Eine ideenreiche Konzertdramaturgie ist eines der wichtigsten Markenzeichen des Bayerischen Kammerorchesters Bad Brückenau (BKO). Bei der Programmplanung für die Jahreszeitenkonzerte 2015 ließ sich Chefdirigent Johannes Moesus deshalb etwas ganz Besonderes einfallen: Inspiriert durch die Vier-Elemente-Lehre des antiken griechischen Naturphilosophen Empedokles, ordnete er jedem der vier Jahreszeitenkonzerte eines der vier Elemente zu: Luft, Wasser, Feuer und Erde. Und so wie Aristoteles zu den vier Elementen noch den Äther als die Quintessenz, also "das fünfte Seiende", hinzufügte, so erweiterte Johannes Moesus am Volkstrauertag seine Jahreszeitenkonzerte um ein Nachmittagskonzert unter dem Motto "Das fünfte Element".


Simon Gaudenz dirigiert

Als Gastdirigent konnte der Schweizer Simon Gaudenz gewonnen werden, der im Februar 2009 mit dem Deutschen Dirigentenpreis die höchstdotierte Auszeichnung für Dirigenten in Europa gewann. Von 2004 bis 2011 leitete er äußerst erfolgreich das Collegium Musicum Basel, aktuell ist er Chefdirigent der Hamburger Camerata und Erster Gastdirigent des Odense Symphony Orchestra in Dänemark. Mit der "Streichersinfonie Nr. 6", Es-Dur von Felix Mendelssohn (1809-1847) gelang dem Orchester im bezaubernden Ambiente des König Ludwig I.-Saales im Staatsbad Bad Brückenau ein hervorragender Einstieg. Danach folgte das "Divertimento für Streichorchester" Sz 113 von Béla Bartók (1881-1945). Eine überaus anspruchsvolle Konzertliteratur fordert nicht nur die Musiker, sondern auch den Dirigenten. Präzise gab dieser die Einsätze und leitete mir viel Körpereinsatz seine Musiker durch das ungewöhnliche Werk. Divertimento bedeutet hier nicht nur unterhaltsam.


Weit über Unterhaltung hinaus

Gerade der zweite Satz in seiner dunkel-düsteren Farbgebung geht weit über das hinaus, was mit dem unterhaltenden Charakter gemeint ist, der an sich den Gattungsbegriff "Divertimento" ausmacht. Bartók schrieb sein Divertimento im Schweizer Sommerurlaub, wo er angesichts von Nationalsozialismus, Verfolgung und drohendem Krieg hin- und hergerissen war, ob er noch in seiner deutsch-freundlichen Heimat Ungarn bleiben oder nach Übersee auswandern solle. Er entschied sich für Auswanderung.


Sprühen vor Vitalität

Es sind die beiden Ecksätze des Divertimento, die im Kontrast zum melancholischen Mittelsatz vor Vitalität sprühen. Jener Vitalität, die Bartók als Volksmusikforscher in den traditionellen Melodien vom Land gefunden hatte und davon als Komponist beeinflusst war, wie zum Beispiel im dritten Satz, in seinem munteren Wechsel zwischen Solo- und Tutti-Stellen. Brillant erfolgte die Umsetzung durch die 15 Musiker des BKO, die keine Wünsche offen ließen. Verstärkt durch Fagott, Oboe, Flöte und Horn erklang als letztes Werk die "Sinfonie D-Dur", Hob. I: 6, (Der Morgen) von Joseph Haydn (1732-1809). In "Le Matin" (Der Morgen) stehen Flöte, Fagott, Violine, Violoncello und Kontrabass solistisch den Streichern gegenüber. Der zweite Satz parodiert den Singunterricht, wobei die Solovioline die Rolle des Lehrers spielt.


Leichtigkeit

Wunderschön wird im ersten Satz die Morgenstimmung geschildert. Von den vorangegangenen Sinfonien unterscheiden sie sich durch den Einbau eines Menuetts als dritten Satz und den vielen Soli der verschiedensten Instrumente, was die Werke in die Nähe des barocken Concerto grosso rückt. Auch hier beeindruckte das BKO durch eine Leichtigkeit und eine herausragende Leistung. Mit riesigem, nicht enden wollendem Applaus, bedankten sich die Zuhörer für ein außergewöhnliches Nachmittagskonzert.