Da staunten selbst die erfahrensten Bad Brückenauer Tätsch'r nicht schlecht: Anlässlich des 125-jährigen Bestehens des Tätsch'r Vereins wagte sich die erste Bürgermeisterin Brigitte Meyerdierks in luftige Höhen und ließ sich von der Bad Brückenauer Feuerwehr per Drehleiter mindestens auf halbe Höhe des Zunftbaumes befördern. Während die Zuschauer unten auf dem Marktplatz neugierig die Hälse streckten, brachte Meyerdierks flugs das fehlende Vereinsemblem der Tätsch'r an der letzten freien Stelle des Zunftbaumes an.

"Gut Reif", die traditionelle Begrüßungsformel der Tätsch'r, prangt nun zusammen mit dem Stadtwappen und dem Schriftzug des Vereins weithin sichtbar auf dem gelben Schild an oberster Stelle. Unter tosendem Applaus wurde die Drehleiter samt Bürgermeisterin wieder eingeholt. Anschließend spielten die Brückenauer Georgi Bläser ein Ständchen, die schon beim Festzug durch die Stadt musikalische Begleiter der Tätsch'r gewesen waren. "So einen urigen, so einen tollen, so einen einzigartigen Verein hat die ganze Region nicht", sagte Meyerdierks.
Traditionsgemäß hatten sich die Tätsch'r mit Frack, Fliege und Zylinderhut gekleidet und machten bei ihrem Festzug vor allem an Bauwerken halt, die der Verein selbst errichtet oder gestiftet hatte: am Tätsch'r Brunnen am historischen Rathausplatz zum Beispiel. Die Erhaltung und Pflege alter Brückenauer Tradition, Brauchtum und Sprache hat sich der Verein auf seine Fahnen geschrieben. Darüber hinaus geht es den Tätsch'rn auch um die Verschönerung des Stadtbildes, um die Förderung von Kultur, Geselligkeit und Gemeinsinn. "Das soll auch in Zukunft so bleiben", machte Axel Zeier, der heutige Vorsitzende der Tätsch'r, deutlich.

Einzigartige Zusammenarbeit

Spielplätze, Denkmäler, Brunnen, Statuen - wer durch Bad Brückenau streift, findet Werke der Tätsch'r an ganz unterschiedlichen Ecken. "Die Zusammenarbeit der Tätsch'r mit der Stadt war schon immer einzigartig. Es ist toll, was der Verein schon alles geleistet hat", zeigte sich Meyerdierks begeistert.
Doch selbst als Bürgermeisterin hat sie keine Chance, bei den Tätsch'rn aufgenommen zu werden. Denn ordentliches Mitglied kann nur "jeder männliche, unbescholtene Bad Brückenauer Bürger werden", heißt es in den Statuten des Vereins, der eine reine "Männerangelegenheit" ist.
Walter Schöpfner steuerte beim Festzug immer wieder Gedichte und Lieder in echter "Bröggenäer" Mundart bei und erklärte die Bedeutung vieler, fast schon in Vergessenheit geratener Bad Brückenauer Begriffe. "Es ist gut, dass wir so Jemanden haben, der den originalen Brückenauer Dialekt in all seinen Facetten beherrscht und alte Geschichten und Bräuche sehr gut kennt", sagte Vorsitzender Zeier. Denn der Verein kümmert sich keineswegs nur um den Erhalt von Bauwerken oder das Errichten von Denkmälern, mit dem traditionellen Johannisfeuer oder der Veranstaltung "Sinn in Flammen" tragen die Tätsch'r auch zum kulturellen Leben der Stadt bei.
"Wir brauchen solche Veranstaltungen, damit wir auch weiterhin viel Gutes für die Stadt zun können", macht Zeier klar. Und ein Tätsch'r zu werden, ist gar nicht so leicht: Die Mitglieder entscheiden selbst, wer in den Kreis der Tätsch'r aufgenommen wird und wer nicht. Ursprünglich hatten tatsächlich nur gebürtige Bad Brückenauer eine Chance, in den Verein aufgenommen zu werden. Mit dem Wegfall der Geburtenstation in der Kurstadt dürfte zumindest diese Tradition nicht mehr konsequent weiterverfolgt werden. Und so geht es mittlerweile mehr darum, dass die neuen Mitglieder engagierte, interessierte und motivierte Bad Brückenauer Bürger sind.
Mit Musik, Gesängen, Gedichten und Anekdoten machten sich die Tätsch'r auf den Weg in die Brückenauer Altstadt, wo es abschließend Freibier gab. Auch das Tätsch'r Lied wurde angestimmt, das Walter Schöpfner auswendig kennt und vorsingen durfte. Die Jüngeren behalfen sich mit dem Textblatt, das natürlich in "Bröggenäer" Mundart gehalten war.