Es sind ein paar Stufen bis zum "Fußgänger", die Tür klappt. Drinnen ist nichts los unter der Woche. "We Weren't Born to Follow" singt Bon Jovi aus der Musikanlage, an die Thomas Noggler seinen Laptop angeschlossen hat. Der Barkeeper hat sein Smartphone am Ohr: "Was machst'n grad'?", fragt er ungefähr ein Duzend Mal, wenig später klappt die Tür wieder. Sechs junge Erwachsene trudeln ein. Kommentarlos stellt Noggler jedem genau das Bier hin, das der immer bestellt. Er kennt seine Stammkunden und genau das sind die jungen Leute. Und wenn Noggler jetzt seine Kneipe in der Altstadt dicht macht, wissen die nicht mehr, wo sie hingehen sollen.

Ende Januar macht der Fußgänger zu... wie ist die Stimmung?
Max:
Nicht gut. Es ist echt schade, dass man die Leut' dann nicht mehr so oft sieht.
Mark: Der Fußgänger war bis jetzt mein Lieblingsort...
Thomas: Meine Erfahrung ist: Erst beschweren sich die Leute, dass nichts los ist. Dann macht jemand was auf und niemand geht hin. Wenn der dann schließt, beschweren sich die Leut' wieder.
Marek: Gibt's dann noch irgendwas, wo man hingehen kann?
Pia: Eher nicht... Lauf doch mal durch die Fußgängerzone: Der Laden schließt, dieses Geschäft hat zu... Die Stadt stirbt aus.
Marcel: Aber es kommt doch das neue Fachmarktzentrum (lacht). Eines ist klar, wenn das kommt, stirbt die Innenstadt komplett aus.
Pia: Das Einkaufszentrum, das sie planen, ist schön und gut. Die Stadt stirbt weiter.

Moment ... Gibt's denn auch was, das gut läuft in Bad Brückenau?
Pia:
Das Kurstift und alles für die Kurgäste und älteren Leute.
Lukas: Als Kurstadt funktioniert Bad Brückenau einwandfrei. Die Leute kommen gerne hierher.
Pia: Hier kommen ja sogar Promis her.
Lukas: Aber die Stadt als Stadt funktioniert nicht. Unsere Generation fühlt sich überhaupt nicht angesprochen. Es wird nur eine Zielgruppe angesprochen.
Marek: 40 Plus...

Aber es muss doch auch irgendetwas positives geben...
Pia:
Das Kino!
Marcel: Runderneuert, offen und sehr gut. Und sogar mit 3D.
Lukas: Sobald ein Film hier kommt, der mir gefällt, geh ich sofort rein.
Mark: Vielleicht noch das Schwimmbad, aber sonst nichts. Es gibt echt gar nichts mehr.
Marek: Als ich jung war... da wurde das JUZ geschlossen, als ich 16 oder 17 Jahre alt war. Ich habe mich ab und an dort mit Freunden getroffen. Ich kenne die Hintergründe nicht, aber das JUZ wurde von einen Tag auf den anderen geschlossen.

Aber das JUZ ist doch wieder geöffnet. Die Stadt hat sogar einen Jugendsozialarbeiter eingestellt.
Mark:
Ich war noch nie im JUZ. Ich habe auch noch nie Leute getroffen, die da hingegangen sind.
Marcel: Doch, ich. Aber ich war seit der Neueröffnung nicht mehr drin.
Lukas: Ich war auch nur bei der Eröffnung kurz oben. Es ist bedeutend kleiner geworden als früher. Und es spricht nicht alle Gruppierungen an.
Marek: Naja, es ist ja auch eher was für jüngere Leute.
Pia: Ich denke, das ist ein guter Ansatz, aber das JUZ ist zu wenig bekannt.
Lukas: Die Schulen wissen das wahrscheinlich alle, aber darüber hinaus...
Max: Ich denke, dass sich da viele Jugendlichen nicht willkommen fühlen.

Wie meinst du das?
Max:
Na, das ist eher Oberschicht oder so. Der Fußgänger war immer ein Auffanglager. Die Leute, die hierher kommen, habe ich vorher noch nie gesehen. Aber mittlerweile sitzen wir hier, als würden wir uns seit Jahren kennen.
Marcel: Das ist ja das Geile am Fußgänger: Das ist genau das Ding, das unsere Altersgruppe anspricht. Hier setzt du dich rein, es läuft Musik. Du trinkst was gemütlich und gehst draußen eine rauchen.
Max: Ich will das JUZ ja auch nicht schlechtreden. Aber vielleicht könnte man auf alle Leute zugehen.
Marek: Wie früher in der Tangente. Da waren alle Leute drin.

