"Wir sehen hier 26 junge Mädels und Käuz, die sich alle fein herausgeputzt haben", sagte Herbert Nowak beim traditionellen Kirmestanz um den Baum in Wildflecken. "Nur der Musikzug fällt sofort auf. Die haben wohl gedacht, es ist Samstag, und man muss keine Uniform tragen." Das liege wohl daran, dass die Musiker in ihrer Uniform leichter frieren.

Bereits im August startet die traditionsreiche Wildfleckener Kirmes, denn es müssen Vorbereitungen getroffen und viele Tänze einstudiert werden. "Junge Leute, die sich für Tradition, Gemeinschaft und Gemeinsinn interessieren, sind heutzutage nicht mehr ganz selbstverständlich. Wir können daher froh und stolz sein, dass unsere Jugend die Wildfleckener Kirmes-Tradition weiterhin am Leben erhält."


Kirmes verbindendes Element

Doch wer genau hingeschaut hat, der konnte schnell erkennen: "Wir sehen mehr Dirndl als Hosen." Das liege nicht etwa daran, dass sich die Käuz mittlerweile auch Dirndl anziehen wollen. "Wir haben 16 Mädels und nur zehn Käuz." Nowak hofft, dass sich im kommenden Jahr mehr männliche Jugendliche in die Kirmesgesellschaft wagen. Denn die Kirmes sei auch ein verbindendes Element zwischen Wildflecken und Oberwildflecken, weil die Jugend aus beiden Ortsteilen gemeinsam Kirmes feiert.


Feurige Missgeschicke

Traditionell trägt der aktuelle Kirmeskönig in Wildflecken die mit Spannung erwartete Rede vor, in der kommunalpolitische und gesellschaftliche Ereignisse sowie Kuriositäten des Alltags aufs Korn genommen werden. Das diesjährige Königspaar waren Manuela Schmitt und Reinhard Bramowski, der sich selbst auf sie Schippe nahm und als ein "gelungenes Beispiel für Integration" bezeichnete. "Meine Familie ist vor 20 Jahren nach Wildflecken gekommen." Die Rede, die stets von nicht öffentlich genannten Ghost-Writern verfasst wird, streifte in humoriger Weise das Dorfgeschehen eines ganzen Jahres. In der Bischofsheimer Straße geschehen demnach so manch feurige Missgeschicke, hervorgerufen durch des Baumstammes Dicke. "Oder durch des Holzes Feuchte." Da werde notfalls auch mal mit Benzin geschürt, um die Flammen endlich zum Lodern zu bringen.


Fliegende Benzinkanister

Nicht immer allerdings mit ganz glücklichem Ausgang. Denn bisweilen gab es auch schon mal unerwünschte Nebenwirkungen, wie fliegende Benzinkanister oder heftigere Hautverbrennungen. Selbst Videoüberwachungen hätten mittlerweile Einzug in der Marktgemeinde gehalten, berichtete der Kirmeskönig. Wobei dies wohl eher der Neugierde gelangweilter Bürger, als begründetem öffentlichen Interesse geschuldet sei.


"Laien sofort Übles schwant"

Natürlich durfte auch das Thema Hallenbad nicht fehlen, das die Kirmesgesellschaft schon über viele Jahre hinweg bewegt. "Man plant und misst. Man misst und plant. Dem Laien sofort Übles schwant. 2,3 Millionen kostet es mehr, dem Bürgermeister werden die Knie schwer." Dass nun plötzlich das Aus für das Schwimmbad gekommen ist, schieben die Kirmesleute auch den Planern zu, die nicht immer mit viel Ahnung bei der Sache gewesen seien.

Dass die Wildfleckener Kirmesrede nicht mit kritischen Anmerkungen spart, gehört quasi zum guten Ton. Neben der Rede stehen aber auch die zahlreichen Tänze im Blickpunkt. Natürlich in Tracht, Dirndl und Holzschuhen. Notfalls auch in "Holzschuhen" eines amerikanischen Sportartikelherstellers. Zumindest dann, wenn die Füße größer als die hölzernen Latschen sind. In Wildflecken nimmt man auch solche Kuriositäten mit Humor und einer Portion Gelassenheit hin.