Rhön — Das UNESCO-Biosphärenreservat Rhön ist Heimat vieler selten gewordener Tier- und Pflanzenarten. Dazu gehört die Wildkatze. Über mehrere Jahre haben Wissenschaftler sowie haupt- und ehrenamtliche Helfer den Bestand und die Verbreitung des kleinen Raubtiers erfasst und ausgewertet. Die Ergebnisse dieses länderübergreifenden Wildkatzen-Monitorings wurden kürzlich auf einem Treffen der Fachleute im Informationszentrum "Haus der Schwarzen Berge" in der bayerischen Rhön vorgestellt.
Die Wildkatze (Felis silvestris) ist vor allem nachtaktiv und deshalb in freier Wildbahn selten zu sehen. Doch sie hat eine Leidenschaft: Der Duft von Baldrian zieht sie magisch an. Das nutzen die Wissenschaftler um Daten zu sammeln. An zahlreichen Stellen wurden in der Rhön Lockstöcke aufgestellt. Das sind stark aufgeraute Holzpfähle, die mit reichlich Baldrian präpariert sind. Wenn Wildkatzen solche Stöcke riechen, reiben sie sich daran und hinterlassen dabei einzelne Haare - und damit einen genetischen "Fingerabdruck". Experten des Bereichs Wildtiergenetik am renommierten Forschungsinstitut Senckenberg haben diese Genspuren ausgewertet. Die Ergebnisse wurden nun vorgestellt und diskutiert.
"Der Wildkatze geht es offensichtlich gut in der Rhön", fasst Dr. Doris Pokorny, stellvertretende Leiterin der Bayerischen Verwaltungsstelle des UNESCO-Biosphärenreservats und Moderatorin des Experten-Treffens zusammen. "Es gibt eine vitale und sich reproduzierende Wildkatzenpopulation. Wir haben über mehrere Jahre systematisch Daten gesammelt und professionell analysieren lassen, besonders intensiv im Zeitraum 2013/14". Seit 2008 wurden im Biosphärenreservat Rhön 102 individuelle Katzen nachgewiesen. Auf Basis von Hochrechnungen gehen die Experten davon aus, dass hier etwa 200 Wildkatzen leben. Diese Zahlen hat man nur Dank des Monitorings.
Das Wildkatzen-Monitoring in der Rhön war überregional eingebunden. So erfasst der Bund Naturschutz in Bayern e. V. seit Jahren den Bestand in Bayern, und auf Bundesebene gibt es das Projekt "Wildkatzensprung", das vom BUND e.V. getragen wird. Übergeordnetes Ziel ist die Förderung der Biodiversität. Im Zeitraum 2013/14 hatte in der Rhön die Bayerische Verwaltungsstelle des Biosphärenreservats die Federführung. Davor gab es bereits ein Vorläufer-Projekt des Vereins RhönNatur. Die länderübergreifende Datenerfassung konzentrierte sich auf fünf Rasterflächen in verschiedenen Bereichen der Rhön. Aus den Ergebnissen kann man gesicherte Rückschlüsse ziehen, etwa über den idealen Lebensraum der europäischen Wildkatze: Der nächtliche Jäger fühlt sich in naturnahen, abwechslungsreichen Laubmischwäldern besonders wohl, braucht aber auch die Nähe zu strukturreichem, offenem Land, um zum Beispiel auf Wiesen zu jagen. Die Wildkatzen schaffen es, die meisten ihrer Jungen durchzubringen. Dabei kommt den Tieren entgegen, dass sie in der Rhön mit Ausnahme des Uhus keine natürlichen Feinde haben. Ihr größter "Gegner" ist das Auto: Jahr für Jahr werden zahlreiche Wildkatzen überfahren.

Wichtiges Durchgangsgebiet

Spannend ist die Frage, ob die Wildkatzen hier immer schon gelebt haben oder in den letzten Jahren neu zugewandert oder zurückgekommen sind, wie z. B. der Biber. Nach Einschätzung der Wissenschaftler trifft wahrscheinlich beides zu. Man vermutet, dass es in der Rhön stets einen Pool heimischer Wildkatzen gab, die nur noch nicht erfasst waren. Hinzu kamen dann die Nachkommen von im Spessart ehemals ausgewilderten Wildkatzen sowie sicherlich auch Zuwanderer aus dem Norden und Osten der Bundesrepublik. Diese Tiere haben sich zu einem populationsbiologisch vitalen Bestand mit vergleichsweise hoher Dichte vermischt. Die Rhön ist außerdem ein wichtiges Durchgangsgebiet für die Wildkatze. "Wenn man tief im Wald eine Katze sieht, ist dies mit großer Wahrscheinlichkeit eine Wildkatze", lautet die Faustregel der Wissenschaftler.

Helfer für die Forstleute

Die wenigen Unterscheidungsmerkmale zur Hauskatze (etwa die deutlich abgesetzten schwarzen "Ringe" am Schwanz) sind für den Laien und aus der Ferne meist nicht erkennbar. Wildkatzen kommen in verschiedenen Fellfarben von grau bis bräunlich vor, haben feste Reviere und ernähren sich vor allem von Mäusen. Das macht sie aus der Sicht der Forstleute zu "Nützlingen", denn Mäuse fressen auch Baumsamen und erschweren damit die natürliche Verjüngung im Wald. Zweifellos gehört die Wildkatze zu den Sympathieträgern des Biosphärenreservats. Sie ist nach Bundesjagdrecht ganzjährig geschont sowie international und nach EU-Recht geschützt.
"Die Rhön hat eine Verantwortung für die Wildkatze. Heute, am Ende unserer systematischen Bestandserfassung, wissen wir deutlich mehr über die Tierart als noch vor wenigen Jahren. Deshalb können wir das Projekt nun guten Gewissens abschließen", resümiert Dr. Pokorny.
Die Forstverwaltungen und Forstbetriebe, die Genetiker des Instituts Senckenberg, die Verwaltungsstellen des Biosphärenreservats und nicht zuletzt die freiwilligen Helfer, die die Lockstöcke betreuten, hättern länderübergreifend hervorragend zusammengearbeitet. Das habe sich gelohnt. Es bestehe akut kein Handlungsbedarf: "Die Wildkatze fühlt sich in der Rhön daheim und ist hier sehr willkommen", meint Pokorny. Damit dies auch in Zukunft so bleibt, sollten vor allem in der waldbaulichen Praxis weiterhin Maßnahmen zugunsten der Wildkatze umgesetzt werden. Forschungsbericht und Broschüre sowie weitere Infos zur Wildkatze unter: www.brrhoen.de/266-die-wildkatze-in-der-rhoen