Es war der Blick, der bei Klaus Wiesler hängengeblieben ist. Er hat ihn auf der Todesanzeige wiedererkannt. "Genauso hat er mich angeguckt", sagt Wiesler. Er schaut durch die Windschutzscheibe auf die brache Fläche, wo einst die Kirche in Oberwildflecken stand. Es war purer Zufall, dass eine Streife der Brückenauer Po lizei just zu dem Zeitpunkt in Oberwildflecken unterwegs war. "Wir standen in der Schlesierstraße an der Absperrung", er innert sich Wiesler. Er hat den Giebel einstürzen sehen.
Am 13. Mai 2014, einem Dienstag, verunglückte der Ju nior-Chef eines Abbruchunternehmens aus Niederbayern beim Versuch, die ehemalige Kirche in Oberwildflecken einzureißen. Teile des Giebels begruben den 31-Jährigen im Führerhaus seines Baggers. Er starb - von Rettungskräften umringt - noch unter den Trümmern.
"Es hat gedauert, bis ich zu ihm durchkam", erzählt Wiesler. Im Inneren der Kirche lag überall Bauschutt. Schnell wird Wiesler klar, dass es keine einfache Bergung werden würde. Er hört das Wimmern des Verletzen. "Es tut mir alles weh", habe der Mann gesagt, das Gesicht aschfahl vom Schock. Wiesler setzt den Notruf ab, hält ständig die Verbindung zur Einsatzzentrale in Würzburg, damit die Kol legen mithören, was passiert.

Den Verletzten nicht allein lassen

Wiesler bleibt da. Bewusst. "Damit er nicht das Gefühl hat, allein gelassen zu sein." Und dann erzählt der Polizist die Ge schichte mit der Hand. 15 Jahre war er bei der Verkehrspolizei, fuhr mit dem Motorrad zu Einsätzen auf der Autobahn. "Einmal ist ein Pkw von hinten unter einen Lkw gerutscht. Der Fahrer war eingeklemmt, man hat nur noch die Hand gesehen." Wiesler hält die Hand, sonst nichts. Wie durch ein Wunder überlebt der Mann. Er meldet sich bei Wiesler, erzählt, wie viel ihm der Beistand bedeutet hat. "Das bleibt hängen."
"Ich kann in dem Moment nur da sein", sagt Wiesler. Auch wenn sich die Minuten ziehen, bis die Retter kommen. Später erzählt er seiner Frau von dem Unfall. "Sie ist eine gute Zuhörerin. Wenn man jemanden hat, dem man das Ganze erzählen kann, dann kann man damit auch umgehen."

Hilfe für die Helfer

Einsätze wie dieser bringen die Beamten an ihre Grenzen. Deshalb gibt es das Angebot der psychologischen Betreuung für die, die als erste da sind, wenn etwas passiert. Sowohl die Einsatzzentrale in Würzburg als auch sein Dienststellenleiter hätten Hilfestellung signalisiert, erzählt Wiesler. "Das war jahrelang nicht möglich und vielleicht sogar verpönt", sagt Wiesler, der seit 1984 bei der Polizei ist. "Mittlerweile geht man da einen offeneren Weg."
An der Straße, wo der Unfall passierte, steht ein Stromkasten. Drei Steine liegen darauf, eine Engelsfigur. Klaus Wiesler stellt eine Kerze dazu, die er zum Ge denken an den Verstorbenen angezündet hat. Mit großer An teilnahme haben die Oberwildfleckener auf das Unglück reagiert. Viele erinnerten sich, dass schon beim Bau der Kirche ein Arbeiter starb. Das war im Jahr 1965. Beim Requiem, das Pfarrer Florian Judmann und der im November verstorbene Generalvikar Karl Hillenbrand feierten, war die Kirche in Wildflecken brechend voll.

Alter Taufstein wird aufgestellt

Nun ist auf dem Platz, wo früher die Kirche "St. Kilian und St. Ja kobus" stand, nur noch ein Haufen Erde zu sehen. Hier soll ein Dorfmittelpunkt mit einer klei nen Kapelle entstehen. Die Details des Rohbaus werden derzeit im Bauamt des Bischöflichen Ordinariats in Würzburg besprochen, teilt Pressesprecher Bernhard Schweßinger mit. Danach könne die Ausschreibung erfolgen. Bürgermeister Gerd Kleinhenz (PWW) steht hinter der Kapelle, trotz des Unfalls. "Das kirchliche Element ist für mich sehr wichtig für unse ren kleinsten Ortsteil." So soll der Taufstein der ehemaligen Kirche im neuen Gotteshaus einen wür digen Platz finden.
Klaus Wiesler aber wird der Ort immer an jenen 13. Mai 2014 er innern. Denkt er an seine ei ge ne Familie, wenn so etwas passiert? "Immer", sagt der 50-Jährige aus Burkardroth. Und nach einer Pause: "Der Fahrer war vom Alter her so ähnlich wie mein Sohn."