Er hat sich ein Herz gefasst. Samstagmittag schlendert Dirk Stumpe durch die Fußgängerzone, die Leere erschlägt ihn, wie schon so oft. "Der letzte Samstag vor Weihnachten", denkt er sich, und die "Haupteinkaufsstraße" liegt verlassen da. Nachmittags pfeift er ein Spiel, Handball in Schweinfurt. Abends bastelt der Stadtrat (PWG) aus den Bildern, die er gemacht hat, eine Collage in schwarz-weiß, Trauerrahmen außen herum. Fertig.


208 "Gefällt mir" in 24 Stunden

Montagmittag stellt er sein Werk auf Facebook. Innerhalb von 24 Stunden klicken mehr als 200 Menschen an, dass sie das Bild mögen, eine rege Diskussion entbrennt (Auszüge unten). "Krass", schreibt eine junge Frau unter das Bild. "Als ich am Samstag zu Besuch war, habe ich mich auch sehr darüber gewundert, wie leer es ist!"
Die Leere ist nicht neu. "Ein schöner Laden nach dem anderen macht zu", sagt Stumpe. Er betreibt ein Geschäft in der Altstadt, kämpft um Kunden wie die anderen auch. Schon länger trug er sich mit dem Gedanken, das einmal anzusprechen, "weil ich das nicht mehr mit ansehen kann, wie die Stadt dahinsiecht." Geschäfteinhaber und Hauseigentümer könnten das nicht mehr herumreißen, davon ist Stumpe überzeugt. "So langsam müsste die Stadt die Verantwortung übernehmen", sagt er.

Und so lautet Stumpes Appell: "Liebe Stadt, ... Du stirbst. Nein - Du bist schon fast tot. Deine Schaufenster sind leer. Die toten Augen der Stadt werden immer mehr. Die Verkäufer der letzten Geschäfte verstecken sich hinter ihren Tresen. Drinnen natürlich. Du fragst dich warum? Nein, nicht (nur) weil du ein (ebenso fast leeres) Einkaufszentrum gebaut hast. Sondern weil du den Menschen ihren Raum genommen hast. Straßen sind Räume, Plätze, Treffpunkte. Das waren sie immer schon. Es waren sogenannte ,Menschen', die ihnen eine Seele einhauchten und sie prägten. Nicht Autos!!! Rund um Menschen ließen sich andere Menschen nieder. Künstler, Handwerker, Händler. Der Handel folgt den Menschen. Umgekehrt funktioniert das Spiel nicht." Doch beim Klagen allein bleibt es nicht. " Liebe Bad Brückenauer, wir sind alle gefragt wenn es darum geht, unserer Stadt wieder Leben einzuhauchen. In jedem Kopf stecken unzählige kreative Ideen, diese möchte ich gerne sammeln und weiter transportieren in unseren Stadtrat", schließt Stumpe seinen Aufruf.


Treffen nächstes Jahr geplant

"Lieber wäre mir, man sagt nicht, Bad Brückenau stirbt, sondern die Ludwigstraße ist unser Problem", sagt Bürgermeisterin Brigitte Meyerdierks (CSU). Auch sie selbst stimme die Situation traurig. Sie weist aber darauf hin, dass es nicht nur eine Ursache für das Dilemma gebe. "Ich freue mich über jeden Lösungsvorschlag."
Dirk Stumpe jedenfalls ist überwältigt: "Die Unterhaltung finde ich jetzt schon unbezahlbar", schreibt er auf seinem Profil. Nun möchte er eine Seite auf Facebook gründen, die sich der Fußgängerzone widmet, und alle Ideen sammeln. Im nächsten Jahr soll es ein Treffen geben, zwanglos und mit allen Interessierten. "Ich finde es gut, das jetzt mal angestoßen zu haben ", sagt Stumpe.


