Mit schmetternden Posaunenklängen des Bad Brückenauer Posaunenchores unter Leitung von Daniela Wagner wurde das Seniorenzentrum Waldenfels nach dreijähriger Bauzeit seiner Bestimmung übergeben. Doch erst zum Monatsende werden die letzten Handwerker abgezogen sein und die Bewohner des alten Seniorenheimes in den über 20 Millionen Euro teuren Neubau einziehen dürfen.
"Da ist etwas richtig Gutes entstanden", freute sich Landrat Thomas Bold in seiner Eigenschaft als Stiftungsratsvorsitzender der landkreiseigenen Carl von Heß'schen Sozialstiftung, die 2010 den Bau des neuen Seniorenzentrums beschlossen und 2013 mit dem ersten Spatenstich den Bau begonnen hatte. Seitdem waren etwa 60 Firmen und Handwerksbetriebe unter Leitung des Architekturbüros Kauffmann Theilig & Partner (Ostfildern) damit beschäftigt, den dreiteiligen Gebäudekomplex in der Ernst-Putz-Straße mit seinen 10 600 Quadratmetern Nutzfläche fertigzustellen.


Verzögerung durch Erdrutsch

Nur ungern erinnerte der Landrat an den plötzlichen Erdrutsch, der 2013 die Bauarbeiten am Hang nicht nur um ein Jahr verzögert, sondern auch unerwartete Mehrkosten verursacht hat, die "von der Stiftung allein nicht zu stemmen" waren. Bold dankte deshalb allen Zuschussgebern von Bund über Land und Kreis bis zur Stadt Bad Brückenau, betonte aber, aus den Mehrkosten würden sich keine Verteuerungen für die Bewohner ergeben. "Trotz aller Widrigkeiten" sei nun "auf einer städtischen Brache ein zukunftsweisendes Projekt" nach den aktuellen Richtlinien des für Heimbewohner verbesserten Pflege- und Wohnqualitätsgesetzes entstanden.


Gemeinsam unter einem Dach

Dieser Neubau sei erforderlich geworden, ergänzte Stiftungsvorstand Marco Schäfer, da das alte Haus Waldenfels nach 46 Betriebsjahren kaum dem Gesetz entsprechend hätte modernisiert werden können. Gemeinsam mit Landkreis, Zuschussgebern und dem Dominik-Ringeisen-Werk entwickelte die Stiftung deshalb 2010 gemeinsam mit den Architekten ein modernes Inklusionsmodell: Innerhalb eines Seniorenzentrums sollten gesunde Seniorinnen und Senioren mit Pflegebedürftigen und Menschen mit Behinderungen gemeinsam unter einem Dach leben. Im neuen Seniorenzentrum sollte also "Inklusion möglich sein, aber nicht erzwungen werden".


Miteinander in Kontakt kommen

Diese Forderung sei nun mit drei voneinander unabhängigen Wohnhäusern umgesetzt worden. Das alle drei Gebäude verbindende Erdgeschoss mit seinen Veranstaltungsräumen erlaube es jedoch allen Bewohnern, auf Wunsch miteinander in Kontakt zu kommen und gemeinsam zu feiern, so Schäfer weiter.
Das bauliche Konzept stellte Architekt Dieter Ben Kauffmann den Gästen aus Politik, Bauhandwerk und Sozialwirtschaft vor. Die drei getrennten Baukörper habe man bewusst senkrecht in den Hang gebaut, um von der Straße aus nur die Schmalseiten sichtbar werden zu lassen, die sich damit maßstäblich der vorhandenen städtischen Bausubstanz anpassen. "Wir wollten keinen quergestellten Klinikbau."
Den begrünten Innenhof nannte Kauffmann "das begehbare Herzstück der Anlage". Terrassen auf jeder Wohnebene ermöglichten den Bewohnern einen freien Blick ins Sinntal und sogar, eigene Beete anzulegen. "Wir haben ein leistungsfähiges, attraktives Haus in grüner Landschaft und doch mitten in der Stadt geschaffen." Bei aller Individualität des Wohnens habe aber konzeptionell die Inklusion von Menschen im Vordergrund gestanden.


Kirchlicher Segen

Auch Dekan Michael Krammer und der evangelische Pfarrer Carsten Friedel würdigten bei ihrer Segnung des Seniorenzentrums Haus Waldenfels das Inklusionskonzept der Anlage, das gewollte Zusammenleben Behinderter und Nichtbehinderter. Am Beispiel der Europäischen Union und der britischen Entscheidung zum Ausstieg mahnte Krammer, die Institutionalisierung der heutigen Gesellschaft gehe spürbar zu Lasten der Solidarität.
Statt harmonischen Zusammenlebens in der Gemeinschaft erstarke zunehmend der Individualismus. Das neue Seniorenzentrum Waldenfels lobte Michael Krammer deshalb: "Dieses Haus ist ein Fanal gegen Entsolidarisierung und für Inklusion."