Rund 60 Interessenten hatten sich dazu in der Georgi-Kurhalle eingefunden. Der Redner war früher unter anderem wissenschaftlicher Mitarbeiter im Deutschen Bundestag und ist seit 2003 als selbstständiger, freier Referent für verschiedene Thematiken tätig.


Seit vielen Jahren erkennbar

Bauch machte bereits zu Beginn seiner Ausführungen deutlich, dass sich seit vielen Jahren rund um Europa ein Krisenbogen aufgebaut hat: "Der stetige Migrationsdruck wird Dauerthema werden." Auf die gesamte Problematik sei Europa aber nicht vorbereitet gewesen, obwohl Flüchtlingsströme schon seit vielen Jahren erkennbar waren. Der Experte machte das an drei unterschiedlichen Punkten fest. Erst habe es die Flüchtlinge vom Balkan gegeben, später eine Bewegung von Libyen nach Italien, und dann von der Türkei nach Griechenland. Hier habe man es mit einer Entwicklung zu tun, "die sich verstetigt hat".


Geografie und Personalmangel

Und einen weiteren Aspekt brachte Bauch mit der Zuständigkeit für die Sicherung der Außengrenzen Europas ins Spiel. Da sei es in der EU zwar vertraglich geregelt, dass die Kontrolle dem Land obliegt, das die Außengrenze hat, "aber leider funktioniert die nationale Zuständigkeit an vielen Stellen nicht". Die Gründe dafür sind vielfältig. Geografische Gegebenheiten würden da ebenso eine Rolle spielen wie beispielsweise Personalmangel oder einfach fehlendes Interesse der politisch Verantwortlichen.

Wenn ein Flüchtling Europa betritt, so machte Bauch deutlich, sei jenes Land für das entsprechende Anerkennungsverfahren zuständig, auf dessen Boden der Flüchtling zuerst seinen Fuß setzt. Diese Vereinbarung ist nach Ansicht des Referenten "himmelschreiend ungerecht", da so die zunehmende Belastung auf ganz wenige Schultern verteilt würde.


Türkei in der Schlüsselrolle

Deutschland sei mit dieser Regelung lange Zeit sehr zufrieden gewesen und habe sich seinerzeit durch die entsprechenden Verträge "praktisch flüchtlingsfrei gemacht", zumal Europa im Hinblick auf Zuwanderung keine Vorratsbeschlüsse hatte fassen wollen. Mittlerweile übernehme Deutschland nun aber sogar Aufgaben, für die unser Land eigentlich gar nicht zuständig sei.

Nach Bauchs Worten wird die Türkei bei der Flüchtlingsproblematik in den nächsten zehn Jahren eine Schlüsselrolle spielen, "ob wir das wollen oder nicht". Dort hätten sich schon im vergangenen Jahr rund 2,3 Millionen Flüchtlinge aufgehalten, von denen viele aber gern in andere Richtungen weiterziehen möchten. Und das, obwohl die Türkei ein sicheres Zufluchtsland sei. "Viele, die zu uns gekommen sind, sind nicht schutzbedürftig", wusste der Redner aus eigenen Recherchen. Und geschätzt rund ein Drittel der Syrer hätte gar nicht diese Nationalität, sondern würde aus ganz andere Regionen kommen.

Der Referent prognostizierte, dass man in absehbarer Zeit im Hinblick auf die Schutzbedürftigkeit mit einem Verhältnis von 50:50 rechnen könne. Konkret heißt das: Nur die Hälfte der zu uns kommenden Personen sind echt Flüchtlinge, "denen selbstverständlich geholfen werden muss". Der Rest strebe aus ganz anderen Gründen, wie zum Beispiel aus wirtschaftlichen Erwägungen, ins Land. Nach den Einschätzungen zur globalen Lage schlug Bauch den Bogen zu den Kommunen. Vor Ort gehe es in erster Linie darum, dem Flüchtling möglichst zeitnah Sprache, Bildung und Wohnraum zu vermitteln. Erst dann komme das Thema Arbeit. Denn im Moment der Anerkennung, auch wenn die entsprechenden Verfahren momentan noch viel zu lange dauern würden, habe der Flüchtling Anspruch auf eine private Unterkunft. Und dafür sei dann die jeweilige Gemeinde zuständig. "Das Thema Wohnraum wird politisch noch hohe Wellen schlagen", ist sich der Referent sicher. Und dann sei da noch das Recht des Familiennachzugs. Experten würden hier von der Formel "1+5" ausgehen. Das heißt nichts anderes, als dass im Schnitt jedem anerkannten Flüchtling fünf Angehörige folgen könnten.


Immer noch zuversichtlich

"Wir stehen vor deutlich unruhigeren Zeiten als in den Jahrzehnten zuvor", lautete ein Fazit des Referenten. Er spüre im Augenblick ganz deutlich eine "Grundwelle der Unzufriedenheit", die nicht nur in Europa zu erkennen sei. Trotzdem ist Bauch immer noch zuversichtlich, "dass wir das Thema auflösen können". Dazu bedürfe es aber einem Höchstmaß an Regelkompetenz und Regeleinforderung. Man müsse die Flüchtlinge nicht nur erst einmal alphabetisieren, sondern auch möglichst schnell mit der Kultur und den Gegebenheiten des Landes, in dem sie später leben wollen, vertraut machen.

Nach dem Vortrag bestand unter der Moderation von Seminarleiterin Rosi Hufnagel (Hammelburg) Gelegenheit zur Diskussion. Hier stand Peter Bauch den Besuchern kompetent und geduldig Rede und Antwort.