Die Reaktionen im Netz: Eine Auswahl der Statements zur Fußgängerzone

Tania R.: Ja, ich habe die Stadt auch noch lebendig in Erinnerung... so wie früher ist es nicht mehr. Habe auch gestaunt, wie viele Läden schon wieder zu gemacht haben. Das fand ich ganz schade. Naja, schön find ich's hier immer noch. Mein Herz hängt noch ganz schön an der Heimat hier - ob die Stadt jetzt tot ist oder nicht.

Ursula S.: Sicher nicht mehr das Brückenau meiner Kindheit, doch für mich Heimat! Hoffe, dass Alt und Jung eine Lösung finden!

Dustin S.: Vielen Dank dafür, Stumpi, hab auch schon öfter überlegt, mal ein Foto von ghost ... sorry Brückenau zu machen.

Franzi S.: Ja, es muss mehr für junge Leute in der Stadt was sein, cooler Klamottenladen, gesunder Burger-Laden irgendwas, dass junge Leute wieder mehr in der Fußgängerzone sind! Kinder Second Hand-Laden würde bestimmt auch gut laufen. Jeder hat Sachen von Kindern daheim, die noch gut sind [...] und dafür jedes Mal nach Fulda zu fahren und auf die Basare zu warten, wo es dann so voll ist, ist ja auch net so toll.

Agnes K.: Auch wir, hier in Wildflecken werden von Feriengästen oft gefragt wo eine schöne, kleine Einkaufsstadt ist. Man muss schon überlegen, Bad Brückenau oder Bischofsheim...

Sebastian S.:
Bischofsheim

Steffi S.: Ein weiteres großes Problem stellt für mich das Internet dar. Wir können daher auch früher nicht mit heute vergleichen. Natürlich ist der Preis verlockend, allerdings muss jedem Käufer klar sein, dass man "Internet (meist) ohne Service" und "Handel/Fachhandel vor Ort mit Service" nicht vergleichen kann. [...] Wünschenswert wäre ein Umdenken der Käufer, der Wille, erstmal hier in BRK zu schauen, die Gastronomie zu nutzen und nicht die Krankenhaus-Kantine...

Kerstin J.: An der Schaufenster-Idee bin ich übrigens auch schon gescheitert, weil ich nicht komplett mieten wollte. Die Vermieter haben Angst, dass der Laden dann "belebt" aussieht und damit potentielle Interessenten abgeschreckt werden. Oder man erreicht die Vermieter überhaupt nicht, weil sie im Ausland wohnen...

Gustav S.: Brückenau hat noch nie was auf die Reihe gebracht [...] wie soll das mit der Fußgängerzone was werden???

Vivien H.: Sehr konstruktiv.

Christian B.: Ändern wird sich nur was, wenn IHR Amazon, Fulda und Schweinfurt abschwört... Wir sind ALLE dafür verantwortlich.

Jennifer F.: Reden ist Silber, machen ist Gold.

Claire C.: Da ist es dann aber auch zu beachten, dass es nicht wirklich in der Innenstadt für junge Leute Geschäfte gibt. Die alten Geschäfte [...] haben nicht das Sortiment, dass die jungen Leute wollen.

Laureen S.: Wie wäre es mit einem Spielwarengeschäft. Jedes Mal muss man nach Kissingen, Fulda oder Schweinfurt fahren. Eine Cocktailbar, die zum gemütlichen Beisammensein einlädt. Ein Weihnachtsmarkt, der auch einer ist! Eine Kinder-Boutique. Tierbedarf. Es gibt so viele Ideen und Möglichkeiten. [...] Bad Brückenau ist eine so bekannte Stadt, nur leider kann man die niemanden mehr empfehlen.

Stephanie K.: Meine Idee dazu wäre, setzt euch doch mal mit verzeiht mir bitte den Ausdruck, "alten Hasen"' zusammen. [...] Man sollte auch mal DANKE sagen an diejenigen, die die Stadt seit Jahren am Leben erhalten!!! Ihr habt es auch geschafft, mit der Zeit zu gehen, und ich bin mir sicher, mit ein bisschen Input von eurer Seite kann man da viel bewegen.