Bemerkenswert: Seit weit mehr als 30 Jahren tourt die deutsche Band Pur durch die Lande, und sie kann sich nach wie vor über eine extrem treue Anhängerschaft erfreuen. Am Sonntagabend gastierten die Pop-Rocker aus Schwaben im Schlosspark im Staatsbad Bad Brückenau. Sie hinterließen nicht nur bei den eingefleischten Anhängern einen sehr positiven Eindruck. Noch immer gelingen der wohl beständigsten und erfolgreichsten deutschen Popband Erfolge in den Charts. Und auf der Bühne zeigt sich, wie gut die Musiker ihr Handwerk verstehen.


Souveräner Auftritt

Ein Rädchen greift ins andere. Routiniert reiht die Band einen Hit an den nächsten, ohne dabei auch nur ansatzweise gelangweilt zu wirken. Hartmut Englers Gesang muss man nicht unbedingt lieben, aber man merkt ihm in jeder Sekunde an, dass er bereits vor ausverkauften Fußballstadien aufgetreten ist und durch nichts und niemanden aus der Ruhe gebracht werden kann. Und doch geht Engler zumindest in den ersten Minuten der Show im Staatsbad auch auf die Unruhe der aktuellen Zeit ein.

Engler ist nicht dafür bekannt, dass er Konzerte gerne für politische Reden nutzt. Das tut er auch in Bad Brückenau nicht wirklich, fordert aber an der ein oder anderen Stelle dazu auf, Menschlichkeit zu zeigen, Brücken zu bauen und an die Demokratie zu glauben. Trotz aller Sorgen und Ängste appelliert der Pur-Sänger, weiterhin offene Herzen zu haben, auch wenn es nicht immer allen Menschen leicht falle. Nach einigen durchaus intelligenten und vernünftigen Botschaften lässt Engler wieder die Musik sprechen.

Dass die Songtexte teilweise eher schlicht und vordergründig wirken, tut dem Pur-Konzept keinen Abbruch. Auch in Bad Brückenau funktionieren die schlichten, aber sehr eingängigen Refrains, die am Ende eben doch jeder gerne mitsingt. Aller Unwetterwarnungen zum Trotz, hielt sich der befürchtete Gewitterregen am Konzertabend zurück. Während andernorts in der Rhön die Kanäle überflutet wurden, herrschte im Staatsbad eitel Sonnenschein. Es war sogar so warm, dass Schwächeanfälle bei älteren Konzertbesuchern nicht ganz ausblieben. Die zahlreichen Helfer vor Ort reagierten schnell und hatten die Lage jederzeit unter Kontrolle. Auch das Verkehrskonzept der Polizei ging auf. Routiniert wurden die Massen ins Staatsbad und wieder aus dem Sinntal herausgeführt. Und diese Aufgabe war auch mit Hinblick auf das derzeitige Nadelöhr in Bad Brückenau wahrlich keine leichte.


Zaungäste

Rechnet man die zahlreichen Zaungäste im Staatsbad dazu, dann dürften am Sonntagabend sicherlich rund 6000 Menschen das Geschehen verfolgt haben. Pur-Frontmann Engler bezog sogar die Zuschauer im Bereich des Fürstenhofs mit ein, die zwar vermutlich keinen Eintritt bezahlt hatten, aber dennoch gerne mitklatschten, mittanzten und mitsangen. Selbst beim Handy-Lichtermeer ließen es sich die Zuschauer außerhalb des eigentlichen Konzertgeländes nicht nehmen, zur beeindruckenden Kulisse ihren Anteil beizusteuern. Pur nahm diese Kuriosität gelassen, auch wenn nicht alle verfügbaren Karten im Vorverkauf an den Mann gebracht werden konnten. Im dunklen Schlosspark jedenfalls haben Pur ein Glanzlicht setzen können. Und ein fröhliches Zeichen in unruhigen Zeiten gegeben. Ganz im Sinne von "Achtung und Respekt", wie es Engler in einem seiner neuen Hits besingt. Diese schlichte Botschaft kommt an. Auch bei denen, die keine leidenschaftlichen "Pur"-Anhänger sind.

Im September 2015 erschien das Pur-Album "Achtung", das beim Auftritt in den Mittelpunkt gerückt wurde. Pur überraschte hier zum Teil durch ziemliche modernen Pop-Sound, ohne sich aber von seinen typischen Stil zu verabschieden. Die Fans forderten immer wieder die unzähligen alten Hits und bekamen sie natürlich auch. Pur gehört zu den wenigen deutschen Bands, die ihre Ohrwürmer gar nicht alle in ein Konzert packen können. Wer gerne Radio hört, der kann bei Pur reichlich viele Lieder mitsingen oder zumindest mitsummen.


Je dunkler, desto besser

Hartmut Engler kostete das auch in Bad Brückenau immer wieder aus und ließ das Publikum kräftig mitsingen. "Lena" - bis heute ist der Titel ein absoluter Publikumsfavorit. So auch im Staatsbad. Je dunkler es wurde, und je länger das Konzert dauerte, umso stärker entfaltete sich das Können von Pur. Bühnenprofis sind sie allesamt, einige studierte Musiker sind immer noch dabei, für die publikumswirksame Show ist aber nach wie vor nur der Frontmann zuständig.


Schwäbische Bescheidenheit

Der kann das, der macht das gerne, der kostet den Applaus aus. "Eine etwas betagte Schülerband" sei Pur mittlerweile, scherzt Engler am Rande des Konzerts. Das ist natürlich schwäbisch-bescheiden und maßlos untertrieben.
Denn wenn man sich mal ernsthaft darüber Gedanken macht, wie viele Hits der Band tatsächlich gelungen sind, dann kommt man mit dem Zählen nicht nach. "Freunde", "Ich lieb' dich", "Hör' gut zu", "Wenn du da bist", "Ein graues Haar", "Hab' mich wieder mal an dir betrunken" und "Funkelperlenaugen".
Die Liste ließe sich noch weiter führen. Auch Hartmut Englers Teilnahme an dem Erfolgskonzept "Sing meinen Song - Das Tauschkonzert" hat die Popularität der Band sicherlich beflügeln können. Und die TV-Serie trug erstaunliche Früchte: Engler und Xavier Naidoo haben, inspiriert durch ihre Erlebnisse und die Zusammenarbeit in Südafrika, zum ersten Mal in ihrer Karriere einen gemeinsamen Titel geschaffen - "Wer hält die Welt".


Herausragende Live-Qualität

Vor genau 30 Jahren wurde Pur Bundesrocksieger. In den 90er Jahren setzt ein regelrechter Hype ein, den so wohl kaum einer für möglich gehalten hatte. Und dabei spielt immer die herausragende Live-Qualität der Band eine große Rolle. Es verwundert nicht, dass Pur mittlerweile auf der Bühne den Perfektionismus lebe. Das mag alles mitunter etwas zu glatt und einstudiert daherkommen, aber es ist eben musikalische Professionalität.