Wer als Kind in den 1960er Jahren widerwillig in Stralsbach zur Schule ging, den plagte schon am frühen Morgen im Halbschlaf die Vorahnung, in ungeliebten Fächern von Lehrerin Irmgard Lichtenstern und Schulleiter Hubert Wolff ausgefragt zu werden. Die Junglehrerin und der Schulleiter hingegen fanden in Stralsbach das Glück ihres Lebens. "Unter den Erwachsenen war es damals das beliebteste Dorfklatsch-Thema", lacht Irmgard Lichtenstern, jetzige Wolff.

Beinahe wäre es nicht zu der Liebesgeschichte gekommen, denn die gebürtige Augsburgerin wollte eigentlich nicht in die Rhön versetzt werden. "Das war schon ein harter Schlag, als mir nach dem Pädagogik-Studium sehr kurzfristig mitgeteilt wurde, innerhalb weniger Tage müsse ich meine erste Stelle in Stralsbach antreten", sagt sie. "Diesen Ort musste ich auf der Landkarte erst einmal finden."

Die damals 23-Jährige hatte keinerlei pädagogische Praxiserfahrung, das Zweite Staatsexamen legte sie erst drei Jahre später ab. "Eigentlich wollte ich Medizin studieren, aber dann musste ich im Praktikum zuschauen, wie einem Mädchen nach einem schlimmen Unfall die Hand wegoperiert wurde. Das hat mich von meinem Wunsch, Ärztin zu werden, sofort kuriert", erzählt sie.

Romanze in der Schule

In Stralsbach hatte sich die junge Lehrerin mit dem nur wenige Jahre älteren Hubert Wolff zu arrangieren. Der war zwar schon Schulleiter, aber ebenfalls ohne Zweites Staatsexamen. "So war es damals: Wir wurden quasi wie Nichtschwimmer ins kalte Wasser geworfen", sagt Hubert Wolff. Er erinnert sich. "Die damals gerade fertig gebaute Stralsbacher Schule war die modernste im Landkreis." Als der Schulrat aus Würzburg zur Visite anreiste, sei der vor Neid erblasst. "Sie haben ja Teppiche im Büro und im Lehrerzimmer. Und Nussbaum-Möbel!", sagte der Mann. "Natürlich furniert", amüsiert sich Wolff.

Alsbald entwickelte sich zwischen Irmgard Lichtenstern und Hubert Wolff eine Romanze, die sie zwar vielleicht vor den Schülern, aber nicht vor der kleinen Dorfgemeinschaft verbergen konnten. "Wir wohnten in nahe beieinander gelegenen Häusern zur Untermiete", so Hubert Wolff. "Stralsbach war ja damals noch kleiner als heute. Da blieb also nichts verborgen."

"Irgendwie passte unsere Liebesgeschichte auch genau in das Lebensgefühl einer neuen Zeit", erinnert sich Irmgard Wolf. "Es war kein Tabu mehr, selbst im kleinen Stralsbach nicht, dass Lehrerin und Lehrer sich ineinander verliebten." Die 1960er Jahre waren eine Zeit vieler gesellschaftlicher Umbrüche. Die Film-Industrie zauberte damals viele äußerst beliebte Produkte in die Kinos, in denen verknöcherte deutsche Schulleben veralbert wurde. Titel wie "Hurra, die Schule brennt", "Pepe der Paukerschreck" und "Die Lümmel von der ersten Bank" lockten Millionen in die Kinos, um Theo Lingen, Peter Alexander, Heintje und Uschi Glas in kuriosen Rollen zu sehen.

Einweihung der "Alten Schuel"

Das Ehepaar Wolff wohnt mittlerweile in Augsburg und hat vier Kinder. Zur Einweihung des Projekts "Alte Schuel" am Wochenende waren sie zu Besuch in Stralsbach. Die einst selbstständige Volksschule Stralsbach drohte zu vergammeln wie die mittlerweile abgerissene Stralsbacher Schule aus dem 19. Jahrhundert. Um das zu verhindern, hat Berthold Kröckel mit Monika Knauer, Johanna Wurster und vielen anderen im Juni 2011 den "Förderverein Dorfgemeinschaft Stralsbach" gegründet. "Der Bau aus den 1960er Jahren war renovierungsbedürftig", sagt Kröckel. "Die Zustimmung in Stralsbach war überwältigend. Wir wollen allen Generationen im Ort eine Heimat für ihre vielfältigen Interessen bieten. Vielleicht entwickelt sich um die ,Alte Schuel‘ eine neue Art von Dorfkultur."

6800 Arbeitsstunden

50 ehemalige Schülerinnen und Schüler saßen mit ihren damaligen Lehrern Irmgard und Hubert Wolff bei Kaffee und Kuchen beisammen. Geführt von Gabriele Wehner, überzeugten sie sich bei einem Rundgang durchs Gebäude, wie stark ihre "Alte Schuel" sich verändert hat. Pfarrer Stephan Hartmann segnete das durch viel Eigenarbeit von Bürgerinnen und Bürgern geschaffene Werk. 6800 Arbeitsstunden wurden in vier Jahren von 51 Bürgerinnen und Bürgern geleistet. Die "Alte Schuel" wurde generalsaniert und ist jetzt ein Begegnungszentrum für den Ort.

Spirit of Stralsbach

Der für Mainfranken zuständige "Leader"-Koordinator Wolfgang Fuchs würdigte beim Festakt ebenso wie Bürgermeister Waldemar Bug und stellvertretender Landrat Emil Müller das Konzept des Stralsbacher Fördervereins. Ein neues "Wir-Gefühl" sei in Stralsbach entstanden. Bürgermeister Bug gratulierte zum ersten Leader-Projekt in Burkardroth. Der Finanzierungsplan sei im geplanten Rahmen geblieben.