Die olympischen Winterspiele sind Geschichte, aber im Anschluss daran finden in Sotschi die Paralympics 2014 statt. Und wovon hunderte junge Nachwuchsathleten träumen, der 14-jährige Maximilian Jäger aus Bad Brückenau hat es geschafft. Er nimmt mit neun behinderten und nichtbehinderten Jugendlichen aus ganz Deutschland am 2. Paralympischen Winter-Jugendlager der Deutschen Behindertensportjugend (DBSJ) in Sotschi teil. Vor einem Jahr hat er sich um einen der wenigen Plätze beworben. Teil der Bewerbung war auch ein Motivationsschreiben.

Beim Blick in die funkelnden Augen des aufgeweckten Jungen kann leicht erahnt werden, dass dieses so großen Eindruck gemacht hat, dass er nun zu dieser kleinen Gruppe jugendlicher Wettkampfsportler der verschiedensten Disziplinen gehört, die am Donnerstag für zwölf Tage nach Sotschi fliegen und direkt am Rande der nordischen Skiwettkämpfe die Spiele hautnah erleben werden.
Maximilian lebt Sport, mit eisernem Willen und Selbstdisziplin, ja seine ganze Familie lebt Sport für, wegen und mit Maxi, wie er zumeist genannt wird.

Mit vier auf Skiern

Was etwa bei 300 Schwangerschaften im Jahr in Deutschland passiert, das ist auch Barbara und Thomas Jäger widerfahren. Ihr Ungeborenes erlitt aus unbekannten Gründen einen Schlaganfall im Mutterleib. Erst mit zwei Jahren erlernte Maxi mühsam das Laufen, denn seine gesamte linke Körperhälfte funktioniert nicht, ist spastisch gelähmt. Aber er hatte schon damals großes Selbstbewusstsein und Eltern, die sich nicht zufrieden gaben, ein gelähmtes Kind aufwachsen zu sehen, die Halbseitenspastik gilt als besonders herausfordernde Behinderung. So stand Maxi mit vier Jahren mit seinen sportlichen Eltern auf Skiern und bezwang die Abfahrt am Zuckerfeld.
Der weitere sportliche Weg bis jetzt war aber für die Drei nicht einfach. So gibt es nur wenige Sportarten, die für diese Art der Behinderung geeignet sind, und es gibt noch weniger Trainer, die damit nicht überfordert sind und bereit sind, ihr Übungen auf seine Behinderung einzustellen. Besonders, wenn gemeinsam mit gesunden Kindern trainiert werden soll. In Österreich nahm Maxi an zwei Skikursen für Menschen mit Handicap teil. Bereits hier löste er Begeisterung bei Skilehrern und seinen Eltern aus. Er überraschte mit besonderen Fahrkünsten, die ihn schnell vom Leistungsniveau seiner Gruppe abhoben.

"Ich habe einfach ganz schön Glück gehabt, und bin mit Talent zum Skifahren geboren worden", beschreibt Maxi sein schnelles Weiterkommen. Und so ist er mittlerweile im deutschen Paralympic-Skiteam alpin Junioren angelangt. Er fährt in den Disziplinen Slalom und Riesenslalom erfolgreich Meisterschaften. Aufgrund seines Handicaps fährt Maxi mit nur einem Stock.

"Er fährt mittlerweile so gut, dass Außenstehende meinen, er hätte nur seinen zweiten Stock unterwegs verloren, mir fährt er jedenfalls mittlerweile in punkto Technik und Geschwindigkeit weit davon", sagt sein Vater Thomas Jäger. Maxis erklärtes Ziel ist kein Geringeres, als die Teilnahme an den paralympischen Winterspielen 2018 in Pyeongchong in Südkorea. "Vielleicht auch erst 2022", so der selbstbewusste Junge, "aber dabei sein werde ich auf jeden Fall." Seine Vision: "2018 starte ich zum ersten Mal, gewinnen werde ich dann 2022." Für seine bisherigen sportlichen Erfolge wurde er als wohl jüngster Brückenauer durch die Stadt zum Sportler des Jahres 2012 gewählt. Sein Vater Thomas Jäger hat sich im Lauf der Zeit als Betreuer und Co-Trainer im Team des BVS-Landesleistungszentrums Berchtesgaden integriert. Hier wird Maxi von dem Paralympics-Medaillengewinner und Monoski-Weltmeister Karl Lotz trainiert. Mutter Barbara ist für das Management zuständig.

"Das Skifahren bringt mir am meisten, aber genauso gerne paddle ich, trainiere mit meinem Mountainbike, gehe regelmäßig in Poppenhausen klettern und trainiere zum Ausgleich auch noch Leichtathletik bei Thomas Dill im Turnverein", sagt der Sportfanatiker Maxi. Das Heimtraining absolviert er als einziger Behinderter beim KSC Gemünden mit, auch beim Gersfelder Skiclub ist er der einzige Behinderte in der Trainingsgruppe. Klettern betreibt er therapeutisch. "Die Anforderungen beim Klettern auf Ganzkörperspannung und Halten mit allen Gliedmaßen bringen ihn unheimlich voran", sagt Thomas Jäger zur Wertigkeit des Kletterns. Und so gibt es für Maxi, der seit letztem Sommer in die 5. Klasse der Montessorischule in Sandberg geht, dort als neue Fremdsprache Spanisch lernt und wo er optimale Fördermöglichkeiten genießen kann, kaum Zeit zu faulenzen.

Großer familiärer Zusammenhalt

Große Unterstützung erfährt Maxi von seinen beiden jüngeren Schwestern und die größten Fans, die zehnjährige Anne fährt genauso begeistert Ski, die siebenjährige Jette hat Spaß am Kanusport gefunden. Hier wird deutlich, wie der familiäre Zusammenhalt der Jägers für Maxis sportlichen Erfolg mitverantwortlich ist. Ohne das Engagement der Eltern wäre das so nicht möglich. Die unzähligen Stunden auf der Autobahn bei Fahrten zu Kadermaßnahmen nebst Übernachtungen, die Ausrüstung all das erfordert einen hohen finanziellen Aufwand, der nur durch einige engagierte Sponsoren zu meistern ist.
"Jeder bekommt seine Aufgabe im Leben und die haben wir bekommen. Wir sehen alles als Geschenk", kommentiert der Vater den hohen Aufwand mit seinem Sohn und vor allem die stetige Reduzierung der Behinderung." Maxi soll später ein selbstbestimmtes Leben führen, dafür tun wie alles nur Erdenkliche". Hierzu zählt auch eine spezielle Operation im letzten Jahr in München. Ein Spezialist hat hierbei die durch die Spastik verkürzten und verkrampften Muskeln geweitet. Dadurch ist der tägliche Sport nun auch Mittel zum Zweck, denn ohne Sport würden sich die Muskeln seiner geschädigten Körperhälfte wieder verkürzen und verkrampfen, was im schlimmsten Fall zu Wirbelsäulen und Hüftschäden führen würde.

Auch ein Künstler

Abseits des Sports ist Maximilian über eine Therapiemaßnahme zur Kunst gekommen. Mit einer speziellen Maltechnik kreiert er großformatige expressionistisch wirkende Gemälde. Im Zuge einer wohltätigen Versteigerung erzielte eines seiner Werke über 5000 Euro. Jetzt dürfen wir gespannt sein, was Maxi bei den Paralympics in Sotschi nach seiner Rückkehr zu erzählen hat. Wer in kennen darf, weiß, dass es taglang begeistert aus ihm heraussprudeln wird, und vor allem wird es ihm einen neuen Motivationsschub geben für seine sportliche Weiterentwicklung, egal in welchem Sport.