Ihr seid noch so jung und redet ständig davon, dass früher alles besser war... das scheint ein Brückenauer Virus zu sein.
Thomas:
Aber es stimmt doch. Früher war´s einfach so, da konntest du in die Stadt gehen und du hast immer Leute getroffen: im Firlefanz, in der Tangente, im Fußgänger oder im JUZ.
Marcel: So ein zentraler Treffpunkt fehlt am Wochenende, wenn der Fußgänger nicht mehr da ist.
Thomas: Für mich steht fest: Einer von zehn meiner Stammgäste wird vielleicht woanders hingehen. Die anderen bleiben ganz weg.

Und dann wird die Stadt noch leerer...
Lukas:
Das ist ja das Hauptproblem in Brückenau. Was ich mir wünschen würde, wäre etwas Alternatives, wo man auch als Andersdenkender hingehen kann. Eben Punks, Rocker, Freaks.
Marcel: Oder Normalos. (lacht)
Pia: Im Endeffekt bräuchten wir wieder so etwas wie den Fußgänger, wo Ü20 hingehen kann.
Marek: Aktuell gibt's ja nichts.
Marcel: Doch, das Irish Pub in Kothen. Aber das ist ja schon wieder eine halbe Weltreise...

Und wie geht's mit euch weiter? Also überhaupt... bleibt ihr in der Region?
Mark:
Mal gucken... ich werde die Ausbildung hinter mich bringen und meinen Führerschein machen. Und wenn ich hier nichts finde, dann geh ich weg.
Pia: So wie der Großteil.
Marcel: Das kommt für mich nicht in Frage. Man hat immer noch sich selbst. Dann treffen wir uns eben zuhause.
Max: Ich würde liebend gern hier bleiben, denn ich fühle mich hier eigentlich wohl.
Aber jobmäßig hast du hier Null Möglichkeiten - außer als Bürohengst oder als Handwerker.
Pia: Ich bin auch nur noch hier, weil ich in Fulda studiere.
Max: Das musst du dir mal überlegen: Ich habe schon mit 17 Jahren angefangen zu überlegen, wo es hingehen könnte. Ich hätte nie gedacht, dass ich mit 18 sozusagen gezwungen bin, hier wegzugehen. Das habe ich mir anders vorgestellt.

Vielen Dank für eure Meinung!

Das Gespräch führte Ulrike Müller.



Die Protagonisten:

Pia Karina Pömpner
ist 24 Jahre alt und wohnt in Schondra. In Fulda studiert sie Haushalts- und Ernährungswissenschaften. Über Bad Brückenau sagt sie: "Die Stadt stirbt aus".

Lukas Beck ist Landschaftsgärtner und schafft bei Baumgart in Schondra. Ab Februar wird der 23-Jährige aus Mitgenfeld bei der Staatlichen Kurverwaltung Bad Brückenau anfangen. Er sagt: "Die Stadt als Kurstadt funktioniert. Aber die Stadt als Stadt funktioniert nicht."

Marcel Thomas ist Maler und Lackierer und arbeitet bei Ipt in Stangenroth. Der 23-jährige Oberleichtersbacher würde in Zukunft zum Irish Pub nach Kothen fahren, auch wenn das "schon wieder eine halbe Weltreise" ist.

Marek Machalewski kommt aus Schondra. Als Hilfsarbeiter im Landschaftsbau ist er in der Region geblieben. Der 25-Jährige ist frustriert: "Es gibt aktuell nichts, wo man hingehen kann".

Mark Fritsche ist 17 Jahre alt und ist wegen seiner Ausbildung bei Hanse Haus nach Modlos gezogen. Dort lernt er Maler und Lackierer. Über die Kneipe in der Altstadt sagt er: "Der Fußgänger war bis jetzt mein Lieblingsort".

Max Kraushaar lebt seit seinem sechsten Lebensjahr in Bad Brückenau. Der 18-Jährige hat die FOS abgebrochen und macht gerade eine arbeitsfördernde Maßnahme in Bad Kissingen. Eigentlich hätte er gern Veranstaltungskaufmann gelernt, aber "hier in der Gegend ist das schwierig".

Thomas Noggler betreibt seit Mai 2013 den "Fußgänger". Der 26-Jährige Restaurantfachmann aus Bad Brückenau wollte schon immer seine eigene Bar haben. Doch nach nur acht Monaten Betrieb schließt er am Samstag, 25. Januar, die Kneipe in der Altstadt wieder. Für ihn steht fest: "Einer von zehn meiner Stammgäste wird vielleicht woanders hingehen. Die anderen bleiben ganz weg"