kann. Für Deutsche ist es allerdings unvorstellbar, dass eine Ehe zwischen den Eltern des Paares ausgemacht wird. Komisch für die meisten Flüchtlinge ist es, in Deutschland Zeiten einhalten zu müssen. "Wir sind hier nicht zeitlos", erklärt Chaminda Perera. Der 44-Jährige aus Würzburg war vor 26 Jahren aus Sri Lanka geflüchtet und weiß, was die heutigen Flüchtlinge seltsam finden. "Wir wollen hier rausgehen und etwas geklärt haben", unterstreicht er das Ziel. Geklärt wurde zum Beispiel, dass in Deutschland ein "Ja" ein "Ja" ist und ein "Nein" ein "Nein". In vielen Herkunftsländern jedoch wird eine solch knallharte Äußerung als unhöflich angesehen.

Flüchtlinge haben in Deutschland bereits einen großen Lernprozess durchlebt, der Austausch ist heute viel besser als vor zwei/drei Jahren, erzählt Brigitte Schlee-Söder. Die Hammelburgerin sieht das zwischenmenschliche und interkulturelle einst "dünne Eis nun viel tragfähiger".
Ein Vertrauensbaum war Abschluss des ersten gemeinsamen Austausch-Tages. Was gut funktioniert, aber auch was schlecht läuft und was noch wünschenswert ist, wurde bildlich dargestellt. Beate Ritter-Schilling begrüßte die "grundsätzliche Offenheit vieler Firmen". Die Bereitschaft, Flüchtlinge anzustellen, sei sehr groß. Beklagenswert seien jedoch die politischen Hürden. Ein Tipp für alle, die nicht am Seminar teilgenommen haben: "Offenheit und Kommunikation! Austausch findet viel zu selten statt."